08.01. +++ Kampfspuren

Kaligraphie mit Grün HP 2000
Harald Puetz, KALIGRAPHIE MIT GRÜN (Öl auf Leinwand, 80 x 100 cm, 2000)

Grün gilt unter Säugetieren nicht als gesunde Farbe. Grün darf sein, was rein geht, aber grün sollte nichts sein, was raus kommt. Grün soll das Parteibuch sein, aber nicht die Gesichtsfarbe. Oder gar petrol. Es ist kein Zufall, dass Aliens in aller Regel dunkelgrüne Schleimmonster sind, denn von Echsen/Krokodilen/Sauriern dieser Couleur sollte sich Otto Normalsäugetier besser fern halten.

Ich habe heute Zeit mit einem Bild verbracht, das von genau diesem gefährlichen Farbton dominiert wird, KALIGRAPHIE MIT GRÜN von Harald Puetz, und danke der Nachfrage, es geht mir trotzdem noch gut. Vielleicht sogar besser als vorher. Im Sinne der Offenlegung gleich mal vorweg, dass das Gemälde bei uns in der Wohnung hängt und uns vom Künstler als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde (und zwar, weil er uns mag). Natürlich können Sie sich anhand der Fotografie nur sehr bedingt einen Eindruck von diesem Ölgemälde verschaffen, aber ums gleich zu sagen: Es wirkt im Original genauso ausdrucksstark wie in der Reproduktion und es ist mit Sicherheit kein Werk für schwache Nerven. Zwei äußerst dynamische Formen bestimmen das Geschehen, sie sind glänzend, schlagkräftig und raumgreifend, sie nehmen die Leinwand in Beschlag und genauso den Raum um sie herum. Edel kommt diese Auseinandersetzung zwischen der runden, nach unten gewandten, und der nach oben gereckten länglichen Form daher; bis auf den leicht orangen Hintergrund der linken und den leicht grünlichen Hintergrund der rechten Form herrscht offenbar Waffengleichheit. Wer die Arbeit von Harald Puetz kennt, weiß, dass er sich immer weiter von figürlichen Formen, die zuletzt nurmehr Spuren hinterließen, über Kaligraphien wie die vorliegende hin zur Beschäftigung mit Farb- und schließlich Lichtspuren bewegt hat. Spuren finden sich auch ganz zentral in

Kaligraphie mit Grün HP 2000 Detail
KALIGRAPHIE MIT GRÜN, Detail

diesem Bild – neben den beiden scheinbar streitenden Formen das dritte Element in diesem Bild. Von weitem oder flüchtig gesehen wirken sie fast, als ob der Pinsel ihm ausgekommen wäre, aber in diesen Bildern gibt es keinen Zufall. Es stecken Formen darin, Schemen von Gesichtern und Körpern, die freilich einer anderen Seinsart zugehören, als die massiven Kaligraphie-Echsen. „Kalos“ heißt auf Griechisch schön, und schön ist diese Komposition allemal, aber wofür stehen die „Graphien“, also die „Schriftzeichen“? Ich kann nicht verhindern, dass sich eine Geschichte in meinem Kopf ausbreitet, von zwei schlangengleichen, ästhetischen Wesen, die ganz Körper aber völlig geistlos sind und in einem harten Kampf verstrickt sind. Vielleicht hat die ausholende Figur links gerade die in rötlicher Energieaura schimmernde Oberhand, während die rechte Form zurückweicht? Auch die schemenhaften Kampfgeister, die zwischen den beiden schweben, scheinen sich nach rechts zu bewegen – aber die Auseinandersetzung ist noch nicht vorüber, der nächste Zusammenstoß steht bevor, es ist ein spannender Augenblick des Atemholens, der hier eingefangen ist. Ich weiß, bei nicht gegenständlichen Bildern erfindet man keine Geschichten dazu, wenn man sie beschreibt, das kann ja jeder selber machen, wenn er sichs anguckt. Andererseits ist das Bild nun mal eine Kaligraphie und mit Schriftzeichen werden nun mal alle möglichen Geschichten festgehalten. Komischerweise macht mich die Beschäftigung mit dieser spannenden Szene nicht kribbelig oder löst ein Unbehagen aus, sondern sie macht Lust: Lust an der changierenden Eidechsenfarbwelt dieser Schriftwesen, ihrer Bewegung und Kraft, Lust auch an der Spurensuche in den Geisterzeichen im Zentrum. Streitkultur, das ist das Thema, und was das betrifft, können wir Säugetiere allemal von der zivilisierteren Form der Auseinandersetzung zwischen Echsen und Aliens lernen – denn die bringen sich immerhin nicht gegenseitig um.


Anwendungsgebiete: Halsentzündung, eitrige Mandeln, Husten
Einnahme: Mit ausreichend warmer Kleidung (Schal!) dreimal täglich eine halbe Stunde in einem nicht überheizten Raum anschauen. Auf die Atmung achten, die langsamer werden und sich Richtung Ausatmung verschieben sollte. Aber Vorsicht, nicht hyperventilieren! 

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