09.01. +++ Vorwölbung

Benn Gedichte
Dr. Benns Beitrag zu meiner quasi-medizinischen Betrachtung der Kunst

Nach acht Tagen regelmäßigem Kunstkonsum beobachte ich verschiedene Veränderungen. Erstens: Vorfreude. Die Zeit, die ich jeden Tag mit der Kunst verbringe, ist eine in der Regel schöne, meist auch noch spannende und unterhaltsame. Die Zeit mit der Kunst tut meinem Seelengleichgewicht gut. Ich freue mich schon darauf. Zweitens: Wachsender Anspruch. Ein Werk zu finden, das meinen Erwartungen gerecht wird, wird nicht einfacher. Ich will weder jeden Tag das gleiche Genre noch immer bekannte Künstler zu mir nehmen. Und in Personalunion Redakteur, Showmaster und Konsument zu sein, macht die Sache nicht einfacher. Drittens: Steigender Druck. Wenn der vage entworfene Zeitplan für den Tag zu kippen droht, wenn ich kein Werk finde, das mich anspricht, wenn ich zu müde bin, um etwas zu lesen, zu hören, zu sehen, dann droht meine Seelenruhe akut zu entgleisen. So schön die Kunst ist, wenn man sie plötzlich entbehren muss, wird sie zum Unruhestifter.

imageHeute durfte es wieder Lyrik sein, sagte mein Rhythmusgefühl, und nach einiger Zeit vor dem Bücherregal entschied ich mich für Gottfried Benn. Schon nach wenigen Seiten in den AUSGEWÄHLTEN GEDICHTEN blieb ich im NACHTCAFÉ des noch jungen Dr. Benn hängen (er war 26 und gerade promoviert, als er es 1912 schrieb). Es ist schon erstaunlich, wie deutlich Benn den Zerfall der so genannten Zivilisation um ihn herum in seinen Gedichten als Zerfall der Körper seziert. Dass er dabei oft eine gewisse Lust am Schockierenden zelebriert, lässt sich vielleicht dem Eifer eines „angry young man“ zuschreiben, vielleicht war er aber auch ein bisschen sadistisch. Mich hat diese morbide Lyrik aus dem Leichenschauhaus schon immer fasziniert, aber im NACHTCAFÉ kommt noch ein anderes Moment hinzu: Der Rahmen ist Musik, zunächst Schuhmannlieder, die mottogebend all die Amouren im Nachtcafé untermalen, nämlich „Frauenliebe und Leben“. Für die Musiker des Caféorchesters, die gerade nicht dran sind, Gelegenheit zur Pause, mit Kunst hat das nichts zu tun, eher mit Verdauungsschwierigkeiten und Langeweile. Die Kundschaft ist jedoch der Liebe wegen da. Und wie abstoßend der Sprecher all diese Leiber um ihn herum findet: er beschreibt sie ausschließlich über körperliche Defizite bzw. Krankheiten („Grüne Zähne, Pickel im Gesicht / Winkt einer Lidrandentzündung“), ihre Beziehungen entwickeln sich durch Alkohol und Geschenke; „Glaube Liebe Hoffnung“ nur Floskeln wie Kalenderblattweisheiten. Als die b-moll Sonate von Chopin erklingt, schreit etwas – vermutlich das Lyrische Ich – auf, weil eine Perle der Musikgeschichte vor solche Säue geworfen wird, wie er findet. Und dann ändert sich alles: „Ein Weib“ betritt den Raum, und die Idee von Orient die sie Verkörpert, der Gedanke nur von einem Duft wirft unsern Sprecher fast um. Diese „kanaanitische“ Schönheit – eine jüdische Schönheit wie Benns Freundin Else Lasker-Schüler? – ist in einem Wimpernschlag das Objekt seiner Begierde. An ihr sind keine Makel zu erkennen, keine Krankheit, und man ahnt, dass die Sehnsucht der Grund für seinen Menschenhass sein könnte, dass sich ihr Duft, nein nur die „Vorwölbung der Luft“, deshalb so auf ihn wirkt. Leider kein Happy End, denn auch wenn das „Weib“ alttestamentarische Qualitäten hat: „Eine Fettleibigkeit trippelt hinterher.“ Diese Pointe schließt den Kreis wieder zum Zynismus des jungen Dr. Benn, aber die menschliche Schwäche, die sich in diesem Sprecher zeigt, macht mir Benn allemal menschlich sympathischer als viele andere Lyriker, denn sie hat etwas mit Selbstironie zu tun.


Anwendungsgebiete: Fieber

Einnahme: NUR ZUR ÄUSSERLICHEN ANWENDUNG! Bei akuter Selbstüberschätzung, Aufgeblasenheit, Eitelkeit usw. als kalte Packung an den Waden oder bei schlimmeren Fällen im Nacken anwenden.

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