03.03. +++ Weißer Riese

Die Fingalshöhle auf der Hebrideninsel Staffa. Felix war da. (Bild von www.de.wikipedia.org)
Die Fingalshöhle auf der Hebrideninsel Staffa. Felix war da. (Bild von www.de.wikipedia.org)

Waren Sie schon mal auf den Hebriden? Eher nicht, oder? Im Gegensatz zu den Kanalinseln kann man auf diesen Flecken im Atlantik ja auch kein Geld waschen, ich glaube aber, es gibt dort sehr schöne Schafwollpullies. Ach nein, das waren die Aran-Inseln. Felix Mendelssohn Bartholdy hingegen war da, aber statt wie jeder Tourist „Felix was here“ irgendwo in den Basalt zu ritzen, musste der Herr natürlich eine ganz besondere Duftmarke hinterlassen, nämlich eine Konzertouvertüre namens DIE HEBRIDEN ODER DIE FINGALSHÖHLE. Heutzutage macht man ja einfach ein Handyfoto von so einem Naturschauspiel wie der Fingalshöhle auf Staffa und stellt es zu Facebook. Ich vermute, Felix hat für sein Souvenir in der Produktion etwas länger gebraucht. Dafür ist die Ouvertüre auch sehr schön geworden, wenn auch kein Konzert nachgefolgt ist. Vielleicht hatte er zwischendrin mitbekommen, dass der berühmte keltische Sagenheld Fingal, nach dem die Höhle benannt ist, gar kein Sagenheld war, sondern eine Fälschung. Der Schriftsteller James Macpherson hatte den Helden als Teil seiner fingierten FRAGMENTS OF ANCIENT POETRY des angeblichen Dichters Ossian erfunden. Heutzutage würde man das als kreatives Meisterwerk loben, wahrscheinlich würde Macpherson den Literaturnobelpreis bekommen, damals fanden es die Schotten gar nicht witzig, dass jemand einen fingierten Heldensagenschatz erfindet. Spuren haben der Phantomdichter Ossian und seine Figuren trotzdem hinterlassen, nicht nur in der Musik, sondern auch in der Literatur: Goethe war ein großer Fan, und im Werther gibt es sogar eine ganze Passage aus dem Ossian – kurz vor dem tragischen Showdown.

Ossian klampft gegen das trübe Wetter an, denn das gibts in Schottland schon auch mal. (Bild von www.de.wikipedia.org)
Ossian klampft gegen das trübe Wetter an, denn das gibts in Schottland schon auch mal. (Bild von www.de.wikipedia.org)

Ich genieße diese romantische Orchestermusik sehr, ich muss allerdings zugeben, dass sofort ein Film in meinem Kopf dazu abläuft. Gut, das ist keine Schande, das ging auch schon Zuhörern im 19. Jahrhundert so; selbst Wagner fand das Stück zur Abwechslung mal tolle Programmmusik und dachte an Landschaftsbeschreibungen. Die steht bei den HEBRIDEN sicher im Vordergrund. Man sieht die munter sich wiegenden Wellen, die sich am schwarzen Basalt brechen, man sieht die Steilküsten, die mit einer dünnen grünen Schicht bedeckten Felsen, die da aus dem Atlantik ragen. In meiner Aufnahme (Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker, 2004) habe ich den Eindruck, das Ganze könnte noch ein bisschen genialischer, mit krasseren Gegensätzen gespielt werden. Die Landschaft ist ja nicht lieblich und der Duktus der Komposition ist es auch nicht unbedingt. Dann würde sich auch nicht der Effekt einstellen, den die Zuhörer des 19. Jahrhunderts noch nicht kannten, nämlich dass ich diverse Produktassoziationen habe, weil mir das Stück so werbewirksam vorkommt. Das ist schrecklich, oder? Da hat man ein schönes Stück Musik und dann ist das Ohr oder das Gehirn so von der Werbung bzw. deren Einsatz vergleichbarer romantischer Orchestermusik eingenordet, dass man gleich nach der Hubschrauberperspektive auf die Fingalshöhle die gigantische Wäscheleine von Weißer Riese oder ein kühles Licher Pilsener erwartet.

Andererseits ist es aber auch bezeichnend, dass ich die HEBRIDEN mental mit Werbung zusammenbringe, denn es ist schon ein Stück heile Welt, das der Komponist da zeichnet. Dagegen ist gar nichts zu sagen, auch in Schottland scheint mal die Sonne. Realistisch ist es aber nicht, und das hätte Herr Mendelssohn Bartholdy wissen müssen, weil er ja da war und die Fingalshöhle besucht hat. Als ich anno 97 mal eine vergleichbare Insel vor Irland mit einem kleinen Fischerboot besucht habe (und das wird Felix genauso gegangen sein), da drehte sich mir angesichts des Wellengangs echt der Magen um. Glücklicherweise hatte ich Ginger Snaps dabei, so dass es auf der Rückreise besser wurde. Ich will damit sagen: Keltische Inseln im Atlantik haben nicht nur eine Waschmittelseite, sondern auch eine dunkel-gefährliche, die nur unter Zuhilfenahme von Qualitätsgebäck erschlossen werden kann.

Anwendungsgebiete: Seekrankheit
 
Einnahme: Vorbeugend, aber auch im akuten Fall, intensiv und mit großen Kopfhörern die HEBRIDEN-Ouvertüre hören. Auch wenn die Übelkeit nicht weggeht, haben Sie vielleicht hinterher eher einen Waschmittel- als einen sauren Geschmack im Mund.

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