05.02. +++ Rettet das Abendland

Schmierereien in Vorra, Bayern (Foto: www.br.de)
Schmierereien in Vorra, Bayern (Foto: www.br.de)

Die Frau eines kleinen Handwerkers wird auf offener Straße sexuell belästigt. Von einem Ausländer. Er nimmt sie am Arm und fordert sie auf, mitzukommen. Sie wehrt sich, aber er entgegnet nur: „Komm mit, oder ich zwinge dich dazu.“ Ihr Mann tritt auf, und wir erwarten, dass sich die Szene jetzt dreht, aber der ist gerade beschäftigt: Ein anderer Ausländer, ein Kumpel des ersten, hat ihn bestohlen – um zwei Tauben, die er zum Abendessen gekauft hatte. Der Dieb leugnet die Tat nicht, sondern droht mit diplomatischem Ärger, falls der Handwerker was will. Und diplomatischer Ärger, das wissen alle Beteiligten, ist für den Mittelstand nicht gut.

Zum Glück kommen noch ein paar andere aufrechte Inländer hinzu, so dass zumindest die Entführung der Handwerksfrau verhindert werden kann – aber die Ausländer gehen sich beim Botschafter beschweren. Und das sind ja keine Einzelfälle. Man hört das ja überall, wie die Ausländer bevorzugt werden und die Inländer leer ausgehen. Deshalb schlägt der Taubenraub (denn die sind natürlich weg) dem Fass das i-Tüpfelchen aus der Krone und der tief gefühlte Zorn der Bevölkerung bricht sich Bahn: Sie organisieren eine Protestkundgebung, auf der ihre Beschwerden gegen die Ausländer endlich mal offen ausgesprochen werden. Und es wird eine Volksbewegung daraus: Binnen kurzem weiß die Regierung nicht mehr, wie sie der Protestmasse, die da gegen die Ausländerisierung des Inlands protestiert, Herr werden soll. Bis einer kommt, der durch eine einzige brillante Rede alles deeskaliert und so dem Mob den Stöpsel rauszieht: Thomas More. Und so unwahrscheinlich es klingt, alle sind plötzlich friedlich, und gehen nach Hause und haben was gelernt.
 
Shakespeares Handschrift? Seite aus dem Manuskript von SIR THOMAS MORE (Foto: www.en.wikipedia.org)
Shakespeares Handschrift? Seite aus dem Manuskript von SIR THOMAS MORE (Foto: www.en.wikipedia.org)

Tja, liebe Leser, wenn Sie dachten, dass ich gerade den Anfang der Pegida oder Legida oder Bagida oder wie die Bagginses alle heißen märchenhaft nachgezeichnet habe, liegen Sie meilenweit daneben. Es handelt sich bei dieser kleinen Geschichte um den Anfang eines vierhundert Jahre alten Theaterstücks, nämlich SIR THOMAS MORE. Und als ob das noch nicht erstaunlich genug wäre – Shakespeare hatte auch noch seine Finger drin. Ich mache mir zur Zeit regelmäßig eine Freude damit, die Apokryphen unter den Werken Shakespeares zu genießen; aber damit keine falschen Erwartungen aufkommen: Anders als DOUBLE FALSEHOOD ist dieses Stück kein verlorenes Werk des Meisters selbst, sondern nur von ihm veredelt. Die Forschung geht davon aus, dass es eine Gemeinschaftsarbeit war, an der zunächst Anthony Munday und Henry Chettle und später noch einige weitere Dramatiker, darunter Herr Shakespeare, beteiligt waren. Teils, um Vorgaben des Zensors zu erfüllen, teils um das Stück einfach besser zu machen. Was so mittelgut gelungen ist – man geht davon aus, dass es zur Entstehungszeit gar nicht aufgeführt wurde und gedruckt sowieso nicht (es liegt als Handschrift vor). Seit Ende des 19. Jahrhunderts jedoch konnte es sich unter den Mitarbeitern der Shakespeare-Industrie großer Beliebtheit erfreuen, und die erste dokumentierte Vorstellung fand 1922 in Form von Studententheater am Birkbeck College (University of London) statt. Seitdem wurde es natürlich öfter gespielt, und 1983 sogar mit Gandalf, Verzeihung: Ian McKellen in der Titelrolle vom BBC3-Radio als Hörspiel produziert.

 
Leider ist das Stück, so spannend der Anfang auch daherkommt, im weiteren Verlauf eine soßige Beweihräucherung des Staatsmanns und späteren Heiligen Thomas Morus, von der ich ehrlich gesagt nur die ersten paar Szenen (eben bis zu dieser Rede von More, mit der er die ausländerfeindliche Bevölkerung Londons runterholt) auf einer Bühne sehen wollen würde. Der Rest sind lustige Anekdoten aus dem Wirken des heiligen Lordkanzlers, der offenbar immer einen Clown gefrühstückt hatte, bei den ganzen heiteren Streichen. Das Problem ist schlichtweg, dass der einzige mögliche Gegenspieler von More, Heinrich VIII., nicht auf der Bühne vorkommt, und ein Stück ohne Gegenspieler ist – naja, wie Fußball ohne Gegner halt. Die Shakespeare-Forschung geht davon aus, dass Shakespeares Beitrag die Szene mit dieser zentralen Rede Mores an die Bevölkerung ist, in der er argumentiert, dass sie erstens Hochverrat begehen, indem sie einen Aufstand wagen und zweitens ziemlich dumm sind, „Ausländer raus“ zu schreien, denn zur Strafe werden sie bestimmt verbannt, und dann stehen sie ziemlich dumm da, im Ausland, wo sie ja notwendigerweise selber Ausländer sind. Außerdem verspricht er noch eine Amnestie, die er später tatsächlich vom König erwirkt – nur den Rädelsführer haben sie dummerweise schon hingerichtet, bevor die Begnadigung ankommt. Gab halt noch keine Handys. Das Pikante an dieser Zuschreibung ist, dass sie auf stilistischen Überlegungen und einer Handschriftanalyse beruht. Stilistische Argumente sind natürlich immer möglich und offen für Interpretation, aber die Handschriftenanalyse ist mindestens so lustig wie Thomas Morus im Stück, denn die Vergleichsobjekte sind sechs (in Worten: sechs) Unterschriften Shakespeares auf verschiedenen Dokumenten. Anders gesagt: Die Shakespeare-Szene ist damit die einzige längere Passage in Shakespeares Handschrift, die es überhaupt gibt. Wenn sie von ihm ist. Das schlagende Argument für die Autorschaft ist jedoch die Tatsache, dass, wie der Herausgeber des Stücks in der noblen Reihe Arden Shakespeare ausführt, das Publikum im Theater deutlich merkt, dass diese Passage von Shakespeare ist, denn der Rest fällt deutlich ab. Also mal ehrlich: Da kann ja jeder kommen. – „Ach guck mal, diese Szene ist gut gelungen, die ist bestimmt von Shakespeare.“ Manchmal ist eben auch in der Wissenschaft SEHR viel Fantasie gefragt.
 


Anwendungsgebiete: Saurer Magen
 
Einnahme: Wenn Ihnen die ausländerfeindlichen Kundgebungen in der letzten Zeit auch sauer aufstoßen, dann machen Sie sich die Mühe, SIR THOMAS MORE mal zu lesen, jedenfalls den Anfang (ich glaube, es gibt noch keine Übersetzung). Zum einen bekommen Sie ein Gefühl dafür, dass Dummheit leider zeitlos ist. Zum anderen aber entsteht auch ein klein wenig Hoffnung darauf, dass man Menschen mit Argumenten zur Vernunft bringen kann. Ja, das ist alles sehr pathetisch und wann hat Kunst je geholfen, aber hey – noch ist ja nicht aller Tage Abendland.

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