02.05. +++ Im Eisschrank

Der liebe Gott sieht alles, auch wenn Jungs in Mädchenkleidern rumlaufen. (Jörg-Heinrich Benthien als Teiresias. Bild von www.theater.ulm.de)
Der liebe Gott sieht alles, auch wenn Jungs in Mädchenkleidern rumlaufen. (Jörg-Heinrich Benthien als Teiresias. Bild von www.theater.ulm.de)

Vielleicht kennen Sie Franz Marcs klassisches Werk KÄMPFENDE FORMEN von 1914, ein früher Klassiker der nicht-gegenständlichen Malerei. Marc inszeniert den archaischsten aller möglichen Gegensätze, den zwischen Kälte und Wärme, zwischen Blau und Rot, zwischen dem Extrovertierten und dem Absorbierenden. Viel lässt sich in dieses Werk hineinlesen, aber auch ohne darum herum gesponnene Erzählung funktioniert es als Gesamtkomposition von Farbe und Form. In der klassischen Deutung würde man hier wahrscheinlich Logik und Gefühl, Geist und Körper, das Appollinische und das Dionysische im Widerstreit sehen. Der Konflikt ist noch unentschieden, auch wenn das „angreifende“ Rot womöglich den Anschein der Oberhoheit hat – wir trauen es dem „verteidigenden“ Blau durchaus zu, den Eindringling zurück zu schlagen.

Fabian Gröver (Pentheus) hat den Schalk (Dionysos aka Sidonie von Krosigk) im Nacken. Und jeder weiß, wie lästig Nackenschmerzen sind. Andreas von Studnitz' Inszenierung macht das eindrucksvoll deutlich.
Fabian Gröver (Pentheus) hat den Schalk (Dionysos aka Sidonie von Krosigk) im Nacken. Und jeder weiß, wie lästig Nackenschmerzen sind. Andreas von Studnitz‘ Inszenierung macht das eindrucksvoll deutlich. (Bild von www.theater.ulm.de)

In Euripides‘ BAKCHEN geht es letztlich um nichts anderes: In die von Mastermind Pentheus gesteuerte Männerwelt Theben, in der die Frauen unterdrückt werden, bricht fremdes Gedankengut ein. Zersetzung, sagt König Pentheus; Gottesdienst, sagt Dionysos. Der Gott des Weines und des Rausches entpuppt sich als Verwandter des Herrscherhauses: Nach eigenem Bekunden ist er der Sohn der Semele und des Zeus, somit ein Cousin des Pentheus und ein Halbgott. Wie ein geschickter Marketing-Manager weiß der junge Gott genau um seine Zielgruppe: Die Frauen. Sie führt er von ihren Männern weg in die Natur, wo sie orgiastisch ihre Freiheit feiern. Ein klarer Konflikt, in dem die unterdrückte Körperlichkeit, der Rausch, die Sexualität – gleichgestellt mit der weiblichen Seite des Menschen – ihr Recht einfordert gegenüber dem repressiven Geist, der Unterdrückung des Körpers, der Disziplin. Es siegt – man möchte fast sagen natürlich – die Körperlichkeit, weil Pentheus womöglich „vernünftig“, aber eben nicht weise ist und die Notwendigkeit des befreienden Rausches leugnet, ja bekämpft.

Tödlicher Gottesdienst: Die Strafe am ungläubigen Pentheus vollzieht Dionysos an der ganzen Familie, so dass seine Mutter Agaue (Aglaja Stadelmann) seinen abgerissenen Kopf in Händen hält (Bild von www.theater.ulm.de)
Tödlicher Gottesdienst: Die Strafe am ungläubigen Pentheus vollzieht Dionysos an der ganzen Familie, so dass seine Mutter Agaue (Aglaja Stadelmann) seinen abgerissenen Kopf in Händen hält (Bild von www.theater.ulm.de)

Die heute im Livestream aus dem Theater Ulm gezeigte Neufassung des Euripides-Stückes von John von Düffel, DIE BAKCHEN (PUSSY RIOT), nimmt im Titel einen klaren politischen Bezug zum ebenso autokratisch wie Pentheus regierenden Putin und dem Protest junger Künstlerinnen/Aktivistinnen gegen den gewählten Diktator. Ein paar Überwachungs- bzw. Medienbilder von Ausschreitungen auf der Straße, der nackte Oberkörper der den Dionysos spielenden Sidonie von Krosigk, dann hat es sich aber auch mit konkreten Bezügen zur politischen Welt, der Rest ist Kopfkino. Einsam ist der Diktator, er hat keine Vertrauten, noch nicht einmal Diener sind übrig. Der im Altenteil seines Führerbunkers hausende Großvater Kadmos, ein Relikt in Birkenstockschlappen, träumt sich mit Kopfhörern und dem Bild seiner Lieblingstochter Semele in die gute alte Zeit; ebenso wenig wie der Seher Teiresias, der freilich ohnehin ein verdächtiges Zwitterwesen zwischen Mann und Frau ist, kann er Pentheus zum Verbündeten gereichen. Während Pentheus bei seinem Gott – dem delphischen Apollon – Rat sucht, lassen sich Greis und Zwitter von dem jungen Gott verführen, ebenso wie die Frauen der Familie, Pentheus’ Mutter Agaue und seine Tanten Autonoe und Io. Wie alle wahren Diktatoren beugt sich Pentheus weder diesem „Verrat“ von allen Seiten, noch der offenbaren Macht des Gottes, sondern bleibt bei seinem „Ich kapituliere nicht.“ Der Rest ist eine grausame Travestie: Manipuliert von Dionysos legt er Frauenkleider an und wird von seiner eigenen Mutter und den Tanten zerrissen, die ihn für einen Löwen halten. Warum diese Strafe die Frauen treffen muss, die sich Dionysos ja bereitwillig angeschlossen haben, lässt sich wohl nur mit archaischer Sippenhaft erklären.

Tödliche Umklammerung: Die Bakchen (Balletcompagnie des Theaters Ulm) haben von Pentheus Besitz ergriffen (Bild von www.theater.ulm.de)
Böser Trip: Die Bakchen (Balletcompagnie des Theaters Ulm) haben von Pentheus Besitz ergriffen (Bild von www.theater.ulm.de)

Ich glaube, der Interessengegensatz, um den es hier geht, ist ein spannender. Wie kommt man diktatorischer Macht, wie kommt man repressiven Systemen bei? Welche Macht hat Kunst gegen diktatorische Systeme? Kann der Rausch wirklich nüchterne Tatsachen besiegen? All diese Fragen legt der Mythos, legt der Text und nicht zuletzt der Titel des Stückes nahe – die Inszenierung geht aber einen anderen Weg. Regisseur Andreas von Studnitz zeigt eine apokalyptische Welt – keine Seltenheit in seinen Werken – in deren Bläue, Kälte und Reduziertheit sich ein grundlegend anderes Prinzip nicht denken lässt. Es ist die kalte Gedanken- und Gefühlswelt des Diktators, die wir hier betreten (ein beeindruckendes Bühnenbild von Mona Hapke), in der alle menschliche Wärme, die der neue Kult mitbringt, zu zombiehaften Alpträumen verzerrt erscheint. Für Pentheus gibt es keine Befreiung, auch wenn das Rollenspiel in Frauenkleidern als grausamer Scherz so wirkt, für ihn und seinen Charakterfehler (die gottlose Autokratie) gibt es nur den Zorn des Gottes, der seine ganze Familie niederstreckt. Bei dieser Studie zum Untergang eines Diktators gelingen von Studnitz und seinem Ensemble zuweilen starke Bilder, so die Auftritte der Ballettcompagnie als Bakchen, und sehr prägnante Figurenmomente, so Sidonie von Krosigk, wenn sie sich, Pentheus verfluchend, ans Publikum wendet, oder Jörg-Heinrich Benthien, wenn er sich der Sehermaske entledigt. Auch Fabian Grövers Pentheus hat Augenblicke großer Klarheit und Einsamkeit. Insgesamt ist der Eindruck des Abends der einer Lähmung. Das System scheint zu gefrieren, nicht einmal die sengende Wärme des jungen Gottes kann im Todeskampf Bewegung in den Laden bringen. Und so wird die als Botenbericht von Teiresias vorgetragene Treibjagd auf Pentheus zur Hinrichtung, der schweigende Dionysos kann fast als drohender Nachfolger des getöteten Diktators gelten, so grausam und unbewegt agiert er. Ich bezweifle, dass dieser Gedanke vom Regisseur beabsichtigt ist, aber eines steht fest: Er zeigt nichts Positives an dieser Absetzung eines Tyrannen. Und Rot scheint es in der Welt sowieso nicht mehr zu geben.


Anwendungsgebiete: Verstauchungen.

Einnahme: Bei Verstauchungen, zum Beispiel des Knöchels, lassen Sie sich von Ihrem Arzt einfach mehrere Besuche der verbleibenden Vorstellungen von DIE BAKCHEN (PUSSY RIOT) verschreiben – ich höre Ulmer Ärzte machen das jetzt. Suchen Sie sich einen Platz am Rand oder im Rang aus, und dann setzen Sie die Verstauchung einfach der Aura dieser Inszenierung aus. Die erfrischende Kühle wird der Verletzung sehr gut tun.
P.S.: So sieht das bei Franz Marc aus:
Wenn man an Entropie glaubt, und viel was anderes bleibt uns ja nicht übrig, gewinnt am Ende weder Feuer noch Eis, aber vielleicht wäre zumindest so eine Art Showdown zumindest angemessen?
Wenn man an Entropie glaubt, und viel was anderes bleibt uns ja nicht übrig, gewinnt am Ende weder Feuer noch Eis, aber vielleicht wäre zumindest so eine Art Showdown zumindest angemessen?

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