12.03. +++ Beziehungshopping

Sie wäre die Idealbesetzung für die zweite Verhaltensoption für Frauen in THE TWO GENTLEMEN OF VERONA. (Bild von www.sueddeutsche.de)
Sie wäre die Idealbesetzung für die zweite Verhaltensoption für Frauen in THE TWO GENTLEMEN OF VERONA. (Bild von www.sueddeutsche.de)

Nehmen Sie mal an, Ihr bester Freund hätte sich in Ihre Geliebte verguckt, Sie beim Schwiegervater angeschwärzt, so dass dieser Sie verbannt hat. Dann läuft das allseitige Objekt der Begierde von zuhause weg, um Sie wieder zu finden. Aber der Verräter findet sie vorher und droht, sie zu vergewaltigen. Da treten Sie vor und drohen ihm eine böse Abreibung an. Er sieht sie und sagt: „Ups, jetzt wo ich dich wiedersehe hab ich voll das schlechte Gewissen. Tut mir leid.“ Und jetzt kommt die Quizfrage; was erwidern Sie?

(a) „Zieh den Degen, Verräter, wir haben noch ne Rechnung offen, und ich akzeptiere nur ein Zahlungsmittel: Blut!“

(b) „Verpiss dich einfach, Arschloch.“

(c) „Ne, wenns dir wirklich leid tut, dann ist die Sache gegessen. Und weißte was – die Frau kannst du auch haben.“ 

Bei unserem lieben Freund William Shakespeare, genauer gesagt in seinem leicht apokryphen Werk THE TWO GENTLEMEN OF VERONA, ereignet sich kurz vor Stückende – schnallt euch an – Antwort (c). Ums gleich vorweg zu sagen: Eine echte Erklärung hat, soweit ich weiß, niemand für diesen inhaltlichen Lapsus, aber fangen wir von vorn an.

So sah die Schlussszene 1789 aus. Die einen machen Revolution, die andern überlassen sich großmütig die Frauen. Tja. (Foto von www.bostoniano.info)
So sah die Schlussszene 1789 aus. Die einen machen Revolution, die andern überlassen sich großmütig die Frauen. Tja. (Foto von www.bostoniano.info)

Die beiden Veroneser Edelleute des Titels sind Valentine und Proteus, und zu Anfang des Stückes bekunden sie überschwänglich ihre Freundschaft, was bei Shakespeare in der Regel ein verlässliches Zeichen dafür ist, dass diese nicht mehr lange währen wird. Valentine hält erstmal nichts von der hauptberuflichen Verliebtheit seines Freundes und geht nach Mailand, um die Welt zu sehen und Karriere zu machen. Wo er sich natürlich gleich verliebt, und zwar in Silvia, die Tochter des Herzogs. Die anderweitig verheiratet werden soll, aber obwohl sies nicht zeigt, Valentine zurück liebt. Währenddessen hat sich Proteus zu Hause der Liebe seiner Angebeteten Julia versichert, die auch son bisschen schnippisch daher kommt, am Anfang, aber sie wäre besser noch länger widerspenstig geblieben, denn kaum hat sie Proteus Liebe geschworen, wird dieser von seinem Vater auch nach Mailand Karriere machen geschickt wo er sich seinem Namen gemäß als emotional äußerst wandelbar herausstellt, indem er sich nämlich prompt auch in Silvia verliebt. Heimtückisch verrät er dem Herzog, dass Valentine sich mit dessen Tochter abseilen will, dafür wird Valentine verbannt. Jetzt versucht sich Proteus an Silvia ranzuwanzen, indem er dem vom Vater vorgesehenen Bräutigam Turio beim Werben „hilft“ – dabei aber natürlich auf eigene Rechnung arbeitet. Eine Räuberbande versucht Valentine auszurauben, aber da er nix hat, machen sie ihn zum Räuberhauptmann. Und Julia, Proteus, Geliebte, hat sich als Mann verkleidet (irgendwer muss das in einer Shakespeare-Komödie ja schließlich auf sich nehmen) und dient Proteus jetzt als Diener. Und dann kommts im Wald zur oben zitierten Wiederbegegnung der Ex-Freunde, und Valentine spricht tatsächlich den ungeheuerlichen Satz (c) aus. Wir kommen nicht dazu herauszufinden, ob ers ernst gemeint hat, denn kurz darauf gibt sich erst Julia zu erkennen und irgendwie gehört Proteus ja zu ihr, fällt ihm da plötzlich auf, und dann tauchen Papa Herzog und sein Lieblingsschwiegersohn in spe, Turio, auf, und weil Valentine Turio androht, ihn aufzuschlitzen, wenn er schief guckt, verzeiht ihm der Herzog alles und gibt ihm Silvia zur Frau. Autsch.

Kein Einzelfall. Geben Sie mal den Stücktitel bei der Google-Bildersuche ein. Sie erhalten fast nur Theaterbilder mit Hund. Warum? Weil JEDER einen Hund auf der Bühne sehen will. (Bild von www.americanshakespearecenter.com)
Kein Einzelfall. Geben Sie mal den Stücktitel bei der Google-Bildersuche ein. Sie erhalten fast nur Theaterbilder mit Hund. Warum? Weil JEDER einen Hund auf der Bühne sehen will. (Bild von www.americanshakespearecenter.com)

Es ist das alte Lied: Man(n) will immer die, die man nicht haben kann. So weit, so realistisch. Auch, dass Fernbeziehungen scheitern, und leider meistens erstmal auf der einen Seite, während die andere daran festhält, ist schon im wahren Leben beobachtet worden. Aber weder das Frauenbild (mit zwei möglichen Verhaltensmustern, nämlich entweder zickig oder devot) noch das Männerbild (triebgesteuert plus entweder mutig oder nicht) können zu irgendeinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte der psychologischen Realität entsprochen haben. Oder doch? Natürlich stammt dieses Stück aus einer restriktiven patriarchalischen Gesellschaft mit ausgefeilten Rollenmodellen und Verhaltenscodices, und da männliche sexuelle Gewalt an der Tagesordnung war, hatten Frauen zunächst mal (wie etwa in vielen muslimischen Gesellschaften heute) zu ihrem eigenen Schutz nur die Möglichkeit, potentiellen Verehrern keinerlei Aufmunterung zu signalisieren, bis diese nicht ihre „ehrbaren“ Absichten unter Beweis gestellt hatten. Wer als Frau nicht zickig war, war entweder dumm oder extrem selbstzerstörerisch. Die zweite Verhaltensalternative für Frauen, nämlich gegenüber dem geliebten Mann zum gehirnlosen, devoten Püppchen zu regredieren, stellt meines Erachtens eine Männerphantasie vor. Klar, wenn man verliebt ist, verhält man sich so, aber die Basis für eine längere Beziehung war das schon damals nicht, möchte ich behaupten. Das Führen von längerfristigen Beziehungen jedoch steht bei Shakespeare ohnehin nicht im Zentrum des Interesses. Oberon und Titania, die sind schon länger verfeindet – äh zusammen, meine ich. Aber sonst gilt, was er in AS YOU LIKE IT schreibt: „Love is merely a madness.“

Ich will Ihnen aber nicht vorenthalten, warum ich das Stück dennoch für dringend spielenswert halte: Es kommt ein Hund vor. Auf der Bühne. Das ist zwar ein nicht so netter Hund namens Crab, der ein ziemlich dummes Herrchen namens Lance (den Diener von Proteus) hat, aber trotzdem. Der ist wenigstens treu.


Anwendungsgebiete: Goldallergie.

Einnahme: Wenn Sie gegen güldene Reifen um den Ringfinger der rechten Hand allergisch sind und Ihr/e Partner/in das nicht mehr witzig findet, dann ringen Sie sich doch endlich durch: Heiraten Sie. Schauen Sie sich vorher das Stück als Motivation an, irgend eine Kenneth-Branagh-Verfilmung wirds schon geben. Denn es beweist, dass Verliebtheit nur ein vorübergehender Schnupfen im Gemüte ist, aber geschmiedetes Metall – das hält für immer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.