11.01. +++ Kreatives Chaos

Bei Faustens schaut der Erdgeist vorbei
Bei Faustens schaut der Erdgeist vorbei

Bei den meisten nahen und fernen Nachbarn gelten wir Deutsche als ordentlich, fleißig, perfekt organisiert, humorlos und langweilig. Und wenn wir ehrlich sind – die meisten Deutschen sind ja auch so. Außer uns, natürlich. Nun könnte man vermuten, dass sich etwas von diesen Tugenden auch in dem Theaterstück wieder findet, das konkurrenzlos als Nationaldrama der Deutschen gilt: Goethes FAUST. Meine heutige Wiederbegegnung mit diesem Knittelversgebirge lässt mich urteilen, dass FAUST in keiner der genannten Kategorien punktet. Ein Nationaldrama, das ganz anders ist als die Nation?

Na, nehmen wirs mal auseinander. Ein älterer Mann, Universitätsdozent in so ziemlich allen Disziplinen von Beruf, durchlebt eine sehr späte Midlife-Crisis. Familie hat er offenbar keine, er sitzt in seinem Büro vor Büchern, beklagt sich darüber, wie weltfremd und lustfeindlich Bücher sind, und dann nimmt er sich ein Buch, um was Sinnvolles zu tun – erstmal Geisterbeschwörung. Klappt leider nicht so, wie er sichs vorstellt, und dann nervt ihn auch noch sein Assistent, und irgendwann will er sich umbringen. Und noch nicht mal das kriegt er hin, weil dann hört er die Ostermesse und irgendwas könnte an diesem Religionsdings ja doch dran sein. Beim Osterspaziergang mit dem nervigen Assistenten läuft ihm ein Hund zu, der sich dann als Teufel herausstellt, und das scheint (wir befinden uns vor der Erfindung des Fernsehens) die Lösung des Langeweileproblems zu sein – denn der Teufel kann seiner ziellosen Sinnsuche bzw. seiner Unterhaltungssucht ja nun hoffentlich Futter geben. Dem Teufel passt das gut, weil er vorher eine Wette mit Gott abgeschlossen hat (offenbar wollen alle nur spielen in dem Stück), dass er Faust verführen kann. Also wird ein Teufelspakt geschlossen und Faust und Mephisto gehen auf die Piste. Nach einer kleinen Sauftour, bei der sie sozial Minderbemittelte verarschen, folgt ein Verjüngung Fausts mit irgendeiner nicht zugelassenen Hormontherapie, und als seine Hormone auf hundertachtzig sind, begegnet er Gretchen. Und eigentlich ist er ganz nett zu ihr, aber er will sie halt auch rumkriegen, also wird sie bestochen, umworben, belogen – bis sie schließlich ihrer Mutter einen Schlaftrunk gibt und selbst mit Faust schläft. Was keine gute Idee war, denn ihre Mutter stirbt an den vermeintlich harmlosen Tröpfchen, Gretchen wird schwanger, Faust ersticht ihren Bruder und als sie dann zur Kindsmörderin wird, fällt der gute Faust aus allen Wolken. Und am Ende stirbt Gretchen, wird aber immerhin als Anwärterin fürs Paradies deklariert.

Dem Rotwein auch nicht abhold: Meister Goethe (Foto von Wikipedia)
Dem Rotwein auch nicht abhold: Meister Goethe (Foto von Wikipedia)

Ich fasse nochmal zusammen: Der Protagonist des Stückes geht in dessen Verlauf KEINER geregelten Beschäftigung nach, er stürzt systematisch sein eigenes und das Leben der Menschen, die zufällig seinen Weg kreuzen ins Chaos und er ist so langweilig, dass nur das absolut Böse ihn ein bisschen aufpassen kann. Und vom Dramaturgenstandpunkt aus gesehen ist das Stück jetzt auch kein Musterbeispiel an Struktur – es ist sogar ziemlich unförmig, und wir sprechen hier nur vom ersten Teil. Die Unspielbarkeit (und eigentlich auch Unlesbarkeit) des zweiten Teils ist Legende. Was fasziniert so viele Deutsche nun an Faust? Die Tatsache, dass er sich als Übermensch berufen fühlt, dass er die Reinheit liebt, selbst aber Dreck am Stecken sammelt, dass er sich weniger um sein Seelenheil als um seine Unterhaltung sorgt? Mich jedenfalls hat das Wiedersehen mit dem alten Bekannten überrascht und an meine erste Lektüre erinnert: Ähnlich wie später beim Kennenlernen von Joyce’s ULYSSES habe ich irgendwann erkannt, dass man als Normalsterblicher nicht alles verstehen kann, was da geschrieben steht. Und es auch nicht muss, um es zu genießen. Dass die Akzeptanz des Chaos, genau wie im Leben, die Grundvoraussetzung für einen entspannten Umgang damit ist. Das ist so ähnlich wie in der modernen Trainingstheorie: Man muss den Geist (wie die Muskelfasern) überfordern, damit sie wachsen. Also FAUST: unser täglich Chaos.


Anwendungsgebiete: Supranasale Muskelatrophie

Einnahme: Nach zwei Flaschen Rotwein zu vorgerückter Stunde mit Freunden mit verteilten Rollen lesen/wahlweise spielen. Wenn man keine Freunde oder keinen Rotwein hat, trotzdem laut deklamieren, vielleicht kommt ein Famulus oder anderer Nachbar mit Rotwein vorbei und will mitmachen.

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