06.01. +++ Schlehenstücke

Silent Planet
Graeme McKnight und Matthew Thomas in der Uraufführungsinszenierung (Foto: Scott Rylander, von www.theguardian.com)

Leute, die freiwillig Theaterstücke LESEN sind entweder Spinner, Streber oder Dramaturgen. Oft fallen mehrere dieser Umstände zusammen. Wie bei mir. Theater ist NATÜRLICH eine Livekunst, die Schauspieler, Bühne und Publikum braucht, aber mei, für den kleinen Geldbeutel oder den anspruchsvollen Geschmack tuts auf jeden Fall auch das Kopftheater sponsored by Reclam. Denn einen Vorteil hat es natürlich, ein Theaterstück im mehr oder weniger stillen Kämmerlein zu genießen: Die Inszenierung ist genau richtig und kann keinesfalls von dummen Regisseuren, eitlen Schauspielern oder übereifrigen Intendanten versaut werden. Mein heutiges Kunstwerk jedenfalls ist ein neues englisches Theaterstück namens SILENT PLANET von Eve Leigh, das ich eben nicht in der Uraufführungsinszenierung von Tom Mansfield gesehen, sondern gelesen habe. Der symbolschwere Ort der Handlung ist ein „Ei“ (sagt die Autorin) mit einer dreifachen Schale: ein Verhörraum in einem Psycho-Gefängnis auf einer Insel in der Sowjetunion. Gavril ist  Schriftsteller und wird, weil er Dissident ist, hier festgehalten, er ist knapp vierzig und hat fast ein Drittel seines Lebens hinter Gittern verbracht. Ein neuer Doktor/Verhörer tritt in sein tristes Leben, es ist Yurchak, der ein beunruhigendes Interesse an Gavrils Literatur und generell verbotenen Schriften hat. Es kommt zu einem Arrangement zwischen den beiden: Der Häftling erzählt dem Doktor von verbotener Literatur, die dieser nicht lesen darf, zu der jener aber paradoxerweise in der Gefängnisbibliothek Zugang hat. Regelrecht gierig saugt Yurchak jede Geschichte auf, die Gavril ihm mitbringt, und im Gegenzug sorgt er für humanere Haftbedingungen. Als Gavril die sonderbare Situation eines Tages nicht mehr aushält und einen Schreikrampf bekommt, läutet dies das Ende der sich entwickelnden Beziehung zwischen den Männern ein; schließlich wird Yurchak selbst inhaftiert. Das Stück zu lesen dauert nicht lang, eine knappe Stunde. Ich sträube mich anfangs dagegen, mich in den totalitären Sowjetstaat entführen zu lassen; warum auch, was hat diese Welt mit meiner zu tun? Aber die Autorin tut mir nicht den Gefallen, schlechte Dialoge zu schreiben, und bald schon interessiere ich mich für die prekäre Situation und die Sich entspinnende menschliche Beziehung. Wider Willen werde ich hinein gezogen in diese graue Welt, in der die Literatur der einzige Hoffnungsschimmer selbst für einen Diener des Systems ist. Die zentrale kleine Geschichte ist diejenige von einem Planeten, auf dem es keine Kunst gibt – ein stummer Planet. Ich lebe nicht im Totalitarismus wie vor vierzig Jahren, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass es in unserer Gesellschaft soviel Freiheit gibt, dass sie sich wie zu viele Algen in einem Teich selbst erstickt und alles Leben mit ihr. Denn vollständige Freiheit ist lähmend und sinnlos, und damit wertlos, was auch immer Media Markt behauptet. Das Stück ist traurig, es zieht mir beim Lesen den Mund zusammen wie eine Schlehe, es trocknet aus und weckt das verlangen nach Tee. Irgendwie hat es Frau Leigh geschafft, dass ich mit den Figuren mitfühle, ohne dass ich sie eigentlich sympathisch finde. Als Gavril am Ende stirbt, bleibt trotzdem ein Hauch von Schönheit, den er hinterlassen hat. Und so schöpfe ich auch Hoffnung, dass trotz dem Freiheitsoverkill etwas Hoffnung auf die Kunst zur Rettung bleibt.


Anwendungsgebiete: Zur homöopathischen Therapie bei alkohol- oder nichtstofflich-induziertem Zivilisationskater.

Einnahme: Möglichst unverdünnt einnehmen, gut durchkauen und ganz schlucken. Es sollte sich eine sofortige wohltuende Wirkung wie eine kleine blaue Blüte im Magen einstellen. Wenn nicht, Einnahme wiederholen und ganz genau hinspüren.

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