10.01. +++ Kalte Wolken

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Hier gehts immerhin um Kunst: Die Komponisten-Ebene (Foto von www.cloudatlas-derfilm.de)

Die Zutaten stimmen: eine geschickte Dramaturgie, tolle Schauspieler, unglaublich teure Ausstattung und atemberaubende elektronische Effekte. Und dann beruht der Film ja auch noch auf einem Roman (den ich nicht gelesen habe). CLOUD ATLAS müsste allen Indizien nach also Kunst sein. Und vielleicht ist er das auch. Aber – er lässt mich kalt. Nein, das stimmt nicht. Er fesselt mich, unterhält mich, ich fiebere mit, aber woran liegt es, dass er mich nicht innerlich berührt, dass ich seelisch unbeteiligt bleibe? Um es vorwegzunehmen: Ich weiß es nicht. Dennoch möchte ich einige Vermutungen anstellen. Für diejenigen, die den Film nicht kennen nur soviel zum sehr komplexen Inhalt: Es gibt in diesem Film sechs verschiedene Geschichten, in entsprechend vielen Zeitstufen, wenn ich mich nicht verzählt habe. Eine im 19. Jahrhundert, drei im 20. Jahrhundert und zwei in der fernen bzw. noch ferneren Zukunft. In jeder dieser Zeitstufen kämpft ein Protagonist für eine gute Sache wie die Abschaffung der Sklaverei, die Vollendung einer genialen Komposition, die Aufdeckung einer Industrieverschwörung, die Befreiung aus einem totalitären Altersheim, die Abschaffung der Tötung von Klonen und schließlich die Rettung der Menschen von der verseuchten Erde. Und die These lautet, dass all diese Menschen in den verschiedenen Zeitstufen spirituell miteinander verbunden sind, was man an Muttermalen in Sternschnuppenform erkennen kann, mit denen jeder der Helden irgendwo markiert ist. Und damit nicht genug, die Geschichten berühren sich auch noch alle irgendwie durch Überschneidung von Figuren oder dadurch, dass Geschichten aus früheren Zeiten in spätere ragen. Diese Verquickung, also die SHORT CUTS-Dramaturgie über die Jahrhunderte hinweg, strapaziert das Erzählgefüge ziemlich – etwa die Tatsache, dass da eine Altersheimfarce aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert eine entscheidende Rolle bei der Befreiung der Klone in der Zukunft spielen soll. Das zweite, was auf den ersten Blick nicht auffällt, aber über drei Stunden (so lang dauert das Werk) einfach nicht verborgen bleiben kann, ist die Tatsache, dass die einzelnen Geschichten teilweise ziemlich platt sind. Ein bisschen Humor, eine Dosis Thriller, ein gerüttelt Maß an Science-Fiction – bei diesem Genrehopping kann keine der Gattungen sehr in die Tiefe gehen. Und drittens ist die Grundthese das, was man auf englisch „cheesy“ nennt: „Jeder ist mit jedem verbunden, und zwar auch seelisch.“ Selbst diese Aussage fände ich vielleicht noch erträglich, wenn der Film nicht versuchen würde, einen sternschnuppenbasierten Beweis derselben zu führen. Das ist ein bisschen arg, zumal er nicht wie magischer Realismus, sondern ziemlich sachlich daherkommt. Naja, die Musik nicht. Der Film ist handwerklich sehr gut gemacht, und es steckt viel Geld darin, aber er hat kein menschliches, sondern ein industrielles Antlitz. Ich sage das voller Überzeugung, denn er hat mich nicht berührt, und dieses Kriterium ist für mein tägliches Kunstwerk nunmal das Entscheidende. Eine leichte Verstimmung macht sich breit, und ich überlege, meine Rundfunkgebühren zurück zu fordern. Immerhin wurde das Werk von der ARD ausgestrahlt. Soviel Zeit und keine Kunst.


Anwendungsgebiete: Schwerhörigkeit

Einnahme: Bei Verstopfungen im äußeren Gehörgang einfach den Fernseher laut genug aufdrehen, irgendwann schmilzt das Wachs vor Verzückung oder Scham. Dann aber wieder leise stellen, sonst können Spätfolgen nicht ausgeschlossen werden.

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