11.10. +++ Vakuum

Wissen Sie, wie die Nibelungen sterben? In einer von Etzel, dem Hunnenkönig, ausgeräucherten Halle. Was für eine apokalyptische Geschichte. Falke (Wotan Wilke-Möhring) und Lorenz (Petra Schmidt-Schaller). (Bild von www.daserste.de)
Wissen Sie, wie die Nibelungen sterben? In einer von Etzel, dem Hunnenkönig, ausgeräucherten Halle. Was für eine apokalyptische Geschichte. Falke (Wotan Wilke-Möhring) und Lorenz (Petra Schmidt-Schaller). (Bild von www.daserste.de)

Sie haben ja schon gemerkt, dass die Frequenz stark nachgelassen hat, mit der ich mich an dieser Stelle äußere. Was Schade ist, weils mir eigentlich viel Spaß macht – aber die Pflicht ruft oft in andere Richtungen. Deswegen fasse ich mich auch heute sehr kurz, aber dieser Tatort – VERBRANNT – kann nicht unkommentiert bleiben, weil er richtig krass gut war. Eigentlich sogar besser als der Wiesn-Tatort vor drei Wochen, weil allgemeiner. Alkoholismus und Sexismus sind auch ein massives Problem unserer Gesellschaft, aber kein so akut virulentes wie Fremdenfeindlichkeit, das Gefühl von Überforderung von staatlicher Seite und die Gefahr, dass Feuerzeuge gezückt werden. Ein dickes Kompliment sowohl an den Drehbuchautor Stefan Kolditz als auch an die Regie von Thomas Stuber und das Schauspielensemble.

Werner Wölbern spielt den Dienststellenleiter Werl ziemlich genial - nur am Ende darf die Figur ihre glatte Maske fallen lassen und den Faschisten durchblicken lassen. (Bild von www.daserste.de)
Sieht schon aus wie ein Enkel von Göring. Werner Wölbern spielt den Dienststellenleiter Werl ziemlich genial – nur am Ende darf die Figur ihre glatte Maske fallen und den Faschisten durchblicken lassen. (Bild von www.daserste.de)

Worum gehts denn? Die Kavallerie, d.h. die Bundespolizei in Person von Kommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Kommissarin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) hat Scheiße gebaut. Sie wollen einen Schleuser schnappen, bei der Festnahme schlägt er die Kommissarin, woraufhin Falke ihm das Nasenbein bricht – und in der Nacht verbrennt er in der Zelle. Damit nicht genug: Es war der Falsche. Der Name ist verwechselt worden, ein Unschuldiger ist gestorben. Vom schlechten Gewissen geplagt, setzt Falke durch, dass er und Lorenz den Fall lösen – aber die Kollegen aus Salzgitter mauern. Es stellt sich heraus, dass das Opfer sich keineswegs, wie zunächst verlautbart, selbst angezündet haben kann, dass er der Vater eines Kindes mit der Tochter des behandelnden Arztes war – und dass massiv vertuscht wird. Lange stochern die Bundespolizisten im Trüben herum, bis sie schließlich einen anonymen Hinweis bekommen: Es hat sich um ein Initiationsritual gehandelt. Ein junger Polizist hat den Afrikaner grausam getötet, Drahtzieher war der Amtsleiter, der sich als „Feldherr“ in einem „Krieg der Kulturen“ fühlt.

Es braucht nicht viel, um die Gewalt auf beiden Seiten eskalieren zu lassen - aber die Fremden ermorden niemanden. (Bild von www.daserste.de)
Es braucht nicht viel, um die Gewalt auf beiden Seiten eskalieren zu lassen – aber die Fremden ermorden niemanden. (Bild von www.daserste.de)

Es geht in diesem brillant geschriebenen Krimi weniger um spannende Ermittlungen als vielmehr um eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der ein Psychopath ausreicht, um einen Flächenbrand zu verursachen. Die Polizei von Salzgitter ist nicht offen rechts, sondern verdeckt faschistisch. Der türkischstämmige Kollege tut sich besonders hervor, wenn es darum geht, die Kollegin von der Bundespolizei einzuschüchtern und ihr zu vermitteln, dass es nicht mehr so ist „wie früher“, und zwar „wegen der vielen Ausländer.“ Das Unausgesprochene, was unter den Floskeln steckt – die Angst, die in den Köpfen gärt – sie wird von Regisseur Stuber genial eingefangen. Es ist die gleiche unaussprechliche, amorphe Angst wie diejenige der Pegida-Demonstranten, die die „Kollegen“ dazu bringt, zusammen zu halten gegen die „Flut“ der Ausländer, die ihre Heimat bedroht. In dieser Sprachlosigkeit, in diesem Kommunikationsvakuum reicht ein Phrasendrescher, der im Nibelungenjargon von „Krieg“ und „Front“ faselt, um Morde geschehen zu lassen. Ich sags ganz offen: Ich bin kein Fan von Wotan Wilke Möhring, aber das war eine großartige Performance, und das gilt in gleichem Maße für Petra Schmidt-Schaller und Werner Wölbern als Dienststellenleiter Werl und nahezu alle anderen Darsteller.


Anwendungsgebiete: Maulsperre (und zwar die, wo man das Maul nicht aufkriegt)

Einnahme: Schauen Sie sich den Krimi wieder an. Dann lesen Sie die Interviews mit dem Drehbuchschreiber, dem Fachberater und dem Regisseur. Und dann passen Sie auf, ob Sie den Mund noch zukriegen: Dieser Fall basiert auf einer wahren Geschichte.

2 Antworten auf „11.10. +++ Vakuum“

  1. Immer tolle Schreibe, Vergnügen und Bereicherung zugleich bieten Michael Sommers Rezensionen und Berichte! Super!
    Der letzte `Tatort`hat uns als Team der `Freien Bühne München`auch sehr begeistert, umsomehr als unser Ensemble-Mitglied Anna Schimrigk in einer sehr schön gespielten Nebenrolle ( die ehemalige Freundin des Opfers) zu sehen war.

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