02.04. +++ Geschäftsidee

Okay, das ist wirklich Fiktion: Solche Öhrchen, wie im Codex Manege behauptet, hat sich Wolfram bestimmt nicht an den Reithelm geschraubt (Bild von www.de.wikipedia.org)
Okay, das ist wirklich Fiktion: Solche Öhrchen, wie im Codex Manege behauptet, hat sich Wolfram bestimmt nicht an den Reithelm geschraubt (Bild von www.de.wikipedia.org)

Eigentlich erstaunlich: Da dichtet einer das berühmteste (oder von mir aus auch zweitberühmteste) mittelhochdeutsche Versepos und behauptet dabei, dass er nicht schreiben kann. Und keinen störts. Der Autor heißt WOLFRAM VON ESCHENBACH, sein Epos heißt PARZIVAL, darum gehts heut zwar nicht, sondern um ein Gedicht von ihm, aber noch einmal zurück zur Ausgangsfeststellung: Wolfram, einer der Top-Poeten des deutschen Mittelalters, kann wahrscheinlich nicht schreiben. Nun gibt es Wissenschaftler, die behaupten, dass stimme gar nicht, sondern das sei nur so eine Legende, die dieser selbststilisierte Mann aus dem Volk um sich gewoben habe, um sich noch interessanter zu machen. Was auch möglich ist, weil lesen muss er wohl zumindest gekonnt haben, immerhin hat er sich bei anderen Autoren bedient (gut, vielleicht hat er sichs auch vorlesen lassen). Der Punkt ist: Es scheint zumindest denkbar zu sein, dass es Dichter gibt, die keine akademische Bildung aufweisen und trotzdem einen ordentlichen Wums haben. Diesen Wums möchte ich anhand einer Gedichtstrophe von ihm verdeutlichen:

Ursprinc bluomen, loup ûz dringen
und der luft des meigen urbort vogel ir alten dôn:
etswenn ich kan niuwez singen,
sô der rîfe ligt, guot wîp, noch allez ân dîn lôn.
di waltsinger und ir sanc
nâch halben sumers teile in niemens ôre enklanc.

Blumensprießen, Laubaustreiben,
Der Maienluft singen die Vögel ihre alten Lieder.
Ich kann auch was Neues singen,
Obwohl noch Raureif liegt, Madame, ganz ohne euren Lohn.
Die Waldsänger und ihr Lied
Sind nach dem Mittsommer in keinem Ohr erklungen.
 
Ich weiß, es ist noch nicht Mai, aber wenn gutes Wetter ist und die Vögel zwitschern und alles so mächtig grünt, dann kommt mir diese Strophe nicht aus dem Kopf. Es ist sonderbar: dieses Gedicht (das noch vier Strophen weiter geht) hat sofort bei mir Klick gemacht, als ich es vor ungefähr sechzehn Jahren zum ersten Mal las. Ich gebe zu, dass ich eine Schwäche für den archaischen Klang des Mittelhochdeutschen habe und wahrscheinlich noch ein Rührkuchenrezept auf Mhd. vage ansprechend finden würde (ganz abgesehen vom Rührkuchen), aber es liegt auch daran, dass das, was Wolfram da beschreibt. Die Situation ist die typische eines Minnegedichts, d.h. das lyrische Ich wendet sich an eine „edle Frau“, schmeichelt ihr, preist sie, und fleht letztlich um Erhörung seines Liebeswerbens. Angeblich (sagt man in der Germanistik) waren das Vorläufer von Rollenspielen – zur tatsächlichen Vereinigung ist es nie gekommen, immerhin wurden diese Gedichte bei Hofe und oft für die Frau von jemand anderem gedichtet. Möglich, aber meines Erachtens unwahrscheinlich, jedenfalls bei so einem Gedicht. Wolfram singt davon, wie der Tau wie glitzernde Edelsteine auf den Blumen liegt, wie die Vögel mit ihrem Gesang ihre Küken wiegen – und wie seine Stimme sich in ihr Konzert flicht. Und dann kommt er zu sich und seiner beklagenswerten Leidenssituation – die edle Frau allein kann ihn retten, weil er sonst vor gebrochenem Herzen stirbt.
 
Sie sprießen! (Bild von www.berlin.de)
Sie sprießen! (Bild von www.berlin.de)

Dabei ist er selbstbewusst genug, festzustellen, dass seine Sangeskunst doch wohl der Erhörung wert sei, aber darüber könne sie ja selber entscheiden. Jedenfalls soll sie ein bisschen freundlicher zu ihm sein, damit es ihm langsam mal besser geht. Das ist alles sehr gut geschrieben, aber für mich steckt die besondere Qualität des Liedes in der ersten Strophe. Er macht einen so nachfühlbaren Schnappschuss vom gerade ausgebrochenen Frühling, dass er unmittelbar den Beweis dafür liefert, dass er „was Neues singen“ kann, obwohl er noch keinen Liebeslohn dafür erhalten hat. Es kommt freilich immer darauf an, wer der Adressat einer solchen Belagerungswaffe ist, aber wenn diese Zeilen ins richtige Ohr fallen, dann bezweifle ich sehr, dass der Rocker, der sie verbrochen hat, keine „Gnade“ in den Augen der Angesprochenen gefunden hat. Popsänger richten ihre Songs ja auch nur fiktiv an eine bestimmte Person, und dennoch solls immer wieder Groupies geben, sagt man. Aber halten wir mal fest: Dieser Wolfram war ein begnadeter Schriftsteller, der wahrscheinlich auch gute Chancen bei den Frauen hatte.

Ich bin eingangs so auf dem (behaupteten) Illetrismus (so heißt das auf Vornehm) von Wolfram rumgeritten, weil da doch eine Megachance für die Germanistik besteht. Es sind kaum Fakten über Wolframs Leben bekannt – ungefähr so viele wie bei Shakespeare. Gut, er hat keine Theaterstücke geschrieben, aber so ein Versepos kann man auch ganz gut auf die Bühne bringen (siehe Wagner). Shakespeare hat garantiert nicht studiert und nur vielleicht eine Lateinschule besucht – ein Megapolitikum („Da kann ja jeder Dorfdepp Weltliteratur schreiben!“). Also könnte man doch aus der geheimnisvollen Minnesängerlegende eine tolle Wolfram-Industrie draus machen, und Walter von der Vogelweide als Sidekick gleich mitnehmen. Ich stelle mir das so vor: Ich löse durch einen tollen Lecture-Performance-Abend, bei dem ich Werke von Wolfram rezitiere und die geheimnisvolle Gestalt des Autoren noch geheimnisvoller mache, einen totalen Hype aus (gern auch bei YouTube), und dann kommt ein/e Germanist/in und behauptet, das Geheimnis um den Autor entdeckt zu haben, er sei in Wahrheit Friedrich Barbarossa gewesen, und Wolfram nur eine Marionette. Ich schätze, das Kulturamt von Wolframs Geburtsort (Wolframs-Eschenbach) spielt auch gern mit und lädt uns zu ner kontroversen Talkshow ein und dann kommt die ZEIT und ASPEKTE und die Dinge nehmen ihren vorbestimmten Lauf. Wär das was? Ich bitte begeisterte Wissenschaftler um Zuschriften.


Anwendungsgebiete: Allgemeine Herzbeschwerden

Einnahme: Auswendig lernen, am besten mehrere Minnelieder. Dem Objekt der Herzbeschwerden sehr ernsthaft vortragen, am besten zu vorgerückter Stunde mit Kerzenbeleuchtung. Wenn das Objekt nicht begeistert ist, kann man im Zweifelsfall immer noch gemeinsam über die vergebene Liebesmüh lachen. 

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