07.03. +++ Nunst

Mehrheitsfähig: Der junge Herr Ezra, ein Mann aus dem Volke (Bild von www.tesco.com)
Mehrheitsfähig: Der junge Herr Ezra, ein Mann aus dem Volke (Bild von www.tesco.com)

Ich weiß, es ist albern, aber ich kann nicht glauben, dass Leute mit einer Stimme wie George Ezra sie hat nur was, 22 (!?) Jahre alt sind. Weil, wer so klingt, muss auf jeden Fall schon eine Ehe, diverse Beschäftigungsverhältnisse, den langjährigen Missbrauch unterschiedlichster Substanzen etc. etc. hinter sich haben. Was völliger Blödsinn ist. War bei Joe Cocker (Gott hab ihn selig) ja auch nicht so. Also prinzipiell. Gut, schon, aber Sie wissen, was ich meine. Jedenfalls ist die Stimme das eine, was an seinen Songs im allgemeinen und dem Album WANTED ON VOYAGE, meinem heutigen Kunstwerk, insbesondere, bemerkenswert ist. Musikalisch scheint mir das alles mindestens solide zu sein, mit gelegentlich durchscheinender Schönheit, aber getragen von einer jugendlichen Leichtigkeit, die selbst den langweiligsten Song des Albums (das wäre bei mir LISTEN TO THE MAN) absolut durchlaufenswert erscheinen lassen. Was ich an seinem Sound mag, ist die Handwerklichkeit, die wahrscheinlich das ausmacht, was man mit dem Label „Singer/Songrwriter“ versieht. Dieser Begriff scheint mir eine gewisse Bescheidenheit zu signalisieren, nach dem Motto: „Ich bin ein guter Musiker, aber weder ein genial-virtuoser Instrumentalist noch Vokalist, dafür sing ich nicht irgendeinen Scheiß, sondern nur meinen eigenen.“ Was ich erstmal gut finde. Wie viel dann tatsächlich noch sein ureigenster Scheiß ist, sei mal dahingestellt, darum gehts ja auch nicht, sondern um die Signale, die man so aussendet.

Aber mal zu den Sachen, die mir wichtig sind, zu den Worten. Ich habe mir den Spaß gemacht, die Lyrics von BLAME IT ON ME, dem vielleicht erfolgreichsten Song dieses Albums, zu studieren. Fazit: Yolo-Scheiß. Ja, das ist nicht nett, aber so ist es nunmal. Die zentrale Botschaft lautet, Sie erinnern sich: „What you’re waiting for?“ Also grob gesagt: „Mach schon, nutze den Tag/das Leben/den Sexualpartner.“ Motiviert wird dieses Carpe-Diem-Motto durch diverse schlaglichtartige Bilder aus der Realität der bemitleidenswerten Jugend (Flucht aus Paradies erfolglos STOP Wahrheit nicht gefunden STOP Beziehungen gescheitert [ALLE? MIT 22 SCHON???] STOP Tanze alleine STOP Muss gehen). Ich bin ungerecht, ich fand solche Carpe-Diem-Slogans auch immer ganz toll. Aber ich habe eben auch eine Schwäche für Geschichten, die mehr sind als nur Behauptungen und da kann mich dieser Flickenteppich aus Phrasen nicht so richtig befriedigen. Ezras Stärken, behaupte ich auf der Basis dieser Studie, liegen im Musikalischen und Gesanglichen, nicht im Texten. Was im Übrigen nicht gegen ihn spricht. Denn er hat ja das ganze Leben eines bluesigen Singer/Songwriters noch vor sich und wird mit Sicherheit noch viele Erfahrungen machen, die seine Texte in andere Richtungen lenken werden. Wenn er großes Pech hat, dann nicht.

Ein wichtiges Instrument zur Unterscheidung zwischen Kunst und Nunst: Mein Lieblingslöffel. Eigentlich ein Eislöffel, wird er in unserem Haushalt dennoch auch zum Teeumrühren benutzt
Ein wichtiges Instrument zur Unterscheidung zwischen Kunst und Nunst: Mein Lieblingslöffel. Eigentlich ein Eislöffel, wird er in unserem Haushalt dennoch auch zum Teeumrühren benutzt.

Ich wundere mich immer wieder, wie wenig Text ich verstehe, wenn ich im Radio einen Song höre. Wenn man dann nachliest, ist man manchmal positiv überrascht, in der Regel aber nicht. Die Autoren von Popmusiksongs sind in der Regel keine Dichter, sondern Texter, die auf die gleiche redliche Weise wie ein Werbetexter ihrer Berufung nachgehen, um ein konsumierbares Korrelat zur musikalischen Emotion ihrer Musik zu finden. Was ich aber Kunsthandwerk nenne, nicht Kunst. Ich schätze das nicht gering, nur geringer als Kunst. Der Qualitätsunterschied lässt sich feststellen, wenn man den Text ohne Musik nimmt und mit einem Gegenstand, zum Beispiel einem Löffel, draufhaut. Kunst hat eine Resonanz, sie schwingt. Nicht-Kunst, oder kurz Nunst, klingt dumpf. Im Falle von Popmusik fällt das deshalb meistens nicht auf, weil sie halt mit Musik (üblicherweise auch mit viel Hall) serviert wird. Da ich selbst Texter bin, würde es mir nicht einfallen, mich über andere Texter zu erheben. Aber der Genuss ist nicht so groß, bei der Nunst.


Anwendungsgebiete: Wohnungsputz

Einnahme: Sehr laut aufdrehen, und zumindest bei den Hooklines mitsingen. Sie werden sehen, ein Anflug von Wohnungsputz vergeht wie im Fluge.

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