07.04. +++ Vom Sozialismus lernen

Spricht die deutsche Seele besonders an: Das schwarz-weiß-rote Design von PAPERS, PLEASE (Bild von papers-please.en.softonic.com)
Spricht die deutsche Seele besonders an: Das schwarz-weiß-rote Design von PAPERS, PLEASE (Bild von papers-please.en.softonic.com)

Wieder was gelernt: „Indie“ bedeutet bei Computerspielen keineswegs, dass man Hippie sein muss, um zur Zielgruppe eines Produkts der Software-Industrie zu gehören, sondern steht für „Independent.“ Ich habe mir heute im Zusammenhang mit meinem anstehenden Projekt PHONE HOME ein solches Indie-Computerspiel angesehen und bin ziemlich begeistert: PAPERS, PLEASE von Lucas Pope ist ein inhaltlich kluges, ästhetisch ansprechendes und vor allem neugierig machendes Werk, das ich definitiv zur Kategorie Kunst zähle.

Wir schreiben das Jahr 1982 und leben in einem totalitären Staat namens Arstotzka, der große Ähnlichkeiten mit einem ehemaligen Ostblockland, naja, eigentlich hauptsächlich mit der DDR, aufweist (die Stadt, in der wir leben, heißt „Ost-Grestin“). Die „Arbeitslotterie“ weist mir eine neue Stelle in der Grenzkontrolle zu, und da sitze ich nun Tag für Tag hinter einer Glasscheibe und kontrolliere die Pässe der Einreisewilligen. Was nicht so leicht ist, denn es gibt jeden Tag neue Vorschriften und die Fehler, die ich mache, werden sofort bemerkt. Am Ende des zweiten Tages habe ich schon zwei Verwarnungen bekommen, und ein bisschen Angst davor, was als nächstes passieren würde. Denn ich habe eine Familie zu ernähren – je nach der Anzahl der bearbeiteten Einreiseverfahren bekomme ich Lohn, von dem ich Heizung, Miete, Essen usw. bezahlen muss.
 
Screenshot: Der Arbeitsplatz eines Grenzpolizisten (Bild von www.papersplea.se)
Screenshot: Der Arbeitsplatz eines Grenzpolizisten (Bild von www.papersplea.se)

Ich habe das Spiel noch nicht zu Ende gespielt, aber der besondere Reiz dieses Werkes besteht darin, dass man mit einer Rolle versehen wird, die auszufüllen eigentlich nicht schwer ist (was ist schon dabei, einen Pass zu kontrollieren?), bei der aber der Druck konsequent zunimmt und von Anfang an eine leichte Überforderung erzeugt. Über den eigentlich simplen Aufgaben, die ich zu erfüllen habe, um den Alltag zu bewältigen, vergesse ich leicht, dass es hier um Menschen und Schicksale geht, die sich an diesem Kontrollposten entscheiden. Diese Totalitarismus-Experience wurde allenthalben in der Kritik gelobt – wie „Bornholmer Straße“, nur eben zum Nachfühlen. Die pixelige Ästhetik des Spiels, ebenso wie der C64-Sound, passen zum einen perfekt zum Setting in den 80ern und erzeugen das skurrile Gefühl von Sowjet-Exotik, das wir aus LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU oder JAGD AUF ROTER OKTOBER kennen.

Das eigentlich Erstaunliche für mich ist aber, wie verführerisch Immersion und Belohnung ist. Über eine halbe Million Mal hat sich dieses kleine Spiel verkauft (ist auch nicht billig: 7,99 Euro fürs iPad), über eine halbe Million Mal haben sich also Menschen sehr bereitwillig in die Rolle eines solchen Grenzpolizisten eines fiktiven totalitären Staates begeben. Anschließend haben Sie vermutlich den Kopf geschüttelt und sich (wie ich) gefreut, dass sie nicht in einem totalitären Staat leben. Und es vielleicht nochmal gespielt. Wie jedes Computerspiel gehts um die Endorphine beim Gewinnen und die kleinen Belohnungen zwischendurch – und wie Pawlowsche Hunde reagiert die Mehrheit der Menschen absolut zuverlässig auf diese Mechanismen. Ohne auch nur einen Moment nachzudenken, schlüpfe ich in die mir zugedachte Rolle; natürlich deshalb, weil das Programm mir erst später relevante Informationen über die Welt liefert, in der ich lebe. Und weil es mittlerweile eine Geschichtsschreibung und historische Schuldzuweisungen gibt, kann ich ich diese Rolle schließlich kritisch bewerten, was mir im wahren Leben natürlich viel schwerer fällt. Fest steht, dass Theater viel von Computerspielen zu lernen hat: Dem Publikum wird eine klare, aktive Rolle zugewiesen, und es wird immer wieder für sein Verhalten belohnt. Insofern hat sich der Besuch in Arstotzka gelohnt.

Anwendungsgebiete: Heimweh

Einnahme: Entweder haben Sie Heimweh nach der DDR, dann fühlen Sie sich in PAPERS, PLEASE zu Hause, oder aber Sie kriegen plötzlich Angst vor Grenzkontrollen und bleiben lieber, wo Sie sind. In beiden Fällen legt sich das Heimweh nach einer angemessenen Spieldauer. 
 
P.S.: Ein Goodie für Journalisten: Auf Lucas Popes Webseite kann man das kleine Flash-Game THE REPUBLICA TIMES spielen, bei dem man eine Zeitung im benachbarten totalitären Staat herausgibt…
 
P.P.S.: Thanks for the hint, Tom.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.