06.03. +++ Mixed Media

Für manche ist es nur eine Küchenhilfe, für mich ist es der Zernichter einer Weltordnung: Das gemeine Handrührgerät (Bild von http://kleinanzeigen.ebay.de)
Für manche ist es nur eine Küchenhilfe, für mich ist es der Zernichter einer Weltordnung: Das gemeine Handrührgerät (Bild von http://kleinanzeigen.ebay.de)

Dem April werden traditionell viele Vorwürfe gemacht, er sei wechselhaft, man wisse nicht woran man bei ihm sei, ob es jetzt noch Spätwinter oder schon Frühling oder was und außerdem sei Hitler in ihm geboren. All das ist wahr, aber andererseits lobt Chaucer den Monat am Anfang seiner CANTERBURY TALES trotzdem sehr („Wenn der April erst mal da ist, mit seinen süßen Schauern… undsoweiter… dann gehn die Leute gern auf Pilgerreise.“). Damals gabs noch keinen Urlaub, dafür alle Naslang den Gedenktag eines Heiligen und eben Pilgerreisen, statt Ferien. Ich will aber gar nicht weiter auf Chaucer eingehen, sondern der dient mir nur als Prolog zu meinem heutigen Kunstwerk, dem weniger idyllischen Werk THE WASTE LAND von T.S. Eliot. Denn der hat sich garantiert auf Chaucer bezogen, als er sein längeres Gedicht mit den Worten begann:

APRIL is the cruellest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory and desire, stirring
Dull roots with spring rain.

Jetzt haben wir noch gar nicht April, aber es fühlt sich gerade so gut nach Frühling und dem Erwachen in der Natur an, dass ich von den steigenden Säften beschwingt einfach dieses leicht depressive Gedicht lesen musste.

Für diejenigen, die nicht wissen, worum es in THE WASTE LAND geht: Das kann man nicht so leicht zusammen fassen. Grob gesagt gehts um den Zustand der Zivilisation im allgemeinen, es geht um „Heilsgeschichte“ (das kann man aber wirklich nur in Anführungszeichen schreiben), jedenfalls um Religion. Es geht um die Entfremdung des Menschen voneinander, von der Natur, von der Spiritualität – halt die Krise der Moderne. Ist ja auch der Inbegriff eines Werkes der Literarischen Moderne. Viel interessanter als das Was ist jedoch das Wie. Schon als ich das Gedicht zum ersten mal im Studium gelesen habe, hatte ich den Eindruck es zu kennen. Ich weiß nicht, ob Sie das schon mal empfunden haben; es gibt bestimmte Werke der Weltliteratur, die lesen sich wie alte Bekannte. Was oft daran liegt, dass man viele Dinge aus ihnen schon mal in anderem Kontext gehört hat, oder aber, und das ist der Fall bei THE WASTE LAND, dass einfach ganz viele Fragmente und Zitate und Ideen aus früheren Werken darin verwurstet sind. Denn das Zitat, das Überschreiben, ist natürlich auch in der Moderne zuhause. Ehrlich gesagt ist es mir nie gelungen, einen großen inhaltlichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Teilen des Werkes herzustellen, aber ich höre es sehr gern, und lese es auch, zur Befremdung meiner Mitbewohner, laut vor. Zum Beispiel die folgende Passage:

Unreal City,
Under the brown fog of a winter dawn,
A crowd flowed over London Bridge, so many,
I had not thought death had undone so many.
Sighs, short and infrequent, were exhaled,
And each man fixed his eyes before his feet.
Flowed up the hill and down King William Street,
To where Saint Mary Woolnoth kept the hours
With a dead sound on the final stroke of nine.
There I saw one I knew, and stopped him, crying “Stetson!
You who were with me in the ships at Mylae!
That corpse you planted last year in your garden,
Has it begun to sprout? Will it bloom this year?
Or has the sudden frost disturbed its bed?
Oh keep the Dog far hence, that’s friend to men,
Or with his nails he’ll dig it up again!

Der Autor war so freundlich, selbst Fußnoten zu verfassen (der wollte wohl Herausgeber arbeitslos machen, der alte Knicker), so dass leicht erkenntlich ist, dass er sich hier auf mindestens ein Baudelairegedicht und zwei Passagen aus Dantes INFERNO beruft, bzw. daraus zitiert, dabei das Original variiert, um seine Vision der Londoner Bevölkerung zu beschreiben. Der andere Grund, weshalb mir das Gedicht so eingängig und so wichtig ist, ist sicherlich der Blankvers, der (auch von Eliot benannte) „Shakespeherian Rag“. Ich weiß wirklich nicht, wie die Leute vor der Erfindung des fünfhebigen Jambus überhaupt denken konnten. Wenn man sich eine Zeit lang mit Shakespeare beschäftigt, denkt man automatisch in diesem alternierenden Rhythmus.

Lässt an und für sich gar nichts von der Unordnung in seinem Kopf erahnen: Der gepflegte Herr Eliot (Bild von www.everseradio.com)
Lässt an und für sich gar nichts von der Unordnung in seinem Kopf erahnen: Der gepflegte Herr Eliot (Bild von www.everseradio.com)

Um meine ultimative Begeisterung für dieses Gedicht zu erklären, muss ich aber noch eine kleine traumhafte Anekdote aus meiner Jugend erzählen. Bis ungefähr Anfang 1999 war ich davon überzeugt, dass das Leben einen Sinn und irgend eine Art von Ordnung hat. Dann kam ich unter anderem mit dieser Art von Literatur in Berührung und lernte das Leben langsam kennen. Und irgendwann hatte ich tatsächlich eine Vision, so wie Eliot sie von dieser Gesellschaft von Leuten hat, die über die London Bridge strömen. Meine Vision war aber die von einem Aquarium, in dem es Goldfische, und vielleicht kleine Welse gibt und Kies, und hübsche grüne Pflänzchen und so einen Miniatur-Gewölbebogen, und dann kommt einer mit einem großen Handrührgerät, an dessen Quirlen geschliffene Kanten sind, und knipst in diesem wunderschönen „Land under the Sea“ den Schalter an. Auf Stufe drei ein. Jeder weiß, dass deutsche Qualitätshandrührgeräte von Krups oder anderen verlässlichen Marken generationenlang ihren Dienst tun, selbst wenn jeden Samstag ein Kuchen damit gerührt wird. Und so war die Idylle im Aquarium dahin, vielleicht starben Fische beim Einsatz der Maschine, vor allem aber ward ein großer Staub aufgewirbelt, der jegliche klare Sicht für immer verhinderte. Dies ist das Traumbild, das zu meiner Krise der Moderne wurde, und obwohl es inhaltlich gar nichts mit THE WASTE LAND zu tun hat (gut, doch, da gibt es den Abschnitt „Death by Water“ by Eliot), sehe ich genau dieses Bild, wann immer ich das Gedicht lese. Sie hörten: Das Wort zum Sonntag.


Anwendungsgebiete: Manische Schübe

Einnahme: Wahlweise Gedicht laut lesen, oder eine Seite aus einem nicht zu teuren Gedichtband reißen, gründlich zerkauen und schlucken. Wirkt besser beruhigend als Lithium. Also eigentlich verstörend, aber wenn man sich bewusst macht, wie unordentlich es im Kopf von anderen Leuten aussieht, relativiert sich alles.

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