05.01. +++ Zeitmangel

Night Watch
(Foto von www.terrypratchettbooks.com)

Das wirklich Schwierige an guten Vorsätzen ist nicht, sie zu verwirklichen. Das Schwierige ist, dass die viele ungenutzte Zeit, die sich in der Silvesternacht noch lockend und jungfräulich vor dem geistigen Auge ausbreitet, sich nach spätestens einer Woche in ein zerknülltes Papiertaschentuch verwandelt hat, in dem man vergebens eine trockene Ecke sucht. Wer hat denn Zeit, vorsätzlich all die guten neuen Sachen zu machen, wenn so viel Alltag plötzlich um die Ecke guckt und verbraucht werden muss? Zum Beispiel Romane.

Romane sind  seit zweihundert Jahren wichtige Kunstwerke in unseren Breiten, aber wann soll man all das bedruckte Papier umblättern oder all die wohlfeil geordneten Zeichen sich auf den neuesten Pads anzeigen lassen? Um regelmäßig auch nur die wichtigsten neuen Bücher zu lesen, bräuchte ich mindestens drei Hausangestellte. Bis es soweit ist, lese ich nicht sooo viele Romane, und wenn dann nur solche, die mir Spaß machen, was aber bedeutet, dass es in diesem Blog eher weniger Romane zu bereden gibt. Heute aber schon, was daran liegt, dass es in ihm um eine Zeitreise geht. Seit vorletztem Jahr bin ich ein glühender Fan der Scheibenweltromane von Terry Pratchett, jener zutiefst ironischen Fantasywelt, die zwar nicht jeden, aber doch eine beeindruckende Menge an Nischen der „realen Welt“ (Warum fühle ich mich eigentlich gezwungen, diesen Begriff in Anführungszeichen zusetzen?) in das chaotische Gewusel dieser Scheibe zu bringen, die, wie jeder weiß, von vier riesigen Elefanten getragen wird, welche auf dem Rücken einer gigantischen Schildkröte durchs All balancieren. Immer wieder tritt in Pratchetts Romanen ein Polizist als Hauptfigur in Erscheinung; sein Name ist Sam Vimes und er ist Kommandant zunächst der Nachtwache, später der gesamten Stadtwache der Scheibenwelt-Metropole Ankh-Morpork. In NIGHT WATCH (dt. DIE NACHTWÄCHTER), dem 29. Roman der Reihe (guck an, für soviel Romane war dann doch Zeit), geht es grob gesprochen um eine Zeitreise, die Vimes unfreiwillig zusammen mit einem Massenmörder unternimmt, den er gerade am Schlafittchen hat. Ein paar Mönche, die die Zeit eigentlich hüten sollten, schicken die beiden ungeschickterweise in die eigene Vergangenheit, und Vimes muss die Rolle seines alten Mentors einnehmen, damit eine Revolution, die zur Ersetzung eines Despoten mit dem nächsten dient, nicht zu blutig ausgeht und die Geschichte wieder in die richtigen Bahnen gelenkt wird. Zeitreise, Mönche, Rollenspiele – die Handlungsbausteine die Pratchett in diesem wie den meisten anderen Scheibenwelt-Romanen verwurstet, sind gelinde gesagt ein bisschen abgehangen, aber wie er sie einsetzt, ist meisterhaft. Nichts ist vor der scharfen Klinge seiner Ironie sicher, und nichts ist ihm heilig. Vimes ist vielleicht die deutlichste Verkörperung von Pratchetts Methode: Als Polizist kennt er jede menschliche Schwäche, zumal seine eigenen, er weiß um die Vergeblichkeit aller Pläne und Vorhaben, er misstraut großen Worten, sowie Politikern, Geistlichen, Wissenschaftlern, Geschäftsleuten, Bürgern, Armen, sich selbst und generell allen anderen. Und dennoch steht er jeden Morgen auf und brennt für seine Arbeit, nämlich für Frieden und Sicherheit zu sorgen. Er ist kein Engel, aber er weiß (meistens), was das Richtige ist und entscheidet sich (oft) dafür, es zu tun. Wenn ich ein paar Stunden an der Seite von Sam Vimes verbracht habe, in denen ich mir des öfteren ein paar gerunzelte Augenbrauen von meiner Frau zuziehe, weil ich während der Lektüre laut auflache, dann macht sich ein gewisses Gefühl von Solidarität breit. Der gesunde Menschenverstand, über dessen verbreitete Krankheiten an anderer Stelle viel zu sagen wäre, angesichts des Chaos an Welt und Zukunft, die uns täglich die Zähne zeigen, einen Schritt nach dem anderen zu machen, „Do the job in front of you“, das ist das, was Vimes mir sehr verbunden macht. Zugegeben, eine Romanwelt, vor allem eine in jede Richtung ausgesponnene Fantasy-Welt wie die Scheibenwelt, bietet viel Potential zum Verdrängen, zum Vergessen und der Flucht von Problemen. Aber wenn man ein bisschen respektloser, mutiger und selbstironischer aus dem Buch auftaucht – ist dann nicht alles gewonnen?


Anwendungsgebiete: Schwere Erkältungen, bei denen man ständig so einen ekligen Geruch in der Nase hat; Bedrohung durch ungesundes Essen (Weihnachten, Urlaub, etc.); anstehende Examen u.ä. 

Einnahme: Buch nur auf einer ausreichend bequemen Sitzgelegenheit und bei guter Beleuchtung mit ausreichend Flüssigkeit einnehmen. Heißer Tee in großen Mengen wirkt sich positiv auf die Wirkung aus. Die tägliche Höchstdosis von drei Stunden darf in Ausnahmefällen bis auf einen ganzen Roman ausgedehnt werden, selbst wenn die Lektüre bis vier Uhr nachts dauert.

3 Antworten auf „05.01. +++ Zeitmangel“

  1. Oh herrlich – haette ich gewusst, dass du Pratchett erst vergangenes Jahr anheim gefallen bist, ich haette dich frueher infiziert :3

    “Night Watch” ist wirklich herrlich. Bis man ueber die jeweilige Lesereihenfolge am Ausgangspunkt ist, sind die Charaktere der jeweiligen Mikrokosmos* hinreichend bekannt und entwickelt – und Pratchett nimmt sich ausreichend Zeit, Nuancen aus ihnen herauszuarbeiten und nicht mit bitterboesen Parabeln auf die Rundwelt zu sparen… mein Lieblingsbuch der Reihe, „leider“, will man fast sagen.

    * ja, ich musste nachschlagen, und entschied mich fuer einen selbst ausgedachten Plural analog zur u-Deklination. So einfach ist das.

  2. Haha! Ich hätte Wetten darauf abschließen sollen, wer zuerst was kommentiert – du ehrst mich mit deiner Aufmerksamkeit!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.