08.03. +++ Schinakel

Nein, die Grenzen des guten Geschmacks werden nicht überschritten. Adele Neuhauser als Bibi Fellner und Harald Krassnitzer als Moritz Eisner ermitteln gaaanz oadentlich (Bild von www.daserste.de)
Nein, die Grenzen des guten Geschmacks werden nicht überschritten. Adele Neuhauser als Bibi Fellner und Harald Krassnitzer als Moritz Eisner ermitteln gaaanz oadentlich (Bild von www.daserste.de)

Bitte, ich glaube ganz entschieden nicht an nationale Mentalitäten, schon gar nicht am Weltfrauentag. Aber es gibt ja Leute, die behaupten, der Österreicher als solcher sei ein bisschen langsamer als der benachbarte Piefke. Selbst wenn dies im (hochdeutschen) Volksmund oder sogar in Natura so sein sollte, gibt es keinen Grund dafür, dass es in der darstellenden Kunst, zumal im Fernsehen, zumal im Krimigenre, zur Abbildung kommen sollte, denn wie jeder weiß, gehorcht die Produktion, zumal der Schnitt, zumal das Timing, von Flagschiffproduktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, zumal des  Tatorts, Qualitätskriterien, die sich mit Hollywood messen können. Sonst wären sie ja nicht so erfolgreich. Oder subventioniert. Wirkt das widersprüchlich? Na dann setz ich noch einen drauf: Der heutige Tatort GRENZFALL (Buch und Regie Rupert Henning) war für österreichische Verhältnisse sehr flott, spielte aber auch hauptsächlich im Ausland (im Waldviertel, bzw. in Tschechien). Und für bundesdeutsche Zuschauer hing er an ein paar Stellen durch. Aber hallo – dies ist keine unbillige Kritik, es gab auch sehr unterhaltsame Stellen und, das sei schon vorab gelobt, das Gesamtthema war verdienstvoll. Was den Gegenwert der Note drei hat. So wars jedenfalls im Sportunterricht in der Schule, was ich aus eigener Erfahrung weiß.

In guter Tradition geschieht der Mord, um den es gehen wird, im Prolog. Da wird jemand an einem Bach erschossen, und leider anschließend auch noch ein Hund. Das nächste Bild zeigt folgerichtig eine Beerdigung und dann sehen wir gleich noch einen Mann im Schinakel (Danke für die Aufklärung! – „Schinakel“ österr. f. „kleines Boot“) ermordet. Und leider ist es ein bisschen verwirrend auseinander zu dividieren, dass der erste Mord 1968 statt fand, und das zweite Opfer der Sohn eines damals für die Grenzsicherung zuständigen Geheimdienstoffiziers war, der jetzt versuchte, einen damals für die CSSR arbeitenden österreichischen Spitzel zu erpressen. Und die Beerdigung war von wem ganz anderen. Das ganze Durcheinander fällt einem aber gar nicht so sehr auf, und zwar bis zur großen Aufklärung fünf Minuten vor Schluss, da allerdings knarzt die Story dann ganz gewaltig. Und wo wir gerade beim Thema Knarzen sind: Die aufrechte tschechische Polizistin, die UNBESTECHLICH (Ausländerin und unbestechlich! Da schau her! Na, ist ja auch eine Frau!) die Verbrechen der kommunistischen Vergangenheit aufklärt und dafür sogar ihre eigene Karriere (oder ihr Leben, oder was auch immer) riskiert, ist, das muss man leider so hart sagen, eine Bleiente, ein Stützrad der echt komplizierten Handlung, und wahrscheinlich kann der Regisseur kein Tschechisch, jedenfalls wirkten die tschechischen Szenen alle ein bisschen wie Laientheater.

Einer der besten Dialoge im Tatort: Der Kommissar und sein Vorgesetzter Rauter (Hubert Kramar. Bild von www.daserste.de)
Einer der besten Dialoge im Tatort: Der Kommissar und sein Vorgesetzter Rauter (Hubert Kramar. Bild von www.daserste.de)

Das klingt aber jetzt ein bisschen ungerecht, denn eigentlich wars ein vergnüglicher Abend. Die große Stärke des Wiener Ermittlungsteams, insbesondere von Adele Neuhauser aka Kommissarin Bibi Fellner, ist ihr Witz, und das Drehbuch gibt ihnen in den mit leichter Hand eingestreuten Flirtszenen zwischen Fellner und Eisner sowie weiteren Damen und Herren eine Würze, die über weite Strecken die Schwierigkeiten des Drehbuchs überdecken. Und jetzt noch mal zum Kernthema: Spitzeltätigkeiten von nicht sonderlich kommunistischen Österreichern für den tschechoslowakischen Geheimdienst, um Grenzübertritte zu verhindern. Dieses historisch authentische Kapitel (die zuständige ARD-Webseite informiert uns darüber KURSIV, noch dazu ist der Tatort den Opfern im Abspann gewidmet, also ist es ECHT WAHR!), das den Hintergrund zur verwickelten Handlung bildet, ist wichtig und aufarbeitenswert, und ich bin der Letzte, der gegen politische bzw. zeitgeschichtliche Hintergründe ist, aber für eine Aussage dazu bleibt in anderthalb Krimistunden natürlich keine Zeit. Immerhin, der Zweck, darauf aufmerksam zu machen, wird erreicht, also Aufklärung, fast im kriminalistischen Sinne. Für ein weiteres Eindringen in die politische Situation ins Österreich der späten Sechzigern bleibt in anderthalb Krimistunden keine Zeit, dafür ist die Taya, der Grenzfluss, viel zu flach. Also gerne mehr historische Themen, aber dann auch gerne weniger Nebenkriegsschauplätze (Stichwort „Archäologische Ausgrabungen“ und „Pathologievorlesung“), und schon werden Moritz und Bibi, die Ermittler mit den Kinderbuchnamen, weiter aufblühen.


Anwendungsgebiete: Hypoglykämie

Einnahme: Aufklärung. Aufklärung ist das Wichtigste überhaupt. Da Sie, wenn Sie diesen Tatort aufmerksam geschaut haben, nicht nur über die Spitzel und Todesfälle an der tschechoslowakisch-österreichischen Grenze, sondern auch über die Risiken von Diabetes, unregelmäßigem Essen und zu hohen Dosen Insulin aufgeklärt wurden, hoffe ich doch sehr, dass Sie mal wieder einen Zuckertest machen, und generell weniger von der weißen Pest zu sich nehmen. Es ist  überhaupt auch Fastenzeit. Also keinen Zucker mehr einnehmen. Und den Tatort brauchen Sie auch nicht unbedingt noch mal anzuschauen.

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