10.03. +++ Ich hätte gern eine Ente

Unglückliche Flugversuche: Super Illustrationen von Atak in Jim Dodge, FUP. München, Zürich: Piper, 2002.
Unglückliche Flugversuche: Super Illustrationen von Atak in Jim Dodge, FUP. München, Zürich: Piper, 2002.

Mei, jetzt wollt ich mich reflexartig dafür verteidigen, dass ich schon wieder meine Zeit damit verbracht habe, ein Kinderbuch zu lesen, aber wenn ich so drüber nachdenke war es vielleicht gar keins. Urteilen Sie selbst: Nachdem im ersten Kapitel der tragische Tod einer jungen Mutter durch Ausrutschen auf einem nassen Steg, hartes Kopfaufschlagen und anschließendes Ertrinken geschildert wird, geht es in den anschließenden Kapiteln erst einmal um das wilde Leben ihres Vaters, der sich jahrzehntelang durch den amerikanischen Westen säuft, hurt und pokert, bis er schließlich mit einem Whisky-Rezept, das ewiges Leben verspricht, auf seiner Farm in Kalifornien hängen bleibt. Dort erfährt er vom Tod seiner Tochter, und weil er zwar achtzig ist aber erstens den Ruf des Herzens und zweitens denjenigen der Steuerfahndung hört, die ihm gerade 70.000 Dollar abknüpfen will und drittens sein Enkel ein beträchtliches Vermögen erbt, nimmt er den Jungen zu sich. Jake, so heißt der Großvater, ist ein kleiner Giftzwerg, der nach wie vor nichts tut außer unsterblich machenden Whisky („Old Death“) zu destillieren und sogleich wieder zu vertilgen, aber er liebt seinen Enkel, der Tiny genannt wird, obwohl er bald 1,93 groß ist. Tiny interessiert sich nur für das Bauen von Zäunen um die Ranch, hat einen Erzfeind von einem Wildschwein (den Eber Lockjaw, der immer seine Zäune kaputt macht) und findet eines Tages ein Entenküken in einem Pfostenloch.

Erweckt Tote zum Leben: Der "Old Death" Whisky von Opa Jake (Illustration: Atak)
Erweckt Tote zum Leben: Der „Old Death“ Whisky von Opa Jake (Illustration: Atak)

Da das Tierchen den Geist aufzugeben droht, reanimieren sie es mit einer Pipette Old Death. Die Ente überlebt, wird Fup (wegen des Wortspiels „Fup Duck“ – „Fucked Up“) genannt und ist hinfort ein ebenso gemütlicher Alkoholiker wie Opa Jake. Als das gute Tier runde 10 Kilo wiegt, entscheidet Jake, dass es fliegen lernen sollte. Da der Versuch, es auf Diät zu setzen, klassisch misslingt, versuchen es Jake und Tiny mit Animation – mit mäßigem Erfolg. Als Tiny eines Tages bei der Wildschweinjagd endlich seinen alten Erzfeind Lockjaw stellen kann, verhindert Fup, dass Tiny den Eber erschießt – in dem sie selbst vor die Flinte flattert. Unmittelbar darauf gibt Lockjaw nämlich sowieso den Geist auf – er war halt alt und hatte sich in einem Zaun verfangen. Als Tiny den Eber aufbricht, findet er in seinen Gedärmen ein Entenküken, dass sofort zu Fup heranwächst, sich in die Lüfte schwingt und davonfliegt. Und wenig später stirbt Opa Jake mit 101 Jahren: „Verdammtnochmal, ich war unsterblich, bis ich gestorben bin.“

Gewaltverherrlichung? Wenns hilft... (Illustration: Atak)
Gewaltverherrlichung? Wenns hilft… (Illustration: Atak)

Wahrscheinlich kennen Sie das Büchlein ohnehin schon, es heißt FUP und stammt von Jim Dodge (kongenial übersetzt von Harry Rowohlt). Dodge hat die Geschichte schon 1983 geschrieben, und ich bin noch nicht ganz mit der Verschwörungstheorie fertig, die erklärt, warum es mir bis heute vorenthalten wurde. Die Anwesenheit einer Ente garantiert natürlich schon eine hervorragende Geschichte, denn nennen Sie mir mal eine Story mit Ente, die nicht wunderbar wäre. Enten haben einen ganz eigenen Platz in der Welt, weil sie so ein bisschen lustig, trottelig, bequem, aber nicht blöd sind, was man ja schon an der Schnabelform sieht. Es ist das Verdienst von Jim Dodge, diese Andersartigkeit der Gattung Ente auf wunderbare Weise vergrößert zu haben, indem er vom Flugunterricht für die 20 Pfund schwere weibliche Stockente Fup erzählt. Dass sein Buch so lustig ist, hängt natürlich viel mit Schadenfreude und Boshaftigkeit zusammen, aber keineswegs ausschließlich. Denn auch wenn Opa Jake sich mit einer Art Kettensäge das Sorgerecht für seinen Enkel sichern will – sein Zorn richtet sich immerhin gegen eine Bürokratie, die ganz offensichtlich überhaupt nichts vom menschlichen Herzen versteht. Auch die Tatsache, dass Jake und Fup schwere Alkoholiker sind und Tiny immerhin ein regelmäßiger Trinker, führt nicht dazu, dass Dodge diese drei Leute in zynischer Weise vorführt. Gut, eine gewisse Gefahr besteht vielleicht in der Verharmlosung von nahezu 97%igem Whisky, aber die extremen Überzeichnungen des Buches sorgen hoffentlich dafür, dass keiner die Taten der Helden zu Hause nachahmt. Zusammenfassend kann ich wohl ausschließen, dass es sich bei FUP um ein Kinderbuch handelt, obwohl mehrere sehr intelligente Tiere darin vorkommen. Ich würde auch meinen Nichten und Neffen nicht daraus vorlesen, denn die Echtzeit-Zensur, die ich dabei vornehmen müsste, würde meinen Arbeitsspeicher wahrscheinlich überfordern. Insofern binde ich FUP Ihnen, geneigte Leser aufs Herz. Sie werden lachen.


Anwendungsgebiete: Allgemeine Altersmüdigkeit (egal, welches Alter)

Einnahme: Hinsetzen, Buch lesen, freuen. Zumal an regnerischen Tagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.