01.01. +++ Der Erlkönig

Erlkoenig
König Erl, aus GOETHES GEDICHTE, Ebenhausen bei München: Wilhelm Langewiesche-Brandt, 1920.

Fangen wir auf der sicheren Seite an, dachte ich mir. Was Kleines, dachte ich mir. Wo fest steht, dass es auch Kunst ist. Und nahm einen Gedichtband vom Regal, um was ganz Klassisches aufzuschlagen: Goethes Erlkönig. Und las. Was nach einem mittelschweren Mittagessen geschah (es waren Bohnen im Spiel) und nachdem ich zum Lesen die gesunde horizontale Lage auf dem Sofa eingenommen hatte. Aber es ging mir gut, ich war neugierig darauf, den berühmten alten royalen Bekannten wieder einmal zu treffen, und ich las. Und spürte: Nichts. Gut, Lyrik verlangt schon auch ein bisschen mitdenken, beziehungsweise mitfühlen, also ging ich noch mal auf Los, konzentrierte ich mich und las noch einmal. Und siehe: eine große Schwere bemächtigte sich meiner. Und es war nicht meine Frau, die ist schlank. Ein bisschen benebelt fühlte ich mich, wie wenn man eine bleierne Strickjacke anzieht. Wahrscheinlich so ähnlich wie der Vater in der Ballade. Wer ist das eigentlich, wo kommt der her und was macht der da mitten in der Nacht auf der Autobahn? Zunächst mal scheint er ja dem Erzähler beteuert zu haben, dass er alles unter Kontrolle hat; denn es heißt ja: „Er hat den Knaben wohl im Arm“, und sicher und warm. Und schlagartig versteckt sich Sohnemann verstört unter der Kuscheldecke, und Papa fragt, ob alles in Ordnung ist, worauf er antwortet: „Siehst Vater du den Erlkönig nicht?“ Es folgt ein Augenblick Stille, denn Papa hat das Autoradio ausgestellt. Mir wird auch ganz flau von dem Schrecken des armen Vaters. „Wen?“ – „Na da drüben, den Erlkönig.“ Aber da ist nichts, und der Vater kriegt Angst und jetzt legt das Kind los, spricht mit verstellter Stimme den Erlkönig und man sieht nur noch das Weiße in seinen Augen – Gott, der arme Vater, dagegen war „Der Exorzist“ echt Ferien auf dem Ponyhof. Der Sohn driftet völlig ab, Papa beruhigt ihn, gibt dabei Gas, versucht mit ihm zu reden, aber plötzlich wird es ganz still. Horror. Er hat die Leiche seines Sohns im Arm. Und woran ist er gestorben? Morbus Erl. Also nach Zweit- und Drittlektüre, einer schnellen Analyse von Versmaß und Reimschema sowie einer rasch improvisierten textimmanenten Interpretation ließ ich das Buch sinken und fiel in einen komatösen Schlaf, der leider in unruhige Träume ausfranste, in denen Jack Nicholson mit Ross und Schweif als König Erl vorkam. Und mit einigen schönen Töchtern. Später hatte ich  Verdauungsprobleme. Ich sags nur. Da ist jetzt Goethe sicher nicht oder nicht nur dran schuld, aber ich war heilfroh, das Gedicht bei Tageslicht gelesen zu haben. Meine Güte, und dieser Psychotrip gilt als Klassiker? Warum nicht gleich noch „Saw“ als Beispiel für moderne Liebeslyrik durchnehmen? Ich fasse zusammen: Die Lektüre eines als Lyrik-Klassiker geltenden Psychoschockers führte zu einer deutlichen vegetativen Verstimmung, zu Alpträumen und Blähungen. Wahrscheinlich sollte man Lyrik nur im Beisein eines Erwachsenen, nein, eines Arztes lesen.


Anwendungsgebiete: Akute Schmerzen

Einnahme: Bis nach Mitternacht warten, Buch mit Taschenlampe lesen, auf unheimliche Geräusche lauschen, gruseln. Schmerzen werden garantiert vergessen.

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