03.02. +++ Trotzdem

John Keats, 1795-1821, Portrait von William Hilton (Foto von www.de.wikipedia.org)
John Keats, 1795-1821, Portrait von William Hilton (Foto von www.de.wikipedia.org)

Mein heutiges Kunstwerk ist vergleichsweise klein, was den Vorteil hat, dass ich es diesem Blogbeitrag in Gänze beifügen kann. Es handelt sich um ein Sonett von John Keats, einem meiner absoluten Lieblingsdichter, WHEN I HAVE FEARS THAT I MAY CEASE TO BE. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie autobiografisch dieses Gedicht ist: Da spricht ein Schriftsteller, der sich fragt, ob er jemals große Kunst machen wird, oder vorher sterben.

 Neben Schriftsteller ist der Sprecher aber auch einfach Mensch, der sich fragt, ob er je die eine große Liebe finden wird, und schließlich wird er konkret, wendet sich an ein bestimmtes Du, einen geliebten Menschen, und fürchtet sich vor dem Abschied, und davor, nie wieder das Gefühl der unmittelbaren und vernunftlosen Liebe zu spüren, und dann steht er allein am „Strand der weiten Welt“ und denkt, bis Liebe und Nachruhm und alles ins Nichts versinken. Es geht also um Angst vor dem Tod, vor dem Versagen, vor dem Alleinsein, und alles was Keats – immerhin vor zweihundert Jahren dazu zu sagen hat ist: Alles versinkt ins Nichts. Und doch. So trostlos diese Aussicht ist, wenn ich diese Gedicht lese, wenn ich es spreche, dann kommt es mir alles andere als trostlos vor. Denn obwohl am Ende dieses Schwarze Loch steht, gilt doch der größere Teil des Sonetts dem, wonach der Sprecher sich sehnt, woran er glaubt, nämlich, dass es doch irgendwie möglich ist, etwas zu schreiben, das bleiben wird, irgendwo die eine große Liebe zu finden und vor allem dieses geliebte Wesen noch lange zu haben.
 
Jeder weiß, wie schwierig es ist, die Qualität von Literatur zu beschreiben und zu messen. Was macht ein Gedicht, ein Theaterstück, einen Roman zu großer Literatur? Mein ganz persönlicher Seismograph ist die ganz banale Zählung der Formulierungen, an denen ich hängen bleibe. Wo hat der Schreiber etwas in Worte gepackt, mit dem ich etwas anfangen kann, und zwar so sehr, dass ich es sogar behalte, dass es nachhallt, dass es sich gar einbrennt in die Großhirnrinde? Komischer- oder vielleicht auch erklärlicherweise habe ich den Eindruck, dass die Dichte dieser sprachlichen Hotspots in Ge-Dichten immer am größten ist, dann kommen Theaterstücke (in Versform), Epen und weit abgeschlagen Prosa. Klar, gebundene Sprache kann ein schreckliches Folterwerkzeug sein, aber in ihr haben Dichter halt auch immer wieder kurze Formulierungen gefunden wie „the night’s starr’d face“ – „das bestirnte Gesicht der Nacht“; „fair creature of an hour“ – „schönes Geschöpf einer Stunde“ oder eben „the shore of the wide world.“ Ich bin diesen Dingen allen schon begegnet, nur bevor ich Keats’ Gedicht kannte, hatten sie für mich noch keinen Namen. Deshalb sind Gedichte, die guten Gedichte, keine Ornamente, kein Kitsch und vor allem keine Gefühlsduselei, sondern Werkzeuge, um die Welt und das Leben zu fassen. Und große Dichter, die so ehrlich sind, zuzugeben, dass sie auch keine Antwort auf das Nichts haben, geben uns dennoch etwas sehr Wertvolles im Angesicht des Todes, nämlich Gründe, ziemlich laut „Trotzdem“ zu sagen.
 
When I have fears that I may cease to be
Before my pen has glean’d my teeming brain,
Before high pil’d books, in charact’ry,
Hold like rich garners the full-ripen’d grain;
When I behold, upon the night’s starr’d face,
Huge cloudy symbols of a high romance,
And feel that I may never live to trace
Their shadows, with the magic hand of chance;
And when I feel, fair creature of an hour!
That I shall never look upon thee more,
Never have relish in the faery power
Of unreflecting love;—then on the shore
Of the wide world I stand alone, and think,
Till Love and Fame to nothingness do sink.
 

Anwendungsgebiete: Arthrose

Einnahme: Lesen sie einfach meinen heutigen Blogbeitrag ein paar Mal laut und legen Sie dabei die Hand auf das betroffene Gelenk. Der triefende Kitsch wird das stockende Gelenk wieder schmieren und binnen kurzem hüpfen Sie wie ein junges Reh.

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