01.02. +++ Große Pizza mit allem

Tatort Köln, FREDDY TANZT (Foto: www.daserste.de)
Volkram Zschiesche, Hannes Wegener, Julian Weigend und Ursina Landi in FREDDY TANZT (Foto: www.daserste.de)
Okay, lassen wirs nochmal Revue passieren: Ein genialer junger Pianist, der auch noch ein netter junger Mann ist (mit bösem Dirigentenvater, der ihn vernachlässigt und lieber Physiotherapeutenmutter, die sich eigentlich um ihn sorgt), wird von seiner Freundin verlassen und landet auf der Straße; als er in einer Bar zum Klavierspielen anheuern will, spielt er zu gut und wird vom Chef rausgeschmissen und dann auch noch von drei Arschlochbänkern angepöbelt, die ihn, weil er so „schlecht“ Klavier gespielt hat, krankenhausreif prügeln; er schleppt sich zu einem Mietshaus, wo das ältere Ehepaar im Erdgeschoss einen esoterischen Hau hat, sein halbschwuler Bekannter ihm wegen anwesender Ehefrau nicht aufmachen kann, eine Übersetzerin mit prügelndem Ehemann, die gerade die Tochter der anschaffen gehenden Kunstprofessorin  hütet, ihm im Halbschlaf Pfefferspray ins Gesicht sprüht, worauf er die Treppe runterfällt und stirbt. Und dann kümmert sich der Kommissar noch nicht mal um seine Nachbarin, die zufällig die Mutter des jungen Opfers ist. Hoppala, da haben sich die Kollegen aus der Drehbuchabteilung aber Einiges einfallen lassen, um den heutigen Tatort aus Köln ordentlich anzureichern, aber ganz ehrlich: Irgendwo bin ich bei dieser Story hinten runter gefallen. Und halt, halt, halt ich hab noch was Wichtiges vergessen: Ganz zentral gings in diesem Tatort um die Midlife Crisis von Kommissar Freddy Schenk, der sich fast von der anschaffenden Kunstprofessorin verführen lässt.
 
Natürlich, es zeichnet einen guten Tatort aus, dass es einerseits ein spannendes Verbrechen aufzuklären gilt, andererseits relevante gesellschaftliche Themen zu verhandeln gibt und zum dritten auch noch die ermittelnden Beamten Charaktere sind, die eine gewisse Aussagekraft haben. FREDDY TANZT (Drehbuch: Jürgen Werner) kommt allerdings ein bisschen zu überladen daher. Eine Nachbarschaft, in der jeder gute Gründe hat, einen Mann verbluten zu lassen, statt ihm zu helfen – ein wichtiges Thema. Drei Zocker aus der Finanzindustrie, bei deren testosterongesteuerten Hahnenkämpfen es Kollateralschäden gibt – gute Zutat, wenn auch stereotyp. Eine Kunstindustrie, die Menschen kaputt macht – interessant, wenn auch hier nur als Hintergrund behauptet. Der Kommissar, der sich nach einer neuen Liebe sehnt – immer ein gutes Thema, doch mit Ausnahme der Unterlassenen Hilfeleistung wird keinem dieser Themen genügend Raum gegeben, die Bänker verschwinden sogar für den Mittelteil des Krimis völlig von der Bildfläche. Am Ende hatte wohl auch der Autor oder die Produktion das Gefühl, dass hier einige Handlungsfäden nicht zu Ende erzählt worden sind, weshalb in einer kurzen Schnittsequenz schnell noch die Exfreundin des Opfers und seine Mutter – beide glücklich? – gezeigt werden. Jetzt worüber ist diese Cello spielende Exfreundin glücklich? Dass sie überlebt hat?
 
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Dietmar Bär, Klaus J. Behrend und Volkram Zschiesche (Foto: www.daserste.de)

Weil ich nicht undankbar erscheinen will, jetzt mal ein paar Sachen, die mir gut gefallen haben: An erster Stelle muss natürlich Volkram Zschiesche stehen, als Tobias Kreuz, das Großmaul unter den drei Täter-Arschlochbänkern. Um mal aus dem Nähkästchen zu plaudern – und Volkram-Zschiesche-Fans können mich gern als Quelle zitieren – er spielt die Fieslinge deshalb so gut, weil er die Dunkle Seite komplett für Bühne und Kamera reserviert. Jedenfalls isst er keine Tiere und würde mit Sicherheit nie bei einem Hedgefonds arbeiten (auch wenn er nach KILLERINSTINKT hier schon wieder einen Bänker spielt…). Die beiden Nachbarinnen mit den dunklen Geheimnissen, Anna Stieblich als Übersetzerin Katja Petersen und Ursina Lardi als sich prostituierende (Ex?-)Kunstprofessorin Claudia Denk. Insbesondere Claudia Denks Zerbrechlichkeit wirkte sehr berührend. Insgesamt: Nicht unspannend und ideenreich – und ein bisschen weniger wäre wahrscheinlich mehr gewesen. Jedenfalls für mich. Aber ich habe auch gestern Abend sehr üppig gegessen. Vielleicht war ich deshalb nicht so aufnahmefähig.


Anwendungsgebiete: Rückenschmerzen
 
Einnahme: Auf einem Pezziball sitzend anschauen, dabei immer schön rollen und wippen. Das fördert auch die Durchblutung, Sie bleiben wach und kriegen alles mit, und das ist so Einiges. Was Sie nicht machen sollten: Sich so von einer Physiotherapeutin behandeln lassen, wie im Tatort gezeigt.

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