03.05. +++ In der Schwebe

Freaks, alle vier. Die mehr oder weniger akuten Probleme des Ermittlerteams wiegen in SCHWERELOS das eigentliche Verbrechen auf. (Aylin Tezel, Jörg Hartmann, Anna Schudt, Stefan Konarske. Bild von www.daserste.de)
Freaks, alle vier. Die mehr oder weniger akuten Probleme des Ermittlerteams wiegen in SCHWERELOS das eigentliche Verbrechen auf. (Aylin Tezel, Jörg Hartmann, Anna Schudt, Stefan Konarske. Bild von www.daserste.de)

Es ist nicht leicht, sich einen Krimi auszudenken. Und noch weniger leicht ist es, dies innerhalb einer Tatort-Reihe zu tun, denn dabei soll ja eine Kontinuität, womöglich sogar eine konsequente Entwicklung bei den ermittelnden Beamten vorhanden sein. Vielleicht sogar noch eine spannende Dynamik im Team? Und wenn das Produktionsteam und die Redakteure der betreuenden Fernsehanstalt schon alles richtig gemacht haben, dann muss auch noch die Besetzung und die Regie stimmen. Kommt all das zusammen, dann – und es ist eine Seltenheit – kann etwas so großartiges wie der heutige Dortmunder Tatort SCHWERELOS dabei heraus kommen.

So richtig leid tuts der Ehefrau (Inez Bjørg David) nicht, dass sie bald die Beatmung abstellen lassen wird - immerhin hat er sie betrogen. Schwere Gewissensbisse hat allerdings der Sohn (Mars Hugo - hinreißend!) (Bild von www.daserste.de)
So richtig leid tuts der Ehefrau (Inez Bjørg David) nicht, dass sie bald die Beatmung abstellen lassen wird – immerhin hat er sie betrogen. Schwere Gewissensbisse hat allerdings der Sohn (Mars Hugo – hinreißend!) (Bild von www.daserste.de)

Anna Schudt aka Kommissarin Bönisch läuft durch die Notaufnahme eines Krankenhauses. Ihr Gesichtsausdruck ist derjenige einer Gezeichneten, sie ist auf der Suche nach ihrem Sohn. Mehr braucht es nicht, um ihre Figur in dieser Tatortfolge aufzuladen – die Sorge in der sie sich verzehrt, die sie Dienstvorschriften übertreten lässt, die sie reizbar und unvorsichtig agieren lässt. Freilich: Im Gegensatz zu ihren drei Kollegen im Ermittlerteam flirtet sie nicht mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde in dem Fall, in dem sie ermitteln, denn sowohl der notorisch durchgeknallte Faber (Jörg Hartmann), der bei dem zunehmenden Wahnsinn um ihn herum heute fast nüchtern wirkt, als auch das entzweite Paar Nora (Aylin Tezel) und Daniel (Stefan Konarske) überschreiten die Grenzen des Erlaubten mehrfach mutwillig – und zwar auf Grund ihrer persönlichen Probleme und Befindlichkeiten. Das überschattet zuweilen die Ermittlungssache, bei der es um einen plötzlich vor der Notaufnahme aufgetauchten Schwerverletzten geht. Es stellt sich heraus, dass der Bänker und Familienvater zu einer Gruppe Base Jumper gehört, die nachts von einer Industrieanlage gesprungen sind – nur war der Fallschirm des Opfers manipuliert worden. Wer war es? Der Schwager, mit dem er sich kurz vorher gestritten hatte? Der Fallschirmlehrer, der ihn offenbar zur Notaufnahme gefahren und sich dann verkrümelt hat? Die Ehefrau, die von einem Verhältnis ihres Mannes erfahren hatte? Die Informationen, die das Ermittlerteam im Verlaufe des Krimis zusammenpuzzelt, ergeben zwar letztlich ein Bild von der verfahrenen Lebenssituation des Opfers, aber führen nicht zu einem Mörder. Des Rätsels Lösung gelingt Faber, dem Polytraumatisierten, der von Beginn an einen besonderen Draht zu Martin, dem 9jährigen Sohn des Opfers, dessen Beatmung mittlerweile eingestellt wurde, entwickelt hat.

Extremerfahrungen machen glücklich - sowohl Kommissarin Dalay (Aylin Tezel), die mit Sprunglehrer Lanke (Albrecht Schuch) Tandem gesprungen ist, als auch den Tatortzuschauer. (Bild von www.daserste.de)
Extremerfahrungen machen glücklich – sowohl Kommissarin Dalay (Aylin Tezel), die mit Sprunglehrer Lanke (Albrecht Schuch) Tandem gesprungen ist, als auch den Tatortzuschauer. (Bild von www.daserste.de)

Die dramaturgische Konstruktion dieses Falles (Buch Ben Braeunlich) ist absolut mustergültig aber letztlich nicht besonders spannend. Es gibt eben keinen satanischen Mastermind, keinen außergewöhnlichen Extremfall menschlichen Verhaltens unter den Verdächtigen, sondern es handelt sich um die irrationale und letztlich schuldlose Tat eines Kindes. Dennoch habe ich SCHWERELOS als den vielleicht besten Tatort seit langem empfunden, und zwar auf Grund der Balance zwischen den Handlungssträngen, die sich um das Ermittlerteam weiter spinnen und deren Verwobenheit mit der Ermittlung im eigentlichen Fall. Je weiter das Kommissarquartett geht, je schlechter es ihnen geht, je weiter sie fallen, desto stärker übernehmen sie selbst die nötige Extremität menschlichen Verhaltens, die als Zutat bei einem Krimi nicht fehlen darf. Das ist nur möglich, weil alle vier Hauptdarsteller völlig hinter ihrer Figur verschwinden – ein Glückwunsch an die Darsteller und genauso an das Regieteam. Jörg Hartmann, der in vorhergehenden Folgen bisweilen den traumatisierten Narren spielte, der sich an der Normalität um ihn herum reiben wollte, wurde heute von seinen Kollegen komplett überholt, fast eine Neugeburt seiner Figur; Anna Schudt hatte mich schon in der oben beschriebenen Notaufnahmenszene durch ihren Blick komplett in der Tasche; Aylin Tezel im Dauerclinch mit Stefan Konarske geben sich beide kein Pardon – einfach großartig. Regisseur Züli Aladag hat bei jeder Figur die richtige Dosis an Intensität gewählt und auch die Gastrollen perfekt in Szene gesetzt.

Ich glaube, ich darf ein bisschen poetisch werden: Schwerelos ist dieser Dortmunder Tatort an mir vorbei geweht. Ich hoffe, der nächste folgt bald.

Anwendungsgebiete: Bandscheibenvorfälle

Einnahme: Entlasten, das ist ja das wichtigste. Neben Muskelaufbau. Also ist die Sprungphase super bei Bandscheibe, nur der Aufprall nicht so. Aber Sie müssen ja nicht springen. Lassen Sie das die Schauspieler machen und schauen Sie sich die Folge nochmal an.

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