10.05. +++ Abflug

Nein, er ist mit dem Titel "Ikarus" sicher nicht gemeint, das würde auch zuviel Treibstoff kosten. Vielmehr ist sein Abflug in die Pension zugleich ein ankommen auf dem Boden der Tatsachen: Horst Krause. (Bild von www.daserste.de)
Nein, er ist mit dem Titel „Ikarus“ sicher nicht gemeint, das würde auch zuviel Treibstoff kosten. Vielmehr ist sein Abflug in die Pension zugleich ein ankommen auf dem Boden der Tatsachen: Horst Krause. (Bild von www.daserste.de)

Es war nicht der inhaltliche Schwerpunkt des heutigen RBB-Polizeirufs „Ikarus“, aber doch ein sehr interessanter Ausgangspunkt: Eine Frau im besten Alter, Catherine, feiert groß Geburtstag, vielleicht wird sie fünfzig, und spricht im großen Kreis öffentlich aus, dass sie in einer polyamoren Beziehung mit zwei Männern lebt – neben ihrem Ehemann Martin gibt es noch dessen Geschäftspartner Peter. Obwohl der Wandel von Beziehungsformen ein großes gesellschaftliches Thema ist, betrifft er doch, soweit ich weiß, eher jüngere Generationen; die neuen Modelle wie eben eine solche dauerhafte Beziehung zwischen mehr als zwei Partnern, ist mit Sicherheit noch nicht in der so genannten „Mitte der Gesellschaft“ bzw. im „mittleren Lebensalter“ angekommen, aber hey – ein gutes Signal aus Brandenburg. Im Osten ist man vielleicht sowieso weiter, es war ja nicht alles schlecht. Was sich innerhalb dieser Familie jedoch abspielt, ist dann wieder weniger schön, und es trifft die alte Weisheit zu, dass Geschäft und Privatleben besser zu trennen sind.

Ja, mag sein, dass man das überleben kann. Und dass die Mitfliegerin ohne Flugkenntnisse den Vogel runterkriegt, aber solche stochastischen Extravaganzen strapazieren meine gute Laune... (Bild von www.daserste.de)
Ja, mag sein, dass man das überleben kann. Und dass die Mitfliegerin ohne Flugkenntnisse den Vogel runterkriegt. Aber solche stochastischen Extravaganzen strapazieren meine gute Laune… (Bild von www.daserste.de)

Ein junger Mann ist im Flug aus einem antiken Doppeldecker gefallen. Schwerverletzt hat er überlebt, liegt aber im Koma. Das Sonderbare: Er war der Pilot; in der Maschine saß außerdem noch eine Frau die eigentlich keine Pilotin ist – und die großes Glück hat, ziemlich unbeschadet am Boden anzukommen (wie das passiert, bleibt das Geheimnis des Drehbuchschreibers Uwe Wilhelm). Die Polizei findet eine Tasche mit 750.000 Euro an Bord und es stellt sich heraus, dass der Sicherheitsgurt des Piloten manipuliert war. Kommissarin Lenzki und Polizeihauptmeister Krause treten auf den Plan, um Licht ins Dunkel dieser Affäre zu bringen, woran dem alten Kollegen besonders deshalb gelegen ist, weil er das Opfer und seinen Vater Martin Reef (der eben mit der oben zitierten Frau und seinem Geschäftspartner eine Dreierbeziehung unterhält) von Kind auf kennt. Außerdem geht er in Pension, da will man wahrscheinlich reinen Tisch machen. Und dann fängt das ungleiche Paar an zu ermitteln, oder besser: Herumzustochern. Denn ganz ehrlich: So souverän, wie Kommissarin Lenzki (mit einer gewissen Spitzigkeit von Maria Simon verkörpert) jeweils auftritt, sind ihre Methoden nicht. Da spricht sie gefühlte 27 Mal mit den unterschiedlichen Beteiligten, zu denen dem Dreigestirn auch noch die Passagierin und deren Verlobter gehört, dem es gar nicht passt, das seine Frau (die aus Polen stammt) Flugzeug – und Bett – mit dem Piloten teilte. Krause geht systematischer an den Fall heran, findet heraus, dass sie nach Polen geflogen sind. Und irgendwann fügt sich das Puzzle dann, mit dem Ergebnis, dass die Firma von Peter und Martin pleite ist, Peter sie verkaufen will, Martin aber nicht, weshalb dieser versucht jenen durch Sitzgurtmanipulation im Doppeldecker zu töten. Denn es ist Peters Flugzeug. Dumm nur, dass der eigene Sohn statt des Geschäfts- und Lebenspartners in den Flieger einsteigt. Am Ende erschießt Martin Peter, weil der an eine Heuschreckeninvestorfirma verkauft hat, und haut mit einem Flugzeug ab.

Wenns zwischen Partnern gleich auf mehreren Ebenen kracht, dann richtig: Peter Tender (Bernhard Schir, links) und Martin Reef (Martin Feifel, rechts) (Bild von www.daserste.de)
Wenns zwischen Partnern gleich auf mehreren Ebenen kracht, dann richtig: Peter Tender (Bernhard Schir, links) und Martin Reef (Martin Feifel, rechts) (Bild von www.daserste.de)

Ausnehmend gut haben mir an diesem Krimi zwei Dinge gefallen: Zum einen das Setting in der Solarindustrie und der Bezug auf die aktuelle Situation der Branche, aus der sich letztlich die Verbrechen des Films ableiteten. Zum anderen die Verhärtung des Horst Krause alias Horst Krause. Es war nach siebzehn Jahren (!) und 26 Folgen der letzte Einsatz des Schauspielers als Polizeihauptmeister, und wenn ich ihn so auf seinem Moped mit Hund im Beiwagen und dem dekorativen Helmchen als Garnierung auf dem üppigen Körper über Brandenburgs Alleen brettern sah, dann ging er mir in aller Regel auf die Nerven. Bitteschön: Ich halte Humor für eine wichtige und wesentliche Zutat von Krimis, zumal Tatorten. Mir ist allzu Bierernstes erstmal suspekt. Aber diese Anlage als Clownsfigur hat mir einfach widerstrebt – Horst Krause als Horst Krause, das spricht eine deutliche Sprache. Mit Kommissarin Lenzki wurde ihm zur ausgleichenden Gerechtigkeit eine oftmals verhärmte Spaßbremse zur Seite gestellt, die sich heute, als der arme Krause eine richtige menschliche Enttäuschung erleben musste, ein klammheimliches Vergnügen durchaus anmerken ließ. Das „Ich werde ihn vermissen“ ging ihr ziemlich leicht über die Lippen. Umso schöner, dass Krause in dieser Episode die Gelegenheit hatte, die persönliche Krise, die die Pensionierung mit Sicherheit bei vielen Menschen auslöst, mit einer gewissen Verärgerung im Fall zu bearbeiten. Den haben die beiden zwar – mehr schlecht als recht – gelöst, aber ein Happy End sieht anders aus. Insgesamt: Eine gute Themenwahl, sehr gut besetzt (in den Nebenrollen machten vor allem Bernhard Schir als Peter Tender und Ursina Lardi als Catherine Reef eine sehr gute Figur), im Mittelteil etwas verworren, aber nicht versöhnlich. Was in meinen Augen Krauses Abflug gegenüber vielen früheren Auftritten deutlich aufwertet.


Anwendungsgebiete: Nackensteifigkeit.

 Einnahme: Machen Sie sich locker. Dabei helfen Wärme und wärmende Gedanken, wie zum Beispiel derjenige, dass es auch andere Beziehungsformen gibt, die man mal ausprobieren kann. Ganz nebenbei bemerkt. Das kann man sich ruhig öfter anschauen.

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