10.02. +++ Fremde Tiere

Zwei Titelhelden: Der Emigrant und sein erster Freund
Zwei Titelhelden: Der Emigrant und sein erster Freund
Wer sich schon einmal über einen längeren Zeitraum im Ausland aufgehalten hat, kennt das Gefühl: Tiefe Verlorenheit, wo Menschen, Sprache, Essen, ja die einfachsten Dinge des täglichen Lebens völlig anders sind als zu Hause. Was bei einer Ferienreise ein leichter und anregender Nervenkitzel ist, nämlich das Bekannte hinter sich zu lassen, und mit der Unsicherheit des Anderswo zu flirten, büßt jeden Reiz ein, wenn es kein zurück gibt. Wenn die Brücken abgebrochen sind und es kein Netz und keinen doppelten Boden gibt. Angst wird zum ständigen Begleiter; Angst, das Falsche zu tun, in Not zu geraten, bedroht zu werden.Selbst, wenn die Konfrontation mit der Fremde nicht unter Lebensgefahr und Schmerzen erfolgt, ist sie oft eine traumatische Erfahrung. Dieser fundamentalen menschlichen Erfahrung, der die zunehmende Zahl der zu Migration und Flucht gezwungenen Menschen ausgesetzt sind, hat der australische Zeichner Shaun Tan seine Graphic Novel EIN NEUES LAND gewidmet, die ich heute zu genießen das Vergnügen hatte.
 
Berührender Abschied (aus EIN NEUES LAND)
Berührender Abschied (aus EIN NEUES LAND)

Ein Mann muss seine Frau und seine Tochter verlassen – wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen. Wir sehen, wie der Koffer gepackt und geschlossen wird, wie sie sich voneinander verabschieden, wie er zunächst mit der Bahn fährt und anschließend mit einem Schiff – nicht unähnlich den großen Dampfschiffen, die die europäischen Emigranten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nach Amerika brachten. Unser Protagonist gelangt aber nicht nach Amerika, sondern in ein ganz und gar fremdes Land. Schriftzeichen, Fortbewegungsmittel, Nahrungsmittel, selbst die Haustiere sind hier völlig anders als er sie kennt – oder wir sie je gesehen hätten. In diesem neuen Land bewegt man sich mit Ballonen, gibt es Wesen, die halb Pflanze und halb Tier sind, erlebt man sonderbare Überraschungen beim Einkaufen. Nachdem er die Einwanderungsprozedur über sich ergehen hat lassen und ein Zimmer gefunden hat, macht sich der Mann auf die Suche nach Arbeit. Und auch hier macht ihm die Fremdheit von Allem wieder Probleme: Natürlich versteht er die Sprache nicht – aber wer hätte gedacht, dass die Plakate, die er ankleben soll, anders herum gehören? Beim zweiten Arbeitsversuch, einer Art Postbotenjob, wird er von einem Untier in die Flucht gejagt. Und so bleibt ihm am Ende nur ein Fließbandjob in einer Fabrik – aber immerhin. Denn hier, und auch an anderer Stelle, lernt er Menschen kennen, die jeweils ihre Geschichten erzählen. Da ist eine asiatisch anmutende Frau, die vor Zwangsarbeit und Zensur geflohen ist, da ist eine europäische Familie, die vor Riesen mit Menschenstaubsaugern geflohen ist, da ist schließlich ein Alter Mann, der im Krieg ein Bein verloren hat. Allesamt selbst Einwanderer, machen sie unserem Protagonisten Mut und helfen ihm, sich zurecht zu finden. Bis er schließlich seine Frau und seine Tochter nachholen kann und sie – offenbar glücklich – in der jetzt neuen Heimat wohnen.

Selbst in harmlosen Blumentöpfen lauern Schrecken in der Fremde (aus: EIN NEUES LAND)
Selbst in harmlosen Blumentöpfen lauern Schrecken in der Fremde (aus: EIN NEUES LAND)

Wenn man diese kleine Inhaltsangabe liest, kann man den Eindruck gewinnen, dass EIN NEUES LAND harmlos daher kommt, aber obwohl der Auswanderer nun nicht gerade unter die Räuber fällt, vermittelt der Bildband doch zu jedem Zeitpunkt ein deutliches Gefühl für die Verlorenheit des Mannes, die Bedrohlichkeit der Fremde. Der ganz in einem Sepiabraun gedruckte Band von Bleistiftzeichnungen kommt dabei völlig ohne Sprache aus. Das ist nicht nur ein geschickter Schachzug des Zeichners, um die Sprachlosigkeit des Mannes in der Fremde erfahrbar zu machen, sondern auch eine ebenso mutige wie starke ästhetische Entscheidung. Durch die Reduktion auf das Visuelle nimmt man die Bilder beim Anschauen des Buches sehr viel intensiver war, als wenn Bilder wie bei einem Comic von Sprache durchsetzt werden. Und diese Zeichnungen haben es verdient, im Detail gewürdigt zu werden. Da gibt es eine Doppelseite von sechzig Wolkenzeichnungen, die einerseits die Überfahrt des Emigranten erzählen, andererseits aber seine Erinnerungen und Sehnsüchte, die er nämlich in den Wolken sieht – eine geniale Erzählweise. Regelmäßig zeichnet Tan detaillierte Handlungsabfolgen – so etwa, wenn zu Beginn der Koffer gepackt und geschlossen wird und am Ende sich die Hände von Ehemann und Ehefrau darauf berühren. Ebenfalls bemerkenswert: Das „Auszoomen“ über mehrere Zeichnungen hinweg, so dass der größere visuelle Kontext des Fremden in der fremden Großstadt deutlich wird. 

Eine unbekannte Spezies - und doch so vertraut (aus EIN NEUES LAND)
Eine unbekannte Spezies – und doch so vertraut (aus EIN NEUES LAND)

Mein absolutes Lieblingselement in EIN NEUES LAND ist jedoch das sonderbare neue Haustier, das der namenlose Held der Geschichte gemeinsam mit seiner Wohnung mietet. Ob dieses Tier, eine Art Kreuzung aus Hund, Frosch, Leguan und Aloe Vera, zum Inventar gehört oder nur zufällig anwesend ist, bleibt offen. Fest steht aber, dass das Tierchen das erste Wesen ist, das den Mann in der Fremde ins Herz schließt. Und fast noch besser gefällt mir die Tatsache, dass dieser Fremde sein Haustier selbstverständlich überall hin mitnimmt, sogar zur Arbeit. Das dürfte auch der Grund dafür sein, weshalb trotz Fließband die Leute dort relativ freundlich zueinander sind. Es ist sicher kein Zufall, dass die Begegnung zwischen Mann und Tier auch zum Coverbild der Graphic Novel geworden ist, denn auch wenn man sich bei Menschen oft nicht so sicher sein kann: Tiere unterscheiden nicht zwischen fremd und heimisch, nur zwischen gut und böse.


Anwendungsgebiete: Fernweh
 
Einnahme: Wenn man das Buch einmal durchgesehen hat, lässt es sich auch bei geringer verfügbarer Zeit an jeder Stelle aufschlagen und selbst in kleinen Happen genießen. Das gefährliche Abenteuer „Fremde“, das hier gut ausgeht, hat einen ausgleichenden Effekt auf jegliches Fernweh.
 
P.S.: Danke, Nilufar Münzing, für dieses Geschenk.

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