05.03. +++ PR-Gag

Wenn man mal eine Ritterrüstung hat, sehen alle aus wie Bösewichter (Bild von www.pixshark.com)
Wenn man mal eine Krone hat, sehen alle andern aus wie Usurpatoren. Kenneth Branagh in seiner Paraderolle als mitreißend-simpler König (Bild von www.pixshark.com)

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Shakespeares HENRY V. – zumindest in England – eines seiner populärsten Dramen ist. Selbst, wenn man sich das Historienspiel mit der schmallippigsten Political Correctness vornimmt: Es ist mitreißend, begeisternd und leider sogar tief gehend. Was heißt leider, der Tiefgang ist ja seine gute Seite; der hundertprozentige englische Nationalismus die Kehrseite.

Da sitzt plötzlich ein junger Hoffnungsträger auf dem englischen Thron, und vorgewarnt durch die ständigen Bürgerkriegsquerelen, mit denen sich sein Vater herumschlagen musste, lenkt er die vorhandene Aggression im Lande nach außen: Nach einem vermeintlich völlig unabhängigen Rechtsgutachten des Erzbischofs von Canterbury (der zufällig gerade ein vitales Interesse daran hat, den König milde zu stimmen, damit dieser die Kirche nicht enteignen lässt) ist Heinrich der legitime Erbe des französischen Throns. Und jung und überhaupt nicht unschuldig, wie er ist, erklärt er Frankreich den Krieg, weil es ohnehin eine gute englische Tradition ist, dorthin in die Ferien zu fahren. Nachdem er Harfleur mit einer markigen Rede zur Aufgabe gebracht hat, werden noch ein paar Komplimente mit dem französischen Dauphin per Herald ausgetauscht, und dann erzielt Henry mit einer Handvoll Männer gegen eine dutzendfache Übermacht den glorreichen Sieg von Agincourt. Das reicht ihm, er kehrt nach England zurück und heiratet die Tochter des französischen Königs. Davon, dass er selbst eigentlich die kontinentale Krone wollte, ist keine Rede mehr. Und der Eindruck setzt sich fest, dass dieser ganze Feldzug, der tausende Franzosen und Dutzende Briten das Leben gekostet hat, nicht nur eine PR-Aktion war, sondern auch ausschließlich mit tollen Reden geführt wurde. Gut, dass hängt natürlich damit zusammen, dass ich das Stück gelesen habe, da spielt der Text die wichtigste Rolle. Auf der Bühne wird in HENRY V. schon auch ein bisschen gekämpft – gestorben übrigens nicht, nur offstage. Aber selbst in Kenneth Banaghs legendär erfolgreicher Verfilmung, die nicht mit Blut, Schweiß und Tränen sparte, kommt der Rhetorik die entscheidende Rolle zu. Heinrich kann seinen Feldzug nur deshalb erfolgreich und nutzbringend durchführen, weil es ihm gelingt, ihn zu kommunizieren. Diese entscheidende Bedeutung der Propaganda nimmt nicht nur die Kriege des 20. und 21. Jahrhunderts vorweg, sondern ist auch das eigentlich gefährliche an diesem Stück. Nicht, dass England hochgejubelt wird, sondern, dass der ultimative Schrecken des Krieges verharmlost wird. Natürlich redet das Rhetorikgenie Heinrich immer wieder en passant von den Toten, Witwen, Waisen, abgehauenen Gliedmaßen etc., aber das sind halt Opfer, die für sein Bestes gebracht werden müssen. So ein bisschen hat man das Gefühl, dass der Volkskörper den König deshalb so willig empfängt, weil dieser ihn kräftig züchtigt, allerdings im Ausland. Soft-SM war schon immer ein populäres Genre.
 
Ein merkwürdig langgezogener Geselle: Der originale Heinrich (Bild von www.en.wikipedia.org)
Ein merkwürdig langgezogener Geselle: Der originale Heinrich (Bild von www.en.wikipedia.org)

Auch in der Nebenhandlung geht es nicht viel netter zu: Getreu der Devise, dass nur Offstage gestorben wird, in diesem Heldenstück, stirbt Henrys alter Mentor John Falstaff – an gebrochenem Herzen. Denn als Heinz (so heißt Heinrich noch in den beiden Stücken über seinen Vater, den vierten Heinrich) den Thron besteigt, schwört er seinem alten Lebenswandel und damit Falstaff und seinen Kumpanen ab. Was sehr königlich und ziemlich kaltschnäuzig ist. Aber man muss ehrlicherweise sagen, dass Falstaff ihm genau diesen strategischen Egoismus beigebracht hat. Der alte Ritter kommt also gar nicht mehr mit nach Frankreich, und von den Kumpanen Nell Quickly, Pistol, Bardolph und Nym, bleibt am Ende nur einer am Leben. Der Lifestyle der Sozialschmarotzer, so die Botschaft, ist unter diesem König überholt.

Statt dessen ist Heinrich offenbar bei jungen Jahren so alt an Weisheit, dass er der ganzen Nation ein guter und gerechter Vater sein wird. Die Nebenfiguren aus Wales, Irland und Schottland, die nicht nur komisch sprechen, sondern allesamt auch noch ein bisschen debil sind, brauchen eben auch eine liebevolle, aber harte Hand. Und solange man die Kinder nicht ins Gesicht schlägt… Zusammen genommen mit der vielversprechenden Eheanbahnung mit der französischen Prinzessin – sehr lustige Szenen sind das, aber die hat er sich nach dem harten Krieg natürlich verdient, läuft das Stück auf eine strahlende Zukunft für England zu. Die Tatsache, dass der ‚Chorus‘, eine Figur, die sonst mal als Pro- und Epilog bei Shakespeare auftaucht, in HENRY V. durchgängig kommentierend und überleitend vorhanden ist, deutet schon auf die Märchenhaftigkeit dieser Geschichte hin. Wer einen Moderator braucht, ist unter Umständen nicht glaubhaft. Alles in allem kann man dieses Stück, glaube ich, heute nicht mehr eins zu eins – also der offensichtlichen Intention des Autors gemäß – auf die Bühne bringen. Immerhin: als Steinbruch böte es hervorragendes Material.

Anwendungsgebiete: Akute Bauchschmerzen oder Schmerzen in einem beliebigen Körperteil außer im Kopf.
 
Einnahme: Eine stabile Ausgabe von HENRY V. in beide Hände nehmen und kräftig gegen die Stirn schlagen, bis der frühere Schmerz nachlässt. Das ist genau die Strategie, die Heinrich mit seinem Feldzug fährt.

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