05.05. +++ Ärgernis

Okay, es liegt nahe, aber Arnie hat den Mann nicht erschossen. (Bild von www.commons.wikipedia.org)
Okay, es liegt nahe, aber Arnie hat den Mann nicht erschossen. (Bild von www.commons.wikipedia.org)

Was würden Sie tun, wenn Ihnen plötzlich eine Leiche im Weg liegt, und der dringende Verdacht naheliegt, dass Sie am Ableben des Herrn schuld sind? Naja, die Leiche loswerden, natürlich. Nun wäre das für einen heutigen Großstadtbewohner ein Ding der Unmöglichkeit, denn erstens kann man hier ja nirgends in Ruhe buddeln und zweitens gibt es keine Solidarität mehr unter den Menschen. Anders im Neuengland der fünfziger Jahre. Alfred Hitchcocks schwarze Filmkomödie THE TROUBLE WITH HARRY portraitiert ausgesprochen liebevoll, dass eine überschaubare Dorfgemeinschaft auch mit außergewöhnlichen Herausforderungen umzugehen vermag.

Das Komitee zur Leichenbeseitigung: Mildred Natwick (Miss Gravely), Edmund Gwenn (Kapitän Wiles), Jerry Mathers (Arnie), Shirley MacLaine (Jennifer), John Forsythe (Sam Marlowe) und natürlich Harry, gespielt von Philip Truex (Bild von http://the.hitchcock.zone)
Das Komitee zur Leichenbeseitigung: Mildred Natwick (Miss Gravely), Edmund Gwenn (Kapitän Wiles), Jerry Mathers (Arnie), Shirley MacLaine (Jennifer), John Forsythe (Sam Marlowe) und natürlich Harry, gespielt von Philip Truex (Bild von http://the.hitchcock.zone)

Da liegt er im Wald und macht Ärger. Machen Tote ja oft. Gleich mehrere der Einwohner/innen des kleinen Dorfes Highwater scheinen Harry auf dem Gewissen zu haben. Der pensionierte Kapitän Wiles ist sicher, ihn auf der Hasenjagd erschossen zu haben, die junge Jennifer glaubt ihn mit einer Milchflasche erschlagen zu haben und Miss Gravely, eine Jungfer im fortgeschrittenen Alter, ist überzeugt, dass ihr Wanderstock dem Mann den Rest gegeben hat. Letztlich stellt sich heraus, dass Harry an einem Herzinfarkt gestorben ist, aber bis dahin wird die Leiche vom dörflichen Ad-Hoc-Kommittee zur Vertuschung des Todesfalles insgesamt viermal bestattet und wieder exhumiert. Kein Wunder, dass der Gutachter, der die Verfilmbarkeit der Romanvorlage beurteilen sollte, ihr mangelnden Realismus bescheinigte. Nicht realistisch ist natürlich, dass unbescholtene Bürger so pietätlos mit einer Leiche umgehen. Jedenfalls im Vorgarten oder eben am Waldrand. Was mit Leichen anderswo auf der Welt passiert, ist uns allen herzlich egal. Weiterhin ist es nicht realistisch, dass unbescholtene Bürger sich auf die unbefangene Weise vertrauen, wie es im Film der Fall ist. Gut, es gibt da natürlich amouröse Verbindungslinien zwischen Kapitän Wiles und Miss Gravely sowie zwischen Jennifer und dem (ebenfalls als Komplizen beteiligten) Maler Sam Marlowe. Fakt ist, dass eine solche spontane Solidarisierung und ein Zusammenhalten gegenüber der Staatsmacht, die Form des Sheriffs daherkommt, heute ungewöhnlich erscheint. Obwohl – eigentlich bin ich optimistisch, dass der Umgang mit der Herausforderung der großen Anzahl von Flüchtlingen die verlöschende Flamme der Solidarität in unserm Land wieder entzündet.

Ein stattlicher Mann mit dem Hosenbund am Brustbein: Kapitän Wiles (Edmund Gwenn, Bild von http://the.hitchcock.zone)
Ein stattlicher Mann mit dem Hosenbund am Brustbein: Kapitän Wiles (Edmund Gwenn, Bild von http://the.hitchcock.zone)

Auch wenn der Film kein Kassenschlager war: Ein großer Klassiker ist Hitchcock auf jeden Fall geglückt. Ich zumindest bin vom Dialogtext begeistert, der für seine Entstehungszeit verblüffend grenzüberschreitend daher kommt. Nicht nur sexuelle Anspielungen, sondern auch groteske Behauptungen und blanker Unsinn machen die Welt dieses kleinen Dorfes in Vermont ziemlich unwiderstehlich. Ein Beispiel: Jennifers etwa fünfjähriger Sohn Arnie hat ein völlig diffuses Verhältnis zu den Zeitangaben gestern, heute und morgen. Das sorgt für einige absurde Dialoge, und es steht völlig einsam im Raum. Die Tatsache, dass dieses wie fast alle anderen komischen Elemente nicht aufgelöst werden, sondern ihnen einfach Zeit und Raum zur Wirkungsentfaltung gelassen werden, tragen maßgeblich zur Atmosphäre bei. Auch die erwachsenen Figuren machen kaum absichtliche Witze im Film, sondern sie werden durchgängig als absurd behauptet. Der Gipfel des absurden Nicht-Realismus ist sicherlich erreicht, als dem Maler Sam plötzlich ein Millionär zufliegt, der alle seine Bilder kaufen will, dieser sich jedoch weigert, Geld anzunehmen und sich statt dessen Geschenke für seine Freunde ausdenkt. Ist das vielleicht der Schlüssel? Sie wirken auf den ersten Blick nicht so, aber eigentlich sind sie alle auf ihre Art Systemverweigerer: Die junge Mutter Jennifer, die von ihrem Mann getrennt lebt (immerhin in den 50ern), Miss Gravely, die sich als Unverheiratete ebenfalls der Beherrschung durch das Patriarchat entzieht; der pensionierte Kapitän, der Seemannsgarn spinnt und Hasen wildert; und schließlich der Künstler Sam Marlowe, der eben nicht auf der Fifth Avenue seine Bilder verkauft – wegen der Leute, die ihm dort über den Weg laufen würden. Sehr verständlich, dieses Skepsis gegenüber der Großstadt, bei dem was er an Highwater hat.

So ist, bei aller Märchenhaftigkeit, diese kleine verschworene Gemeinschaft auch ein positives Alternativmodell gesellschaftlichen Zusammenlebens: Wovon sie materiell leben ist zwar ein Geheimnis, aber sie begegnen sich als freie Menschen in Zuneigung. Vielleicht muss ich doch wieder aufs Dorf ziehen.

Anwendungsgebiete: Winterspeck.

Einnahme: Schauen Sie den Film zur Inspiration, dann schultern Sie einen Spaten und schauen sich in Ihrer Nachbarschaft nach Leichen um, bei denen Sie Ihren Mitmenschen behilflich sein könnten. Ein paarmal ein- und ausbuddeln pro Tag trägt nachhaltig zur körperlichen Fitness bei.

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