08.02. +++ Hautnah

Diana Damrau (Lucia) und Pavol Breslik (Edgardo) in LUCIA DI LAMMERMOOR (Foto von www.staatsoper.de)
Stillleben mit impulsiver Dame: Diana Damrau (Lucia) und Pavol Breslik (Edgardo) in LUCIA DI LAMMERMOOR (Foto von www.staatsoper.de)
Aristokraten habens auch nicht leicht. Zum Beispiel der nette Herr Ashton, der nun wirklich Sorgen genug hat, einen Todfeind, ein großes Haus, Geldprobleme, und dann auch noch eine unverheiratete Schwester, die partout nicht macht was er will. Lucia, so der Name des Satansbratens, hat sich ausgerechnet und bestimmt absichtlich in eben diesen Todfeind, Edgardo, verliebt und er auch in sie und sie wollen heiraten. Weil das Enrico, so heißt ihr Bruder mit Vornamen, verhindern will, jubelt er ihr einen gefälschten Brief von Edgardo unter, um dessen Untreue zu beweisen und sie zur Heirat mit Enricos Verbündetem Lord Bucklaw zu bewegen. Was dann auch passiert; sie unterschreibt den Heiratsvertrag und just in diesem Moment stürzt ihr ehemaliger Zukünftiger Edgardo herein und – erster Magic Moment der Oper LUCIA DI LAMMERMOOR – trotz des Skandals singen Edgardo und Enrico ein sehr ruhiges und berührendes Duett. Dann kocht die Stimmung nochmal hoch, Edgardo trennt sich von Lucia und die bricht zusammen – was will sie sonst auch machen. Pause. Die Handlung nach der Pause ist schnell zusammen gefasst: Bruder und Erzfeind verabreden sich zum Duell. Lucia betätigt sich als Partybremse, indem sie ihren Ehemann erstochen hat und jetzt auf Unzurechnungsfähig plädiert (Zweiter Magic Moment: Die berühmte und ziemlich lange „Wahnsinnsszene“). Enrico erfährt, dass sie Wahnsinnig geworden sei und im Sterben liegt – als die Totenglocke ertönt, bringt er sich um. Offen bleibt indessen die Frage, ob der nette Herr Ashton jetzt noch mehr Probleme hat als vorher.
 
Der Fall des Hauses Ashton, mit der Kinderseele von Lucia (?) (Foto von www.staatsoper.de)
Der Fall des Hauses Ashton, mit der Kinderseele von Lucia (?) (Foto von www.staatsoper.de)

Ich bin kein Opernconnaisseur, deshalb hatte ich beim heutigen Genuss des oben zusammengefassten Werkes von Gaetano Donizetti folgendes Problem: Ich habe es im Livestream der Münchner Staatsoper angeschaut und dazu mein iPad mit dem Fernseher verbunden. Die Qualität war gut (leider nicht HD, aber das macht nix), insgesamt fünf Mal hing die Übertragung und die Webseite wollte neu geladen werden (was ich auch okay finde), ABER: Der Stream fürs iPad versagte leider im Bezug auf Untertitel, so dass ich auf den Opernführer und die Einführung des netten Herrn Bacheler angewiesen war, was die Handlung betraf. Ein harter Schlag für einen Logozentriker wie mich. Abgesehen vom einen oder anderen „sangue“ und „Lucia“ war nix zu verstehen. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, war es ein sehr interessanter Abend. Zurückgeworfen auf die Musik und das Spiel der Sänger hatte ich es nicht immer leicht, herauszufinden, worum es eigentlich gerade geht. Dabei kommt die Inszenierung von Barbara Wysocka ziemlich realistisch daher, kaum eine symbolische Überhöhung – gut, zu Anfang und am Ende wieder ein Mädchen, das vielleicht sowas wie Lucias verstörte Kinderseele verkörperte und ein paar Projektionen, aber sonst ließ die Regisseurin den Sängern viel Raum, ohne sie mit den Partien allein zu lassen. Wysocka siedelt die Oper in den späten Fünfzigern in Amerika an, zur Kennedy-Zeit, da dies – so ihre Aussage im Pausenbericht – die letzte historische Epoche gewesen sei, in der Brüder ihre Schwestern aus politischen Gründen hätten verheiraten können. Bei allem Respekt, das ist Quatsch. Nichts gegen die Verortung der Inszenierung, die durchaus Sinn ergibt, aber nur weil dynastische Heiraten in der westlichen Welt etwas seltener geworden sind, heißt das noch lange nicht, dass es keine Zwangsverheiratungen aus allen möglichen politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Gründen in anderen Teilen der Welt mehr gibt. In diesem Augenblick dachte ich mir, dass die Theatervermittlung in Form von redaktionellen Beiträgen, wie beim Livestream aus der Staatsoper üblich, nicht nur ein Segen sind. Da fand ich den Beitrag über die Glasharmonika, der sich anschloss, interessanter.

Impulsiven Künstlerseelen lieber nie Waffen geben: Dalibor Jenis (Enrico) und Emanuele D'Aguanno (Arturo) (Foto von www.staatsoper.de)
Auch coolen Künstlerseelen lieber nie Waffen geben: Dalibor Jenis (Enrico) und Emanuele D’Aguanno (Arturo) (Foto von www.staatsoper.de)

Die stimmlichen Leistungen der Sänger zu beurteilen, steht mir nicht zu – ich fand vor allem Pavol Breslik als Edgardo und Georg Zeppenfeld als Raimondo ansprechend. Was die darstellerische Qualität betrifft, ist so eine Livestream-Kamera, vor allem in Naheinstellung, nicht immer schmeichelhaft für die Sänger. Gnadenlos zeigt sich jeder Ansatz von Over-Acting, die erfreulich selten, aber eben doch vorhanden waren, in dieser LUCIA. Nun bin ich kein Sänger, aber es leuchtet mir ein, dass man bei den stimmlichen Höchstleistungen, die man zu vollbringen hat, nicht jede Bewegung und schon gar nicht jede mimische Regung kontrollieren kann. Es lassen sich jedoch deutliche Unterschiede darin beobachten, wie vielen Impulsen die Sänger folgen und wie sehr sie in der Lage sind, ihre Ausdrucksmittel auch getrennt von einander einzusetzen. Diana Damrau, zum Beispiel, die Lucia des Abends, folgt gern und häufig ihren Impulsen. Es entsteht das Bild einer ständig unter Strom stehenden Frau, zumal wenn sie mit anderen Figuren interagiert, als ob sie immer um Aufmerksamkeit buhlt. In der Wahnsinnsszene, wo sie die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden hat, wirkt sie marginal ruhiger, aber auch hier bleibt sie erratisch – was man im Wahnsinn natürlich erwarten würde, aber eigentlich wärs ja schöner, wenns gegen die Erwartung inszeniert wäre. Dalibor Jenis, der ihren Bruder Enrico singt, bildet auch in dieser Hinsicht ihren Gegenpart: Er ruht bei aller Aufgewühltheit fast immer in der Figur; seine Blicke erzählen mir mehr über seine innere Zerrissenheit als ein Dutzend Gesten.

Es wird von Technologieskeptikern gern die rhetorische Frage gestellt, ob das Livestreaming einer Aufführung das Theatererlebnis ersetzen solle. Diese Frage wird von niemandem mit „Ja“ beantwortet, weil – ob Sies glauben oder nicht – es niemanden gibt, der das will. Es geht beim Livestreaming darum, die Kunst zu bereichern; einen Kommunikationskanal MEHR zu öffnen, um über Theater zu reden. Die Grundbedingung von Theater, dass nämlich mindestens zwei Menschen zusammen im selben Raum sein müssen, kann ein Livestream nicht verändern, selbst wenn ers wollen würde. Und diese Bereicherung habe ich heute Abend erlebt: Es war ein anderer Blick, den ich auf diese Oper und Oper im allgemeinen geworfen habe. Einerseits bringen die Nahaufnahmen mir die Sänger näher, als ich sie in der Oper je sehen könnte; andererseits bin ich durch das zwischengeschaltete Medium aber immer eine Ordnung von ihnen entfernt, durch die Liveübertragung trotzdem nabelhaft angebunden. Die zweifache Verschiebung der Perspektive ermöglicht einen Reflexionsraum, der andere Reaktionen und Assoziationen mit der Kunst ermöglicht. Das Erlebnis war sicher nicht so atmosphärisch und vielleicht nicht so „schön“ wie für das Publikum am Max-Joseph-Platz – ein intensives Kunsterlebnis war es trotzdem.

Anwendungsgebiet: Rückenschmerzen
 
Einnahme: Computer oder Smart-TV oder von mir aus auch iPad einschalten, orthopädischen Fernsehsessel auf die rückenschonendste Position einstellen und Oper genießen. Sie ersparen sich ungesunde Sitze im Theater, auch wenns da NATÜRLICH viel viel schöner ist.
 

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