07.06. +++ Angefressen

Begeisterung sieht anders aus: Weil ihr Vorgesetzter der Ziehvater des Unfallopfers war, MÜSSEN Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) wider Willen ermitteln. Dieses Gefühl überträgt sich. (Foto www.daserste.de)
Begeisterung sieht anders aus: Weil ihr Vorgesetzter der Ziehvater des Unfallopfers war, MÜSSEN Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) wider Willen ermitteln. Dieses Gefühl überträgt sich. (Bild www.daserste.de)

Ja, manchmal möchte ich in meinen Vorurteilen bestätigt werden, aber bitte glauben Sie mir: Nicht, wenn es um den Wiener Tatort geht. Hab ich nicht neulich erst eine Kritik zum letzten dortigen Tatort geschrieben, der leider ein bisschen untertourig lief? Na, ich befürchte, das war bei GIER, der heutigen Episode aus Wien, ebenfalls Tatbestand.

Gier? Mit gleicher Berechtigung hätte ein beliebiges anderes Motiv zum Titel dieses Tatorts werden können. (Maria Köstlicher als Sabrina Pendler und Michael Masala als Viktor Perschawa, Bild von www.daserste.de)
Gier? Mit gleicher Berechtigung hätte ein beliebiges anderes Motiv zum Titel dieses Tatorts werden können. (Maria Köstlicher als Sabrina Pendler und Michael Masala als Viktor Perschawa, Bild von www.daserste.de)

Eine junge Frau (übrigens Emily Cox, die offenbar gerade zum Tatortstar avanciert, wann wird sie zur Kommissarin befördert?) erleidet einen tödlichen Unfall in einer Chemiefabrik; sie wird verätzt, weil ihr Schutzanzug minderwertig war. Die (moralisch) Schuldige ist relativ schnell ausfindig gemacht: Die Geschäftsführerin der Schutzanzugsfirma, die in Indien produzieren lässt und die Preise gedrückt hat, so dass sie möglichst hohe Profite einfährt. Dann wird ihr Geliebter und Kompagnon ermordet, und der Verdacht fällt ebenfalls auf Frau Magister Wendler – nur dass sich am Ende herausstellt, dass nicht sie, sondern ihr vermeintlich unschuldig in forensischer Haft sitzender Mann der Drahtzieher hinter dem Mord ist. Während also die Wendlerin durchaus aus Gier gehandelt hat, ist der eigentliche Mordfall dieses Tatorts keineswegs aus diesem Motiv heraus geschehen, sondern aus einer Melange aus Rache, Hass, Treue (denn die Täterin war die alte Sekretärin von Herrn Wendler). Im Gegenteil, die Magisterin wird am Ende beinahe rehabilitiert, denn sie hat ja das Geld verdient, das ihr irrer Mann vor seiner Einweisung aus dem Fenster geworfen hat – und sie wird am Ende von ihm umgebracht.

Ich freue mich ja immer, wenn es in Tatorten einen ernsthaften gesellschaftspolitischen Hintergrund gibt – und die Tatsache, dass sich die Drehbuchautorin Verena Kurth der Produktionsbedingungen unserer Textilien annimmt, ist zunächst mal begrüßenswert. Aber. Es geht überhaupt nicht um diejenigen, die eigentlich leiden – ja, es gibt da einen armen indischen Butler, der sich wegen der unmenschlichen Arbeitsbedingungen die Hände verbrannt hat – sondern, was die Gier betrifft, ausschließlich um die tote Europäerin. Die Textilfabrik in Indien bleibt Staffage, der eigentliche Konflikt ist der eheliche im Hause Wendler, und auch der ist bereits passé, in der Vergangenheit passiert. Sonderbar. Im Hier und Jetzt randaliert der hinterbliebene Ehemann, der neben seiner Frau auch noch sein ungeborenes Kind verloren hat, sowie der Polizeipräsident, der zugleich Ziehvater der verunglückten war. Die beiden Ermittler Fellner und Eisner tangiert das nur am Rande. Sie fühlen sich unwohl in diesem Fall, den ihr Vorgesetzter zu einer Privatvendetta entwickelt, aber es ist nicht ihr Konflikt.
Von ihm (Anian Zollner als Peter Wendler, rechts) hätte ich gern noch mehr gesehen. (Bild von www.daserste.de)
Von ihm (Anian Zollner als Peter Wendler, rechts) hätte ich gern noch mehr gesehen. (Bild von www.daserste.de)

So bleibt alles indirekt, gefiltert, angefressen. Die Tatsache, dass das Tempo wie oben erwähnt nicht unbedingt deutschen Sehgewohnheiten entspricht, tut sein übriges, um GIER zu einer etwas lätscherten Angelegenheit zu machen. Ein deutlicher Lichtblick war Anian Zollner als Peter Wendler. Der feine Grat zwischen einem kultivierten Gentleman und einem kinskischen Irren ist ihm ausgesprochen gut gelungen; gern hätte ich mehr Szenen mit ihm gesehen. Auf der Negativseite muss ich leider noch die plötzlichen Gestaltungsausbrüche der Regie (Robert Dornhelm) bzw. der Montage erwähnen: Ohne Not werden an drei Stellen des ansonsten ganz konventionell geschnittenen Tatort plötzlich Split-Screens eingebaut, die weder der Geschichte noch der Ästhetik entsprechen und nirgendwohin führen. Aufgesetzt und manieriert wirken sie, als sollte ein etwas lahmer Tatort nachträglich aufgepeppt und mit Dynamik versehen werden, was schief geht.


Anwendungsgebiete: Erhöhte Magensäure.

Einnahme: Schauen Sie ruhig diese Tatort-Episode ein paarmal in der Mediathek, statt sich immer Omeprazol reinzupfeifen. Es kostet nix und sediert. 

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