09.03. +++ Kampfschlümpfe

Nein, sie sind zu (fast) keinem nett: Die Pictsies aka Nac Mac Feegle (Bild von www.fm-base.co.uk)
Nein, sie sind zu (fast) keinem nett: Die Pictsies aka Nac Mac Feegle (Bild von www.fm-base.co.uk)

Ich könnte mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die Terry Pratchett mangelnde Ernsthaftigkeit vorwerfen. Schließlich ist kein Berufsstand, kein Medium, keine Religion, GAR NICHTS, vor seiner spitzen Feder sicher. Irgendwann sickert alles in die Scheibenwelt ein, und ein gutes Haar bleibt selten daran, wenn er die Absurdität menschlicher Eitelkeiten unter die Lupe nimmt. Nun habe ich heute sein zweites Buch explizit für junge Leser zu mir genommen, THE WEE FREE MEN. Ebenso wie sein Vorläufer in diesem Genre, THE AMAZING MAURICE AND HIS EDUCATED RODENTS, unterscheidet sich dieses Werk von Pratchetts sonstigen Romanen vor allem dadurch, dass es einsträngig und mit einem kindlich-jugendlichen Protagonisten erzählt wird. Und: Es ist viel ernsthafter, als die andern Romane. Natürlich, Pratchett wäre nicht Pratchett, wenn die Erzählung nicht Seitenhiebe auf alles Mögliche enthielte, aber der Grad an alles durchtränkender Anarcho-Ironie ist auf ein kindertaugliches Maß reduziert.

Die Heldin des Buches ist die neunjährige Tiffany, die aus einer alten Schäferfamilie stammt und den dringenden Verdacht hat, dass ihre Großmutter eine Hexe war. Als ihr kleiner Bruder Wentworth verschwindet, muss sie sich (ein beliebtes Thema bei Pratchett) der Tatsache stellen, dass die Wirklichkeit etwas undicht ist, und die böse Königin eine feindliche Übernahme beginnt. Glücklicherweise hat sie Unterstützung von den Pictsies, einer Miniaturkreuzung aus Schlümpfen und Keltenkriegern, die am liebsten den ganzen Tag stehlen, saufen und kämpfen, aber eben nur ein paar Zentimeter hoch sind. Mit ihrer Hilfe gelingt es Tiffany, die Königin mitsamt den militanten Alpträumen, die sie zu ihren Zwecken einsetzt, ins – nunja – Reich der Träume zurück zu schicken, natürlich nur, um anschließend endlich das Erbe ihrer Oma als Hexe anzutreten.

Auf dieses Bild bezieht sich Pratchett in einer Szene: Richard Dadds THE FAIRY FEHLERS' MASTER STROKE (Bild von www.de.wikipedia.org)
Auf dieses Bild bezieht sich Pratchett in einer Szene: Richard Dadds THE FAIRY FEHLERS‘ MASTER STROKE (Bild von www.de.wikipedia.org)

Die kleinen blauen Fantasieschotten, die nichts außer Rechtsanwälten fürchten (und großen Respekt vor Hexen, auch heranwachsenden, haben), sind auf jeden Fall große Sympathieträger in THE WEE FREE MEN, und sie machen deutlich, dass Pratchett versucht, seine übliche Zotigkeit auf ein für Kinder vertretbares Maß zu reduzieren. Was ihm gelingt, indem er diese lasterhaften Helden einfach ganz klein anlegt. Die Leser begleiten Tiffany dabei, wie sie in der Schule des Lebens – und das ist offenbar die einzige richtige Schule für Zauberei (kleiner Seitenhieb auf Hogwarts) – entdeckt, was es bedeutet, eine Hexe zu sein. Und das hat paradoxerweise damit zu tun, die Welt ein bisschen zu entzaubern, denn die böse Königin zu besiegen, gelingt ihr nur, indem sie „die Dinge sieht wie sie sind“ und sich nicht von Träumen, die plötzlich wahr werden, erschrecken lässt. Das Hexenhandwerk, stellt Tiffany fest, ist letztlich kein Hexenwerk, sondern nur die Fähigkeit, klar zu denken und mutig zu handeln. Bei allem Humor: Mit mangelnder Ernsthaftigkeit hat das nichts zu tun. Im Gegenteil nimmt Pratchett in THE WEE FREE MEN Märchen und Träume sehr viel ernster, als sie normalerweise im Märchenbuch oder in der Dämmerstunde behandelt werden. Er gibt ihnen gefährliche Macht und erzählt auf diese Weise eine Geschichte über die Fähigkeit, sich von Ängsten zu befreien. Ziemlich viel edle Aufklärung, für so einen anarchischen Schriftsteller. Aber unter der großen, chaotischen Freiheit seiner Welt steckt wahrscheinlich eben dies: Die Sehnsucht nach ein bisschen mehr Ordnung in der Welt.


Anwendungsgebiete: Alpträume, vor allem tagsüber.

Einnahme: Lesen Sie Pratchett regelmäßig, und die Alpträume werden sich in ein Lächeln auflösen. Auch bei dauerhafter Anwendung sind keine Nebenwirkungen bekannt.

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