04.02. +++ Einheitsgrau

August Zirner als NATHAN DER WEISE (Foto: www.fjs-foto.de)
August Zirner als NATHAN DER WEISE (Foto: www.fjs-foto.de)
Schlechte Theaterkritiken, Verrisse, sind meistens auch schlecht geschrieben. Gute Theaterkritiken sind auch oft schlecht geschrieben, aber das stört dann die Wenigsten. Was mich persönlich an schlecht geschriebenen Theaterkritiken nervt, ist, dass der Verfasser sich zum Korrektor aufschwingt und den dummen Theatermachern im Namen des Autors oder anderer Instanzen (nicht zuletzt seiner eigenen Einsichten ins Werk oder die Regiekunst im allgemeinen) die Fehler in der Inszenierung rot anstreicht. Natürlich kommt jeder Zuschauer, sogar Kritiker, mit Erwartungen ins Theater, und sei es auch nur die, dass es möglichst schnell vorbei ist. Aber wie bei jedem Kommunikationsprozess wärs schön, zumal wenn man sich zu einer Bewertung anschickt, den anderen, bzw. hier die Kunst, erstmal an seinen/ihren eigenen Maßstäben zu messen. Was bedeutet, dass man sich an die mühevolle Aufgabe machen muss, herauszufinden, was dem Künstler wohl wichtig war.

In diesem Sinne möchte ich im Folgenden versuchen, das Anliegen von Christian Stückl bei seiner Inszenierung von NATHAN DER WEISE herauszufinden, die ich heute im ausverkauften Volkstheater sehen durfte. Eine große Stärke des Volkstheaters ist seine Plakativität. Damit meine ich das Volkstheater im allgemeinen – auf Englisch würde mans mit großem V schreiben – aber auch das Münchner Volkstheater im besonderen. Diese Plakativität wird am Münchner Volkstheater auch ganz pragmatisch geübt. Die oft provokanten, immer klaren und manchmal etwas einfachen Botschaften, die auf seinen Spielplänen als Eyecatcher dienen, haben einen oft kopierte und nie erreichten Wumms. Die plakatierte – auf dem Programmheftcover wiederholte – Botschaft bei NATHAN DER WEISE lautet: Saladins Schwester ist ein Bruder. Aus Sittah, die Lessing dem historischen Sultan zur Zeit der Kreuzzüge und Glaubensheld des Islam zur Seite gegeben hat, macht das Inszenierungsteam einen jungen Mann, nämlich Melek, der auch mal bei Lessing erwähnt wird – die Saladins sind eine große Familie. Der Text bleibt im großen und ganzen derselbe, nur wird aus dem Sultanspalast ein Männerhort. Der Grund für diese Entscheidung sei, so der Dramaturg David Heiligers bei seiner Einführung, dass religiöser Extremismus oft von jungen Männern getragen und befeuert würde, und indem der weibliche Einfluss auf Saladin zu einem männlichen verändert würde, ergebe sich die Lesart eines „Drahtziehers“ im Hintergrund. Überhaupt scheint es Stückl ums Verschärfen zu gehen: Die Muslime im Stück sind als Mudschahedin gekleidet (nur bei Saladin hat sich noch eine kleine intellektuelle Nickelbrille erhalten), der Klosterbruder ist nicht mehr Lessings geschasster Gutmensch, sondern ein Verrückter, und an die Märchenauflösung am Ende glaubt – jedenfalls von der jungen Generation – kein Mensch. Der Waffenstillstand wird bald ablaufen: „Es geht wieder los“ ist der oft im Stück fallende Satz, der zumindest bei Saladin für einen durchgehenden Magenkrampf sorgt. Verschärfung ist im Theater immer eine gute Idee, von der momentanen politischen Situation ganz abgesehen, in der Terroristen und andere Brandstifter überall auf der Welt Glaubenskriege provozieren wollen. Lessings Welt, die durchaus ihre Gefahren hat, wird auf diese Weise ins Einheitsgrau des Belagerungszustandes getaucht, was man auch an den Kostümen sieht.
 
Pascal Fligg (Saladin) und Sohel Altan G. (Melek) in Stückls NATHAN (Foto: www.polpix.sueddeutsche.de)
Pascal Fligg (Saladin) und Sohel Altan G. (Melek) in Stückls NATHAN (Foto: www.polpix.sueddeutsche.de)

Nun geht es in NATHAN DER WEISE viel um Religion und den Umgang miteinander, diese Auseinandersetzung findet aber auf einem Schachbrett aus drei Farben statt: Geld, Liebe und Familie. Der Krieg findet draußen irgendwo statt, und die Gewalt, die im Stück vorkommt, ist intellektuelle Grausamkeit. „Was braucht es denn beim Schwachen für Gewalt“ sagt Sittah/Melek (Sohel Altan G.) – und widerspricht sich damit selbst. Denn in Stückls Inszenierung ist Melek für handgreifliche Gewalt zuständig, so die Ermordung Al Hafis und den Ansatz zur Vergewaltigung von Recha. Dieser Bruder soll die dunkle Seite des aufgeklärten Herrschers Saladin (Pascal Fligg) sein, aber da die Texte der beiden nahezu unverändert Original-Lessing bleiben, kann das nicht gelingen – denn dort ist Saladin der zwar menschenfreundliche, aber immer auch impulsive, emotionale Herrscher, der eine gefährliche Instabilität besitzt. So verschwimmen die Taliban-Brüder zu einem Einheitsgrau, und sowohl ihre lachende Grausamkeit als auch ihre hadernde Friedfertigkeit bleiben Behauptungen. Eine extreme theatralische Verschärfung findet auch im Umgang mit dem Patriarchen und seinem Handlanger, dem Klosterbruder, statt. Der Bischof von Jerusalem wird als blinder, verbitterter Extremist gezeigt (Thomas Kylau); nachdem der Tempelherr jedoch die Kooperation verweigert, entzündet sich ein symbolischer Scheiterhaufen auf der Bühne und Patriarch und Tempelherr werden zu Nazikarikaturen verzerrt. Vielleicht ist es nur eine Geschmacksfrage, aber ich finde, dadurch das das Böse derart satanisch überzeichnet wird, verstellt man den Blick darauf. Vielleicht ist die Gestaltung der Beziehung zwischen Recha und dem Tempelherren auch dem Kriegszustand geschuldet, der über Lessings Stück erklärt wurde. Stückls Recha,Constanze Wächter, kommt ziemlich abgeklärt daher, ihre Verliebtheit scheint anfallsweise aufzutreten und wieder abzuklingen. Jakob Gessner, der den Tempelherren spielt, ist da schon durchgängig leidenschaftlicher und entwickelt sich im Laufe des Stücks vom desorientierten, verlorenen Soldaten zum krakelenden Pubertäter. Ein jugendlicher HItzkopf, das Paradebeispiel eines jugendlichen Extremisten, den Lessing anlegt – er tut das freilich bei den Vertretern des Christentums, nicht bei den Muslimen. Und schließlich Nathan. August Zirner, dem die Bürde dieses „weise“ genannten Juden auferlegt wurde, entledigt sich ihr auf bewundernswerte Weise und wird damit zum Lichtblick der Inszenierung. Sein Nathan ist ein bisschen schlaksig, ein bisschen Komiker, ein bisschen Woody Allen. Schade, dass er nicht noch mehr Gelegenheit hat, die feine Ironie Lessings auch gegenüber Saladin auszuspielen – etwa bei der Ringparabel, die er sehr verschreckt und verhuscht beginnt (sich freilich steigernd). Klar, es herrscht Gefahr, wenn der Machthaber zu intellektuellen Höchstleistungen ruft, aber die Gefahr bleibt leider Behauptung und wird nicht spürbar.

 
Was bleibt nun vom Projekt der Verschärfung am Ende des Abends übrig? Mir bleibt der Geschmack von Einheitsgrau, von amorpher Gotteskrieger-Bedrohlichkeit, von verlorenen Figuren. Nathan, der kluge Geschichtenerzähler, der Verbinder zwischen den Religionen, verpufft zwischen ihnen. Ein düsterer Ausblick, aber leider kein spannender.

Anwendungsgebiete: Fettleber
 
Einnahme: Inszenierung gefriertrocknen, zerstoßen und in ein Kaltgetränk einrühren. Anwendung täglich wiederholen. Die Einnahme wirkt entschlackend und ernüchternd und beugt den Folgen von unpolitischem Hedonismus vor.

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