03.04. +++ Folterwerkzeuge

Guckt auch schon so spaßfeindlich: Paul Gerhardt (Bild von www.zeno.org)
Guckt auch schon so spaßfeindlich: Paul Gerhardt (Bild von www.zeno.org)

Es ist widerspricht deutlich meinem dramaturgischen Gefühl, aber inhaltliche Gründe überwiegen: Nachdem ich gestern schon über den Lyriker Wolfram von Eschenbach geschrieben habe, mache ich heute schon wieder eine einzelne Liedstrophe zum Gegenstand meiner Kunstbetrachtung, nämlich Paul Gerhardts O HAUPT VOLL BLUT UND WUNDEN. Dieses Lied ist für mich der Inbegriff von Karfreitag, und zwar musikalisch ebenso wie literarisch.

O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn;
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron;
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
gegrüßet seist du mir!

Man scheute sich im Barock nicht vor drastischen Darstellungen – was angesichts des Dreißigjährigen Krieges und seiner psychologischen Folgen nachvollziehbar ist. Gerhardt schrieb das Lied 1656, also nur acht Jahre nach dem Ende dieses jahrzehntelang andauernden, katastrophalen Krieges in Mitteleuropa, bei dem sich immer weiter steigernde Gräueltaten verübt wurden. Blut, Wunden und Spott dürften für den Dichter ebenso wie für die Hörer bzw. Sänger seines Liedes zum Alltag gehört haben. Im Gegensatz zu den meisten von uns heutzutage heute wussten sie also, was tödliche Gewalt (auch staatlich legitmierte) mit Menschen machen kann. Interessant ist nun, dass Gerhardt die äußerlichen, aber im gleichen Atemzug auch die innerlichen Wunden Christi thematisiert: Ja, er wurde körperlich verletzt, aber eben auch verhöhnt und „hoch schimpfieret“, wo man ihm sonst Ehre bezeugte. Diese Wegwendung der Verehrer, ja dieser Verrat, wiegt wahrscheinlich noch schlimmer als die blutenden Wunden. Indem Gerhardt hier, wie auch im Folgenden, quasi über die Wunden meditiert, beschreibt er seine eigene Konfrontation mit dem Leiden Christi und identifiziert sich mit dem Leidenden. Diese Funktion, das bewusste Nachfühlen dessen, was der Gekreuzigte aushalten muss, wird durch die geniale Melodie des Liedes unterstrichen. Neben der durch die Molltonart übertragenen Traurigkeit fasziniert mich immer wieder das offene Ende der Melodie, die eben nicht mit dem Grundton, sondern mit einem Fragezeichen endet. Denn die Konfrontation mit diesem schrecklichen Leiden und Sterben ist eine ziemlich große Frage: Was soll man damit machen?
 
Und vor zweitausend Jahren waren die nicht verzinkt! (Bild von www.1-2-do.com)
Und vor zweitausend Jahren waren die nicht verzinkt! (Bild von www.1-2-do.com)

Gerhardt, und viele Theologen bis heute, sehen als Basis für die individuelle Beantwortung dieser Frage das intensive Nachfühlen der Aufopferung des Gottessohnes, nach dem Motto: „Nur, wenn wir genau wissen, was Christus für uns getan hat, können wir daraus Konsequenzen ziehen.“ Die Konsequenzen wären dann ein ziemlich ernsthaftes und würdiges Leben, das (ich will Paul G. jetzt nicht unrecht tun, aber ich befürchte:) nicht von übermäßigem Humor kontaminiert würde. Ich schätze die Ernsthaftigkeit des strengen Protestantismus sehr, aber ich habe das Gefühl, dieses Gebot der Innerlichkeit, der tief gefühlten Identifikation mit dem Leiden Christi, müsste ein ebenso unernstes Gebot der Selbstver- oder -entäußerung gegenüberstehen. Will heißen: Wenn man sich schon zu Karfreitag diesen schrecklichen Schmerz aneignen soll, dann müsste man ebenso seine Freude und Erleichterung über positive Aspekte des Christentums, wie die Auferstehung, hinausposaunen. Und das wird auch immer wieder gepredigt, aber das macht ja keiner, jedenfalls nicht im gleichen Maße wie man ernsthaft ist. Meine ganz persönliche Konsequenz aus dem vielleicht perfekten Ausdruck des Schmerzes – O HAUPT VOLL BLUT UND WUNDEN – lautet also, dem psychologischen Zaumzeug der Trauer spätestens übermorgen eine ganz entschieden freche und ungezügelte Lebensfreude entgegen zu setzen.


Anwendungsgebiete: Offene Wunden

Einnahme: Dieses Lied ist so trocken, dass es garantiert desinfizierende Wirkung hat. Halten Sie die Wunde einfach vor den Lautsprecher, oder singen Sie drauf, dann wird alles gut. [Ja, das war jetzt schon ein Vorgriff auf die Osterfrechheit…]

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