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David Adjaye, Modell zur MOSCOW SCHOOL OF MANAGEMENT SKOLKOVO
Massiv: David Adjaye, Modell zur MOSCOW SCHOOL OF MANAGEMENT SKOLKOVO

Manchmal ist Kunst ein bisschen anstrengend, jedenfalls in Form von Ausstellungen. Da ich heute ohnehin im Haus der Kunst war, wollte ich das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden, und mir auch noch die aktuellen Ausstellungen anschauen. Es wird geboten: Der Medienkünstler (? sagt man das so? jedenfalls gab es eine ganze Menge Medien in seiner Abteilung) Mark Leckey und der Architekt David Adjaye. Nachdem Herr Leckey und ich uns nicht auf Anhieb sympathisch waren, habe ich mich ein bisschen länger in der Architektur-Abteilung getummelt. Und mir dabei ein paar ganz grundsätzliche Fragen gestellt: Wie ausstellbar ist Architektur? Wie nötig ist es, sie auszustellen? Ist das eigentlich Kunst? Okay, die letzte ist eine banale Frage, und im Fall von David Adjaye lässt sie sich mit einem emphatischen „Ja“ beantworten. Die vielen privaten und öffentlichen Bauwerke, die in der Ausstellung dokumentiert werden, sind allesamt über ihren Zweck hinaus bemerkenswert und höchst künstlerisch gestaltet – von der Gesamtanlage bis hin zu Details des Materials. Also ist das Haus der Kunst natürlich auch ein Ort, an dem diese Kunst reflektiert werden soll und muss, immerhin zählen diese Architekturprojekte zu den teuersten künstlerischen Projekten unserer Zeit – und hoffentlich auch zu den dauerhaftesten. Mein Gott, habe ich gerade den Preis der Kunst als Argument dafür benutzt, dass sie ausstellungswürdig ist? Darüber muss ich mich nochmal mit mir unterhalten. Woran ich freilich hängen bleibe ist die dritte Frage: Wie ausstellbar ist Architektur?

Ich erinnere mich deutlich an die Dokumenta X 1997, als ich viel Zeit in Ausstellungsräumen zubrachte, in denen urbane Konzepte von bedeutenden Architekten vorgestellt wurden, und wegen der unglaublichen Materialflut, die zu diesem Thema präsentiert wurde, verstand ich leider noch nicht einmal Bahnhof. Denn einen Haufen Texte, Skizzen, Interviews, Modelle, Bilder zu kompilieren, die zu lesen Stunden und Tage dauern würde, ist meines Erachtens nicht so schwierig, wie die künstlerische Arbeit der Architekten im Rahmen einer Ausstellung erfahrbar zu machen, die innerhalb meiner Aufmerksamkeitsspanne konsumierbar ist. Nun scheint es nicht die Sorge der Dokumentamacher gewesen zu sein, in einem konventionellen Sinne konsumentenfreundlich zu sein, und was mich damals überflutete würde es vielleicht heute nicht mehr in demselben Maße tun. Jedenfalls ist der Überblick über die Arbeit von David Adjaye einerseits übersichtlich, andererseits sperrt sich das, was da zusammengetragen wurde, trotzdem gegen die Präsentation in diesem Kunsttempel. Da ich mich etwas schwer damit tue, lange Texte in Ausstellungen zu lesen und die Geduld aufzubringen, mir lange Interviews auf an der Wand hängenden Fernsehern anzuschauen, habe ich in erster Linie versucht, die Objekte in dieser Ausstellung kennen zu lernen.

David Adjaye, Architekturskizzen
Künstlerisch wertvoll: David Adjaye, Architekturskizzen

Item: Eine Wand voller Architekturskizzen. Ohne ein Experte auf dem Gebiet zu sein: Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Zeichnungen auch bei Kunstauktionen eine Menge Geld einbringen würden (Da wars schon wieder. Hilfe.) Adjaye entfernt sich auf manchen dieser Skizzen so weit vom konkreten Objekt und erörtert auf so künstlerische Weise Formen und Zusammenhänge, dass man sich allein mit diesen minimalistischen Werken sehr lang auseinandersetzen könnte. Komischerweise haben sie im Treppenhaus Platz gefunden. Das verstehe wer will. Item: Weiße Architekturmodelle von Privathäusern, die den ersten Raum der Ausstellung, nach einem Holzpavillon dominieren. Wahrscheinlich machen Architekten ihre Modelle meistens in Weiß, damit die Fantasie mehr Spielfläche hat? Jedenfalls wirken diese – zweifellos sehr spannenden Werke – in der Zusammenschau ziemlich blutleer. Item: Modell zur Moscow School of Management Skolkovo. Ich erkläre dieses aus Metall, Stein und Glas (?) hergestellte Modell zu meinem Kunstwerk des Tages. Von oben betrachtet sieht es fast genauso aus wie ein Malewitsch, und tatsächlich spielte der russische Konstruktivismus von Beginn des 20. Jahrhunderts eine große Rolle bei Adjayes Inspiration. Die unmittelbare Wirkung des Modells ist wuchtig. Es sind schwere, edle Materialien, deren Gewicht zugleich Bedeutung verströmt. Wahrscheinlich war es nicht unwichtig, die Auftraggeber dieses riesigen öffentlichen Gebäudes davon zu überzeugen, dass sie es hier mit einem nicht nur kühnen, sondern auch teuren und damit qualitativ hochwertigen Entwurf zu tun hatten – immerhin ist diese Management-School keine x-beliebige öffentliche Bildungseinrichtung, sondern eine wichtige Kaderschmiede der Finanzoligarchie. Wenn man das Foto des tatsächlichen Baus anschaut, ist die erste Wirkung „Raumschiff.“

Ausstellung David Adjaye im Haus der Kunst München
Ausstellung David Adjaye im Haus der Kunst München

Unglaublich, dass man so ein im Sinne des Wortes herausragendes Gebäude tatsächlich baut. Der Beschreibungstext weist zweimal darauf hin, dass es auch sinnvoll ist, so zu bauen, wegen des harten russischen Winters, aber erstens habe ich das nicht verstanden, und zweitens ist das doch eine Schutzbehauptung: Der Zweck dieses Baus ist, eine inhaltliche Botschaft zu vermitteln, die ziemlich viel mit Titanismus zu tun hat – eine Haltung, die sich seit den sowjetischen Suprematisten, die hier auch Pate standen, in der russischen Führung nicht so wahnsinnig geändert zu haben scheint. Es gibt diesen Wahnsinnsbau also tatsächlich, er wurde 2006-2010 errichtet, und um ihn herum entsteht seither eine russische Megacity. Architektur hatte immer und hat auch noch heute unmittelbar mit Macht und Geld zu tun – in diesem Bauwerk kommen beide Elemente äußerst fassbar zusammen. Die Dauerhaftigkeit eines Bauwerks prädestiniert es gegenüber anderen Kunstformen für Repräsentationszwecke, und die Botschaft, die dieses Bauwerk verkörpert ist Dominanz und Expansion. Ich will nicht soweit gehen, das in einen tagespolitischen Kontext zu stehen, aber in der Tatsache, dass es nicht wie ein Bankenturm in die Höhe strebt, liegt eine vertikale, russische, territoriale Version des kapitalistischen Wachstumsgedankens. Natürlich: Eine Uni ist keine Bank, und die Qualität von Architektur bemisst sich letztlich nicht in Geld. Hier kommen sich die vier aber sehr nahe.


Anwendungsgebiete: Heuschnupfen.

Einnahme: Eines der häufigsten Heuschnupfen-Allergene sind Birkenpollen. Wenn Sie, um diese zu vermeiden, nicht nach Russland reisen wollen, um sich die Moscow School of Management Skolkovo anzuschauen, dann gehen Sie doch einfach in die Ausstellung. Ist auch billiger als eine Flugreise, wenn auch nicht viel.

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