04.06. +++ Im Freien

Die Erstaufnahmeeinrichtung: Bei Wasser und persönlicher Ansprache fühle ich mich gleich willkommen. (Bild Judith Buss, Münchner Kammerspiele)
Die Erstaufnahmeeinrichtung: Bei Wasser und persönlicher Ansprache fühle ich mich gleich willkommen. (Bild Judith Buss, Münchner Kammerspiele)

Viel ist in den letzten Wochen die Rede davon gewesen, ob „richtiges“ Theater eigentlich von Kuratoren gemacht werden kann. Richtiges Theater: Eine Bühne, ein Ensemble, ein Text, ein Publikum plus optional die Aura des Weihevollen und ein bisschen muffiger Geruch, wenn der Vorhang sich senkt. BUILDING CONVERSATION ist das Gegenteil von alledem, obwohl es von „richtigen“ Theatermachern (Lotte van den Berg und Daan t’Sas) entwickelt wurde.

„Wir beschäftigen uns in den nächsten Stunden damit, wie wir miteinander reden und wie wir miteinander reden könnten.“ Unser Guide Andreas Bachmair erklärt zunächst nur kurz, was gleich passieren wird. Wir stehen zu vierzehnt am eigens für das Projekt auf dem Marienhof errichteten „Infopoint“ – um uns noch zwei andere Gruppen, denn innerhalb von BUILDING CONVERSATION gibt es hier in München drei Formate, zwischen denen man sich entscheiden muss. Meine Gruppe folgt unter der Überschrift ZUSAMMEN DENKEN – EIN EXPERIMENT erstens dem Guide Andreas Bachmair zum Bus und zweitens den Überlegungen des Quantenphysikers David Bohm, der sich aus seiner naturwissenschaftlichen Arbeit heraus auch mit philosophischen Themen beschäftigte und, u.a. im Austausch mit Martin Buber, die Gesprächsform entwickelte, die er schlicht „Dialog“ nannte. Wer sich einer der anderen Gruppen, GESPRÄCH OHNE WORTE (Guide: Katja Dreyer) oder (UN)MÖGLICHES GESPRÄCH ÜBER GOTT (Guide: Angelika Fink) angeschlossen hat, wird einen völlig anderen Abend verbringen.

Hocker-, Decken- und Informationsausgabe vor dem Eintritt in den "Tempel des Dialogs" (Bild Judith Buss, Münchner Kammerspiele)
Hocker-, Decken- und Informationsausgabe vor dem Eintritt in den „Tempel des Dialogs“ (Bild Judith Buss, Münchner Kammerspiele)

Ich schleppe eine Wasserkiste, andere Gruppenmitglieder sind mit Gläsern und Datteln beladen, und nach kurzem Fuß- und Busweg kommen wir in der Frühlingsanlage am Isarufer an, wo wiederum eigens für das Projekt ein temporärer Bau, ein offener Pavillon errichtet wurde. Bevor wir das Tempelchen des Dialogs betreten, gibt Bachmair noch ein bisschen mehr Informationen: Der Dialog wird zweieinhalb Stunden dauern, Bohms Konzept sieht vor, dass die Teilnehmer nicht über allgemeine Aussagen, sondern über persönliche Erfahrungen sprechen, dass keine Zitate im Gespräch verwendet werden, dass alle Impulse zugelassen werden – auch wenn sie persönlich oder sogar aggressiv sein sollten. Denn das gemeinsame Ziel ist es, alle Gedanken in einem gemeinsamen Gesprächsraum „zur Schwebe“ zu bringen – er gebraucht die Metapher eines Tintentropfens in einer trägen Flüssigkeit, der sich auflösen und wieder verdichten kann. Während des Gesprächs wird unser Guide sich wie jeder andere Teilnehmer verhalten – Moderation oder etwas ähnliches gibt es nicht, jede und jeder ist für die Führung des Dialogs verantwortlich.

Ein ziemlich offener Gesprächsraum: Der Pavillon in der Frühlingsanlage (Bild Judith Buss, Münchner Kammerspiele)
Ein ziemlich offener Gesprächsraum: Der Pavillon in der Frühlingsanlage (Bild Judith Buss, Münchner Kammerspiele)

Und dann beziehen wir unseren Aufenthaltsort im Grünen, von Weitem hört man die Griller und Ausflügler an der Isar, die Mücken gesellen sich zu uns, und die Gruppe kommt in Dialog. Die Macher haben vereinbart, im Nachhinein nicht über die Inhalte der Gespräche Auskunft zu geben, und ohne es zu müssen, schließe ich mich dieser Entscheidung an, denn eigentlich steht das „wie“ im Vordergrund: Nach zweieinhalb Stunden teils intensivem Dialog steht fest, dass es eine lohnende und spannende Erfahrung sein kann, mit Menschen, von denen man nicht einmal den Namen kennt, eine Unterhaltung aufzubauen. Spielt dabei die Bohmsche Dialogmethode eine große Rolle? Nein. Zu homogen ist die Gruppe, zu kultiviert begegnen sich die Gesprächsteilnehmer. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es nur vor dem Gespräch einen Input gibt, danach keinerlei Leitplanken – sogar der Pavillon ist so transparent und in offen in die Natur gebaut, dass die Motivation, sich den anspruchsvollen Vorgaben Bohms anzunähern, sehr gering ist. Nicht-hierarchisch, eigenverantwortlich, gewaltfrei – die Beschäftigung mit dieser Kommunikationsform ist ein Experiment, das man getrost nach Hause tragen kann, oder an die Arbeit, oder überallhin.

Am Ende habe ich das Gefühl, dass dieses Projekt, dass auf den ersten Blick kein „richtiger“ Theaterabend ist, doch ganz schön viel von Theater hat. Er ist inszeniert, zwar nur minimalistisch, aber dennoch: Er hat eine Dramaturgie, und er hat ein eigens angefertigtes Bühnenbild, und zwar ein sehr schönes, in dem man sich gern aufhält. Das Ensemble ist das Publikum des jeweiligen Abends – im Gegensatz zu vielen anderen Theaterabenden fühlt man sich sehr willkommen. Und für den Fall, dass ein kulturelles Sättigungsgefühl mangels Konsum sich eingestellt hat, haben die Macher vorgesorgt: Am Ende kommen alle Gruppen wieder auf dem Marienhof zusammen, wo ein bemerkenswertes Buffet aufgefahren wird. Lassen Sie sich mal auf das Experiment ein – es gibt nicht viele „Vorstellungen“ davon in München.


Anwendungsgebiete: Angina Pectoris („Enge der Brust“)

Einnahme: Wenn es Ihnen in den eingefahrenen Kommunikationsstrukturen zu eng wird, dann nehmen Sie BUILDING CONVERSATION ein, und zwar so oft es geht. 

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