03.01. +++ Joan Baez, Vol. 2

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Kann man heute auch als CD kaufen: Joan Baez Vol. 2 (Foto von www.acerecords.co.uk)

Ich hoffe, Sie kennen das: Wenn man von einem Lied ganz unerwartet getroffen wird. Mein heutiges Kunstwerk ist mir auf diese Weise zugestoßen, es ist DONNA DONNA in der Version von Joan Baez auf ihrem Album JOAN BAEZ VOL. 2 von 1961. Ich hatte das Album schon länger, habe mir aber nie die Mühe gemacht, es ganz anzuhören – ein Fehler. Die meisten der Folksongs, die sie darauf singt, fallen wohl in die Kategorie „Traditional“, wenn auch DONNA DONNA zum Zeitpunkt der Aufnahme kaum zwanzig Jahre alt war. Aber bevor ich mich in Fakten verliere, versuche ich lieber, die Wirkung dieses Liedes zu beschreiben. Ich höre ein paar Gitarrenakkorde, dann aber eine kleine Geschichte, von einem Kalb, einer Schwalbe und einem Bauern, der das Kalb zum Markt – wahrscheinlich zur Schlachtbank – fährt und sich auch noch halb über das unglückliche Kalb lustig macht. Oder bemitleidet er es? Plötzlich wandelt sich die Harmonie, der Wind lacht über das Kalb und den Bauern und selbst über die Schwalbe, aber dann kommt das Gefühl dieser Lebenden zurück im Refrain. Die Sehnsucht nach Freiheit, nach den Flügeln der Schwalbe, nach der Freiheit des Windes, der über diese Szene hinweglacht, bricht ohne Vorwarnung mit einem geschliffenen Stahlhaken durch meine Bauchdecke und reißt. Trauer trocknet mir den Mund aus, zieht im Augenwinkel, blockiert die Kehle. Das einzige, was ich tun kann, ist es noch einmal anzuhören. Und nochmal. Und dann die anderen Songs des Albums, aber keins ist wie dieses. Als ich später lese, dass das Lied 1940/41 von dem Schrifsteller Aaron Zeitlin und dem Komponisten Sholom Secunda, zwei jüdischen Künstlern, für ein Musical geschrieben wurde, scheint mir das fast übertrieben passend. Ein perfektes Kunstwerk: Es ruft bei mir das Gefühl für die Situation, in der es entstand, hervor, ohne dass ich vorher davon wusste. Ich komme nicht um Rilke drumherum, wenn er sagt: „Das Schöne ist nichts, als des Schrecklichen Anfang.“ Schönheit, Kunst, sind verstörend, wie dieses Lied für mich. Und doch will man immer nur mehr von diesem Schrecklichen, kann darüber Essen und Trinken vergessen. Und noch etwas: Es ist ganz einfach. Ein Instrument, eine Stimme genügen, um mich so zu berühren. Vielleicht klingt es ein bisschen übertrieben, aber auf die Gefahr – wenn mich etwas so berührt, lade ich mich mit allen guten Dingen des Lebens auf, mit Hoffnung, Zuneigung, Freude, Lust, mit Kraft, um nicht zu verzweifeln, sondern weiter zu versuchen, etwas Gutes zu schaffen. Auch eine Reinigung, aber nicht so grobstofflich und körperlich wie die durch eine Komödie, sondern eine Reinigung der Seele.


Anwendungsgebiete: Metastasierende, seelenannagende Hässlichkeit

Einnahme: Audiowiedergabegerät auf „Repeat One“ stellen, Kopfhörer aufsetzen, Augen schließen, „Play“ drücken. Erst wieder öffnen, wenn sich die Atmung beruhigt hat.

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