04.03. +++ Kinderspiel

Ein Flirt mit der Pädophilie: Das Vater-Tochter-Ehe-Verhältnis zwischen Nora (Renate Steinle) und Thorvald (Gunther Nickles) (Bild www.theater.ulm.de)
Ein Flirt mit der Pädophilie: Das Vater-Tochter-Ehe-Verhältnis zwischen Nora (Renate Steinle) und Torvald (Gunther Nickles) (Bild www.theater.ulm.de)

Man hats nicht leicht, mit Stoffen aus dem 19. Jahrhundert, in denen die enge, patriarchalische Gesellschaftsordnung jener Zeit thematisiert wird. Wie soll man so etwas heute inszenieren? Für die Geschichte ist es nötig, dass Nora nicht geschäftsfähig ist und so gezwungen war, eine Unterschrift zu fälschen. Das ist natürlich nur die legale Spitze des Eisbergs; entscheidender ist, dass sie von ihrem Mann wie ein unmündiges Kind behandelt wird und diese Rolle auch annimmt. Ein Frauenbild, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts mühevoll überwunden wurde – zumindest im größeren Teil der deutschen Gesellschaft. Was nicht heißt, dass es keine Diskriminierung mehr gäbe (vgl. die aktuelle Debatte um den Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern), aber das gesellschaftliche Leitbild hat sich glücklicherweise verändert. Und die Gesetze. Die subtileren Mechanismen heutiger Diskriminierung lassen sich schwerlich mit dieser Geschichte erzählen. Also was tun? Natürlich haben die Theatermacher die Wahl, eine museale Inszenierung à la Peter Stein auf die Bühne zu bringen. Mit echten Birken… oder was auch immer in Norwegen so wächst. Eine solche naturalistische Annäherung ist nicht ohne Reiz, dann aber bitte mit historisch korrekter Ausstattung UND der entsprechenden Körperlichkeit bei den Schauspielern – eine große Herausforderung, und für einen Stadttheaterbetrieb nicht zu stemmen.

Krogstad (Christian Streit) spielt Nora übel mit (Bild von www.theater.ulm.de)
Krogstad (Christian Streit) spielt Nora übel mit (Bild  www.theater.ulm.de)

Es ist daher eine weise Entscheidung, dass Nilufar K. Münzing und ihr Team einen anderen Weg gewählt haben, um NORA ODER EIN PUPPENHEIM auf die Bühne des Podiums zu bringen. Die Sprache ist altertümlich, die Kostüme ebenso, aber die Ausstatterin Britta Lammers hat einen eher modernen Bühnenraum mit einem symbolischen Puppenhaus und einem Steg geschaffen, der sich mit den historisierenden Elementen reibt. Es stellt sich bei mir ein Gefühl von Differenz in Bezug auf die Ausstattung ein, das sich im Spiel der Schauspieler fortsetzt: Renate Steinle spielt eine furiose, quicklebendige Kindfrau, und doch bleibt das Gefühl von Spiel zurück. Ähnlich bei Gunther Nickles’ Torvald: Beide tragen Masken, die manchmal eins werden mit ihrem Gesicht, manchmal aber auch von den Figuren weg klaffen. Es ist vor allem die Fremdheit der Sprache in den Mündern der Schauspieler, die zu diesem V-Effekt beiträgt, zu diesem ständigen Gefühl von Spiel. Und natürlich: die gesellschaftliche Dimension dieses Stückes ist nur eine, und für Ibsen wahrscheinlich nicht die wichtigste gewesen. Neben dieser gesellschaftlichen Dimension geht es auch um das individuelle  Psychogramm zweier Menschen, die extreme Spielernaturen sind. Nora, die kindliche, spielt emotional und nicht allzu strategisch, während Torvald ebenso intensiv erwachsen und damit rational spielt. Die Spielregeln ihrer Beziehung, in der sie dauerhaft eine Vater-Tochter-Beziehung aufrecht zu erhalten versuchen, sind völlig zeitlos, und in diesem Punkt hat das Stück alles mit heutigen asymmetrischen Beziehungen zu tun. Die Lebenslüge, um die es geht, ist nicht die gefälschte Unterschrift, sondern das artifizielle Machtverhältnis zwischen den Eheleuten. Das Erwachen Noras am Ende ist nicht so sehr eine gesellschaftlich revolutionäre Tat, sondern vielmehr ein individuelles Erwachsenwerden. Diesen, den heute vielleicht wichtigsten Aspekt des Stückes, bereitet die Inszenierung über das Rollenspiel der Protagonisten konsequent vor und stellt ihn kristallklar aus.

Obwohl ich mittlerweile an einer ganzen Reihe von Livestreamings aus dem Theater Ulm mitgewirkt habe, habe ich bisher nur wenige am Rechner verfolgt. Die Bildqualität war sehr angenehm, leider ist die Mikrofonierung nicht einfach umzusetzen und deshalb die Tonqualität manchmal kritisch. Insgesamt frage ich mich, woher die Skeptiker dieser Technologie die Chuzpe nehmen, an der Nützlichkeit solcher Übertragungen zu zweifeln. Ich habe einen sehr lebendigen Eindruck von der Arbeit erhalten, ich habe genau gespürt, wo die Defizite des Mediums lagen und hätte deshalb jederzeit lieber im Theater selbst Platz genommen. Und ebenso wie viele Teilnehmer im Livechat unterhalb des Livestream-Players habe ich mich selbst medial mit dem Stück beschäftigt (q.e.d.). Mehr kann man doch von Theater-Öffentlichkeitsarbeit nicht erwarten, oder?


Anwendungsgebiete: TBC

Einnahme: Naja, arme, alleinstehende Frauen im 19. Jahrhundert sind immer an TBC gestorben, oder? Gut, Prostituierte auch. Ich will sagen: Wenn man sich das Stück öfter anschaut, dann ist das sicherlich die beste Prophylaxe.

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