11.03. +++ Junk Food

Smith & Smith: Papa erklärt Sohn, wie man trotz Angst atmet (Bild von www.dailymail.co.uk)
Smith & Smith: Papa erklärt Sohn, wie man trotz Angst atmet (Bild von www.dailymail.co.uk)

Genauso, wie ich trotz Vegetarianismus. Vegetariats. Vegismus. Ich bin mir nie sicher, wie das Substantiv von „vegetarisch“ heißen sollte. Ich vange besser noch mal von forn an. Obwohl ich mich vegetarisch und relativ gesund ernähre, besuche ich hin und wieder auch mal die Herberge Zum Goldenen M oder eines seiner Konkurrenzunternehmen. Denn auch eine industriell designte Fett-Kohlenhydrat-Melange hat ihre Zeit, ebenso wie Säen, Ärnten, und jedes andere Ding unter der Sonne, außer dem Extremismus. Und wie es das Junk Food für den Körper gibt, gibt es auch seelische Ramschprodukte, kulturelles Konsummaterial, die aufgedonnerten, reichen Cousinen der Kunst. Und während die arme Kunst hart für ihren Lebensunterhalt schuften muss, fahren die reichen Cousinen ab und zu mit dem Cabriot vorbei und fragen sie, warum sie bei dem guten Wetter nicht mal rausgeht, was doch viel gesünder wäre. Naja. Auch für die Cousinen der armen Kunst habe ich durchaus eine Schwäche, und heute bin ich dieser Schwäche mal wieder nachgegangen, denn lernen kann man immer was. Mein heutiges „Kunstwerk“, nein, mein heutiges „„Kunstwerk““ ist der Science-Fiction-Film AFTER EARTH, der bei Amazon Prime nur drei Sterne bekommen hat. Ich kann mir wirklich nicht erklären warum.

Das komplizierteste am ganzen Film ist die Rahmengeschichte: Vor 1000 Jahren musste die Menschheit die vom Menschen zerstörte Erde verlassen. Die Evakuierung und Besiedelung des neuen Heimatplaneten wurde von der planetarischen Armee der „Rangers“ geleitet. Und in der neuen Heimat rettet die Armee dann gleich nochmal die Menschheit, indem sie sich den bösen Killerbestien, die eine konkurrierende Alien-Spezies auf die Menschheit losgelassen hat, erfolgreich bekämpfen. Diese Killer, die Ursas, finden und töten Menschen, indem sie ihre Furcht riechen (also die abgesonderten Pheromone), ganz wie andere Tiere. Bekämpfen kann man sie nur, wenn man keine Angst hat. Und da kommt Will Smith aka General Raige ins Spiel, der (so wird behauptet), überhaupt keine Furcht empfindet und deshalb das „ghosting“, also das Unsichtbarwerden für die Ursas durch Ausschalten der Angst, erfunden hat. (Das ist alles noch Rahmen! Schön aufpassen!) Sein Sohn will natürlich auch Ranger werden, aber das Halbjahreszeugnis fällt leider nicht so gut aus. Weil seine Mutter eine Weichherzige ist, überredet sie Papa, trotzdem mal was Schönes mit ihm zu machen, zum Beispiel ihn zum nächsten Kampfeinsatz mitzunehmen. So, Ende des Rahmens. Auf dem Weg dahin stürzen sie ab, und zwar auf der Erde. Papa ist zu schwer verletzt, um sich fortzubewegen, Sohnemann muss sich allein durch den Dschungel kämpfen, um einen Notruf absetzen zu können. Und das ist natürlich voller Herausforderungen, aber am Ende besiegt er seine Furcht und wird damit zum Drachen-, pardon, Ursa-Töter.

Ja, so sieht es postapokalyptisch auf der Erde aus. Aber der junge Jaden Smith (ja, der Sohn von Will Smith spielt den Sohn der Figur von Will Smith...) hat schonmal kapiert, dass man sich hinknien muss, um furchtlos zu werden. (Bild von www.dailymail.co.uk)
Ja, so sieht es postapokalyptisch auf der Erde aus. Aber der junge Jaden Smith (ja, der Sohn von Will Smith spielt den Sohn der Figur von Will Smith…) hat schonmal kapiert, dass man sich hinknien muss, um furchtlos zu werden. (Bild von www.dailymail.co.uk)

Ich bin mittlerweile nicht mehr so skeptisch gegenüber der Notwendigkeit einer Armee, wie ich es noch in den Neunzigern war. Vielleicht war ich damals mutiger, vielleicht habe ich inzwischen einige Dinge zu Ende gedacht, aber ich glaube, dass unser Gemeinwesen die Möglichkeit braucht, sich zu verteidigen. Was wir hingegen nicht brauchen, ist eine Militarisierung der Gesellschaft. Es ist völlig klar, dass in einer Zeit abnehmender Verbindlichkeiten die Sehnsucht nach einem regelhaften Modell menschlicher Ordnung wächst. Aber angesichts der Militärverherrlichung in AFTER EARTH rollen sich mir die Zehennägel auf. Komisch eigentlich, denn bei Star Trek, das ich als Heranwachsender wirklich inhaliert habe, hat mich die militärische Ordnung nie in dieser Weise abgeschreckt. Was sicherlich daran liegt, dass zumindest bei THE NEXT GENERATION der wissenschaftlich-kulturelle Aspekt der „Sternenflotte“ oft im Vordergrund stand. Zurück zu Will Smith: Der Eindruck der Militärverherrlichung entsteht, obwohl der General zu Anfang seinen Abschied ankündigt und obwohl der Sohn am Ende, nach gründlich durchlittenem Initiationsritus, auch lieber Ingenieur wie Mama werden will. Was mit den schneidigen Umgangsformen zusammenhängt (Sohn redet Vater mit „Sir“ an), damit, dass Entscheidungen vom Vorgesetzten getroffen und Befehle gegeben werden, statt dieses ständige Aushandeln von Interessen. Widerlich. Papa weiß schließlich, was am Besten ist. Ich will die Traumata von Sohn und Vater, die im Verlaufe der Handlung abgeklappert werden, nicht im einzelnen ausführen, denn sie sind nicht der Rede wert, nur noch ein Stichwort: Der Film ist dafür kritisiert worden, Scientology-Gedankengut zu enthalten, insbesondere die Auseinandersetzung mit (und das Ausschalten) der eigenen Furcht. Da keine Werbeeinblendungen für diese „Kirche“ vorkommen, wäre ich beim Anschauen des Werkes nicht auf den Gedanken gekommen, schnell einen Termin zum Auditing in meiner Filiale zu machen, insofern halte ich die Gefahr des Scientology-Brainwash für gering. Für erheblich halte ich jedoch die Gefahr, angesichts dieses Kriegsfilms ohne Panzer antiziviles und damit antidemokratisches Gedankengut in die Köpfe der Gesellschaft zu pflanzen. Und das Putzige ist: Diese schleichende Militarisierung unserer Zukunft ist den meisten Betrachtern gar nicht auffällig. Da frage ich mich manchmal, ob ich nicht doch wieder ein militanterer Pazifist werden sollte.


Anwendungsgebiete: Innere Unruhe

Einnahme: Auf möglichst großer Leinwand, zumindest 90cm Bildschirmdiagonale, 3D, curved, surround und so weiter, anschauen. Die innere Unruhe wird binnen Kurzem einem Gefühl der Ordnung weichen. Das Leben hat einen Sinn. Will Smith passt auf uns auf.

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