07.01.+++ Straße schwarzweiß

Rachmaninow
Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow (Foto: Wikipedia)

Die Welt der Musik zerfällt für mich in zwei Teile, diejenige zum Mitsingen und die eher anstrengende. Unter der nicht-singbaren Musik gibt es immer noch die Pfeifbare, ein Zugang, von dem ich gern Gebrauch mache, ansonsten aber höre ich mich oft eher Geräuschen denn Schönheit ausgesetzt. Dieses Schwarz-Weiß-Hören ist bitteschön mein ganz persönliches Problem, ich bin intuitiv nicht der instrumentale Genießer, was aber nicht heißt, dass ich Musik, Musikern oder Komponisten Wert und Qualität abspreche, nur mich springt halt seltener was wirklich an. Heute aber schon. Zunächst der Hund, der den ganzen Tag über ziemlich bockig war, was unter anderem am seeehr großzügig auf allen Gehwegen unserer Umgebung verteilten Rollsplit liegt. Da das Laufen auf diesem krümeligen Zeug ihm keinen Spaß macht, bewegt er sich eher mal gar nicht vorwärts, tut so, als ob er nicht mehr kann, bis dann ein Radfahrer vorbeifährt und er sich zum fröhlichen Jagen aufgefordert fühlt und mich – der diese Jagd aus nicht vermittelbaren Gründen unterbinden will – ungestüm anspringt. Was er NICHT darf. Naja, wir tragen noch eine Weile unsere stumme Meinungsverschiedenheit über Sinn und Zweck eines gemeinsamen Spazierganges aus, dann sind wir wieder zu Hause und dürfen uns entspannen, wozu ich nach einigem Stöbern im Netz in ein Klavierstück von Rachmaninoff stolpere. Oder Rachmaninov. Oder Rachmaninow. Jedenfalls rollt er in diesen VARIATIONEN ÜBER EIN THEMA VON CORELLI ein harmloses Thema zur Hauptstraße hin aus, einen idyllischen kleinen Weg, den ich gern einschlage, aber kaum bin ich ein wenig um die Ecke, wird er richtig wild und anarchistisch, unberechenbar, und das ganze auch noch in diesen kleinen Episoden. Sonderbare Gestalten rennen, hinken, wanken, kriechen und manche tanzen sogar den Weg entlang. Mir fehlt leider das Vokabular, um musiktechnisch zu beschreiben, was da vor sich geht, aber wie Rachmaninov (und natürlich der Pianist*) hier im Handumdrehen den Konzertflügel vom stumpfen Schlaginstrument zum feinsten Töne hauchenden Blasinstrument umbauen, ist bemerkenswert. Ich kann die Welt nicht beschreiben, die da kaum skizziert und sofort wieder niedergerissen wird, aber das Unbehauste, das Gewalttätige, das Chaos und die diabolische Megalomanie der industrialisierten Welt sind darin immer wieder zu spüren. Ich fühle eine holzschnittartige Rissigkeit – eine schwarzweiße Welt, durchsetzt immer wieder mit Inseln von scheinbarer Sanftheit, unter der die Dissonanz lauert. Ich bin fasziniert von dieser Straße, und könnte mir auch vorstellen, dass der Hund beim nächsten Spaziergang  wesentlich motivierter ist – bei all dem, was es hier noch zu entdecken gibt.


Anwendungsgebiete: Nacken- und Rückenschmerzen, Verspannungen, Krämpfe

Einnahme: Nur im Sitzen zu sich nehmen, unbedingt Sicherheitsgurt anlegen, weil die Gefahr besteht, plötzlich aus der Kurve geschleudert zu werden. Lautstärke bis kurz unterhalb der Schmerzschwelle der Nachbarn dosieren. Auf nüchternen Magen oder wahlweise im Rahmen einer durchwachten Nacht wirkt das Musikstück am besten, nämlich wie eine physiotherapeutische Schüttelung, nur von Innen. Manchmal auch wie eine Klopfung. Oder Hackung.

* Kennengelernt habe ich das Stück bei Youtube (wo die Aufnahme sich sicher völlig illegal aufhält), gut gespielt, aber von übler Tonqualität, finde ich. Und dann wollte ich das Stück gern käuflich erwerben (um mein Schwarzhören wenigstens nachträglich zu whitewashen), und konnte mich (zum Leidwesen meines Geldbeutels) nur mit einer Aufnahme von Vladimir Ashkenazy wirklich anfreunden. Oder Aschkenasy. Oder Aschkenasij. Oder – ist ja auch egal, die Aufnahme jedenfalls ist meisterhaft und jedes der schweren Goldstücke wert, die ich dafür völlig legal in ein Steuerparadies habe fahren lassen. Na, da haben sies wenigstens schön, die Goldstücke.

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