05.11. +++ Komisch

Markus Hering als Dutrécy und Johannes Zirner als Neffe Armand in ICH ICH ICH (Foto Johannes Pohlmann, von www.residenztheater.de)
Markus Hering als Dutrécy und Johannes Zirner als Neffe Armand in ICH ICH ICH (Foto Andreas Pohlmann, von www.residenztheater.de)

Ich bin heute darauf hingewiesen worden (Danke, Marion), dass es theater- und/oder literaturwissenschaftlich sehr schwierig ist, die Gattung der Komödie – heute – zu definieren. Das stimmt. Früher, als die Welt noch in Ordnung war, kamen in Komödien mal keine Toten vor und es ging um Liebe. Humor war zweitrangig, ausschlaggebend für die Gattungszuordnung waren die Leichen, die ein Dichter auf dem Kerbholz hatte. Wobei „keine“ Leiche Auslegungssache war, also wenn jetzt ein Gangsterboss oder Schurke oder so starb, um die Handlung in Gang zu bringen, konnte das immer noch als Komödie zählen. Aber heutzutage kann man sich ja noch nicht mal mehr im Fernsehen darauf verlassen, dass Komödien nicht plötzlich ins politisch Korrekte abrutschen und plötzlich zur Öko-Doku-Fiction werden. Naja.

Ehrlich gesagt ist „früher“ auch schon immer eine Fiktion gewesen. „Früher“ waren vielleicht Sophokles und Aristophanes, aber als Theater anfing Spaß zu machen, also mit Shakespeare, scherte sich schon kein Mensch mehr um Gattungszuordnungen. Die sind wahrscheinlich – genau wie Spielzeitmotti bei Stadttheatern – Erfindungen der PR-Abteilung. Ich schätze, dass es mal folgenden Dialog in der Dramaturgie des Globe Theatre gab: „Ne, Willie, beim besten Willen nicht, wir ham schon zwei Komödien von dir im Repertoire, ne dritte geht nicht.“ – „Aber Hamlet ist n super Stück.“ – „Naja.“ – „Dann schreibt doch einfach Tragödie drauf, die Leute sehen doch sowieso nur, was sie wollen.“ – „Was sie wollen – guter Titel.“ – „Jetzt lenk nicht vom Thema ab. Hamlet.“ – „Ja gut, aber kommt wenigstens ein Narr drin vor?“ – „Ne, aber Hamlet spielt verrückt.“ – „Also ohne Narren kanns auch keine Komödie sein.“ – „Und wenn er tot ist?“ – „Der Geist von nem Narren?“ – „Ne, ja – obwohl ein Geist vielleicht auch gut wär. Ich denk mal drüber nach.“
Katharina Pichler und Oliver Nägele (Foto Andreas Pohlmann, von www.residenztheater.de)
Katharina Pichler und Oliver Nägele (Foto Andreas Pohlmann, von www.residenztheater.de)

Das war jetzt ein etwas langer Vorspann für einen Blogbeitrag über eine Komödie, nämlich ICH ICH ICH von Eugène Labiche, heute gesehen am Münchner Residenztheater. Aber wo wir schon so schön dialogisch unterwegs sind: Als ich aus der S-Bahn ausstieg, lief vor mir eine alte Dame mit dem auffälligen silbernen Programmheft, ich holte sie ein, winkte mit meinem silbernen Programmheft und fragte: „Und? Wie hat’s Ihnen gefallen?“ – „Ja. Naja, ein bisschen oberflächlich.“ Sie zögerte keinen Augenblick mit ihrem Urteil, erstaunlicherweise. „Aber die Schauspieler sind ja alle sehr gut,“ gab ich zu bedenken. „Ja, wenns auch noch schlecht gespielt wäre – aber es war halt ein bisschen klamaukig.“ – „Es gibt keine richtigen Probleme, gell?“ – „Geld, ja.“ – „Aber nicht existenziell, das findet ja auf einem hohen Niveau statt.“ – „Und Liebe.“ – „Ja.“ – „Ja.“ – „Jedenfalls ist das Programmheft ein gutes Erkennungszeichen.“ Ja, das war ein bisschen lahm als Abschluss des Gesprächs, gebe ich zu, aber wir waren uns ja auch einig, die Dame und ich.

Vielleicht auch symptomatisch, wie steril es auf dieser Bühne zugeht (Bild von www.residenztheater.de)
Vielleicht auch symptomatisch, wie steril es auf dieser Bühne (Annette Murschetz) zugeht (Bild von www.residenztheater.de)

Markus Hering, der den Protagonisten Dutrécy gibt, Oliver Nägele als Freund De la Porcheraie nicht weniger, sind hervorragende Komödienschauspieler, es mangelt auch nicht an guten Spielideen, aber es fehlte der letzte Kick, der letzte Schliff des Timings – es wirkte, ums ganz böse auszudrücken, so, als ob Intendant Martin Kusej es halt niemandem beweisen brauch. Und seine Schauspieler auch nicht. Und das ist ein bisschen schade, ehrlich gesagt, denn hätten sie die angezogene Handbremse gelöst, noch zehn Prozent schneller gespielt, die Slapstick-Pointen noch ein bisschen genauer gesetzt, es wäre ein großartiger Abend geworden. Obwohl es eigentlich um nichts geht, außer Geld. Und Liebe.


Anwendungsgebiete: Ekzeme

Einnahme: Einfach hingehen, angucken. Es tut nicht weh, ist vage amüsant und lenkt sie für zweieinhalb Stunden vom Jucken ab.

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