12.06. +++ Mikrokosmos

Ein bisschen Mystik muss sein - die Symbole machen aus den Maschinenbauern Alchimisten.
Ein bisschen Mystik muss sein – die Symbole machen aus den Maschinenbauern Alchimisten.

Ich finde Campingplätze super. Nicht, um da zu übernachten (da hab ich mir nach einer Zeltübernachtung an der Ardèche mal ein ganz schlimmes Rückenproblem zugezogen), sondern metaphorisch. Kleine Gruppen von Menschen reisen mit mehr oder weniger schwerem Gerät an, stecken einen Claim für längere oder kürzere Zeit ab, richten sich mehr oder weniger häuslich ein, ihre Identität wird eins mit der Wohnsituation auf Zeit, und von heute auf Morgen ist wieder alles vorbei.

Wie ernsthaft wir unsere Einrichtung im Diesseits betreiben und wie klein dieses Projekt eigentlich ist – dafür ist der Campingplatz eine großartige Metapher, finde ich. Meistens ist die Stimmung dabei nachbarschaftlich, solidarisch; natürlich gibts immer irgendwelche Quertreiber oder auch mal handfesten Streit – aber eher unter den Dauercampern, glaube ich, und die unterlaufen die Idee eines Campings ja komplett. Denn wer würde sich schon ernsthaft der Idee hingeben, dass er ewig auf dem Campingplatz dieser Welt bleibt? Heute hatte ich jedenfalls das Vergnügen, den Campingplatz in Thalkirchen, im Münchner Süden kennen zu lernen, und zwar nicht, um dort zu übernachten, sondern um die WELTMASCHINE UNTERWEGS und ihre Mitreisenden kennen zu lernen.

Könnten auch Holländer sein... Die WELTMASCHINE UNTERWEGS auf dem Campingplatz Thalkirchen.
Könnten auch Holländer sein… Die WELTMASCHINE UNTERWEGS auf dem Campingplatz Thalkirchen.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die WELTMASCHINE UNTERWEGS nicht von den anderen Wohnmobilen und -situationen um sie herum. Völlig friedlich steht sie da, von Gartenmobiliar, Zäunchen, Grill und Zeug umgeben, eine freundliche Mitarbeiterin verteilt an einem Rezeptionsklapptischchen Termine. Und obwohl der Camper, der hier zum fahrenden Kunstwerk (oder zur Bühne? oder ist das das mobile Gegenstück zu einer Installation, also eine Mobilisation?) umgestaltet wurde, durchaus auch zur Fortbewegung und Übernachtung von seinen menschlichen Bewohnern benutzt wird, ist hier doch noch einiges mehr verborgen und zu entdecken. Die Ur-Weltmaschine steht übrigens in Kaag, einem kleinen Ort in der Oststeiermark, und ist das Lebenswerk des Bauern Franz Gsellmann, der 33 Jahre lang an einem riesigen Apparat herumbastelte, der sich bewegt, blinkt und Töne macht, aber nichts produziert. Die Inspiration zum Bau dieser Weltmaschine stammte, so Gsellmann, von Gott, was freilich nicht verhindern konnte, dass es zu massiven Konflikten in der Familie führte, dass Gsellmann sich ausschließlich seinem Apparat widmete und dafür viel Geld ausgab. Der Erbauer starb 1981, die Maschine gibt es immer noch und zieht Tausende Besucher im Jahr an.

Ein Modell des Atomiums in Brüssel hat Gesamt seinerzeit (neben der göttlichen Vision) zum Bau seiner Maschine inspiriert. Eine bäuerliche Version dieses Weltmodells findet natürlich auch bei der Weltmaschine seinen Platz.
Ein Modell des Atomiums in Brüssel hat Gesamt seinerzeit (neben der göttlichen Vision) zum Bau seiner Maschine inspiriert. Eine bäuerliche Version dieses Weltmodells findet natürlich auch bei der Weltmaschine seinen Platz.

Eine Maschine die nichts produziert, ein Lebensprojekt, das gegen große Widerstände verwirklicht wird, ein Kommunikationsort – diese Elemente der steirischen Urmaschine haben die Künstler Christoph Theussl, Georg Reinhardt, Mathias Lenz und Matthias Leitner zum Ausgangspunkt genommen, und sind mit ihrem Wohnmobil zu einer Reise aufgebrochen, in deren Verlauf sie noch weitere Menschen mit ungewöhnlichen Projekten besucht haben, etwa die Brückenbauerin Renate Theißl (Modellbrücken. 100 Stück hat sie gebaut, heute hat sie ein Museum) oder den Tunnelgräber Michael Altmann, der seit 1958 einen 200 m langes Tunnelsystem gegraben hat. Die Reise, die bis nach Brüssel führen wird, hat gestern heute und morgen in München Station gemacht, und auf dem Thalkirchener Campingplatz dürfen Besucher Teil dieser Begegnung mit der Maschine werden. Nach einer kleinen anekdotischen Einführung von Matthias Leitner, der mit vielen Büchern und einem Laptop bewaffnet vor dem Camper sitzt, wird man ins Führerhaus (huch, gibts eine Alternative dafür? Ein Cockpit ist es ja wohl nicht…) des Wohnmobils gebeten, wo die Bäurin Mathias Lenz eine „Orientierungshilfe“ gibt, bei der Weihwasser, Weihrauch und ein Fruchtbarkeitsritual eine Rolle spielen. Im Wohnraum des Mobils findet dann eine Begegnung mit Franz Gsellmann (Christoph Theussl) selber statt, der freilich seit seinem Tod 1981 äußerlich nicht an Attraktivität zugenommen hat. Aber er hatte viel Zeit zum Nachdenken und jeder Besucher bekommt das Patentrezept zur Erbauung der ganz eigenen Weltmaschine geliefert. Abschließend stellt Georg Reinhardt, der gewisse tierische Charakterzüge angenommen hat, seine eigene Maschine vor – eine Mensch-Tier-Maschine, deren Funktionsweise ich natürlich nicht verrate, aber deren Thema, nämlich „Affinität statt Identität“ ich höchst spannend finde. Nach der etwas über halbstündigen Begegnung mit der WELTMASCHINE UNTERWEGS gehe ich in einer sehr heiteren Stimmung über den Campingplatz, und nehme tatsächlich einige Ideen für meine eigene Maschine mit.


Anwendungsgebiete: Grausucht (Äquivalent zur Bleichsucht oder Gelbsucht, nur, dass sich das Gesicht grau verfärbt)

Einnahme: Sie können der WELTMASCHINE UNTERWEGS nachreisen und zum Groupie werden, sie können die Ur-Weltmaschine in Kaag besuchen, oder aber gleich ihre eigene bauen. Wichtig gegen die Grausucht ist vor allem, dass sie sich intensiv mit diesen Maschinen beschäftigen, denn ihre Funktionsweise ist prinzipiell dem der MEGAMASCHINE entgegen gesetzt, mit der sich der Autor (auch Theaterautor!) Fabian Scheidler beschäftigt hat, und zwar in seinem kürzlich veröffentlichten Buch DAS ENDE DER MEGAMASCHINE. Er argumentiert, dass das Ende unserer Zivilisation, die im globalen, allesfressenden Kapitalismus gipfelt, bevorsteht. Auch dagegen helfen wahrscheinlich nur Weltmaschinen.

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