12.07. +++ Großreinemachen

Da fährt sie so viel Rad und tritt doch auf der Stelle. Arme reiche Anwältin.  Ja, okay, dieses Hobby lädt zu vielen Kalauern ein. Aber trifft trotzdem gut. (V.l.n.r. Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär und Jeanette Hain. Bild von www.daserste.de)
Da fährt sie so viel Rad und tritt doch auf der Stelle. Arme reiche Anwältin. Ja, okay, dieses Hobby lädt zu vielen Kalauern ein. Aber trifft trotzdem gut. (V.l.n.r. Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär und Jeanette Hain. Bild von www.daserste.de)

Meine Frau ist anderer Meinung. Das ist nichts Ungewöhnliches, unser Geschmack, gerade beim Tatort, geht oft auseinander, und solange sachhaltiger Streit statt findet, lebt eine Beziehung. Auch wenn ich natürlich Recht habe. Ich fand nämlich den heutigen, von 2013 wiederholten Kölner Tatort SCHEINWELTEN ziemlich gut. Ich gebe unumwunden zu, dass die Story ihre Schwächen hatte, dass der Krimi nicht besonders spannend war und dass vor allem der eigentliche Mord bzw. Täter enorme Fragezeichen in den Abspann mitnahm – eigentlich umso erstaunlicher, dass die brillanten Schauspieler, und dazu gehörten neben den Protagonisten Behrendt und Bär vor allem das großartige Paar Christian Tasche und Jeanette Hein, und der mit Elan inszenierte Film diese Schwächen ausgleichen konnten.

Eigentlich mies, das gerade dieses hoffnungsvolle Beispiel einer geglückten Ehe zwischen Knacki und afrikanischer Frau den Mord verursachen sollte. Aber so sind sie, die Drehbuchautoren. (Joana Adu-Gyamfi als Adjoa und Konstantin Lindhorst als Frank. Bild von www.daserste.de)
Eigentlich mies, das gerade dieses hoffnungsvolle Beispiel einer geglückten Ehe zwischen Knacki und afrikanischer Frau den Mord verursachen sollte. Aber so sind sie, die Drehbuchautoren. (Joana Adu-Gyamfi als Adjoa und Konstantin Lindhorst als Frank. Bild von www.daserste.de)

Schade, dass sich Sender und/oder Drehbuchautor Johannes Rotter zu diesem allgemeinplätzchenhaften Titel haben hinreißen lassen. Wer lebt nicht in mehr oder weniger ausgeklügelten „Scheinwelten“ und Lebenslügen. Eigentlich geht es im Film um ScheinEHEN, zu denen sowohl diejenigen gehören, die vom Mordopfer zwischen illegalen Immigrantinnen (die in der Putzfirma seines Vaters arbeiteten) und deutschen Männern arrangiert wurden, als auch die formalbürgerliche Beziehung zwischen Staatsanwalt von Prinz und seiner Anwaltsfrau, die sich im Familienstammsitz nur noch mehr oder weniger zufällig über den Weg laufen. Beides spannende Themen, weil die Funktionalität der Ehe in der Arbeitswelt aus zwei ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird. Und sowohl ganz oben als auch ganz unten dient die Ehe zum Deckmantel für allerlei schmutzige Geschäfte, bei denen die Saubermänner Ballauf und Schenk zumindest Staub aufwirbeln. Aber der Reihe nach.

Den Balken im eigenen Auge, oder in der eigenen Ehe zu sehen, fällt auch Staatsanwälten schwer. (Christian Tasche als von Prinz und Behrendt als Ballauf. Bild von www.daserste.de)
Den Balken im eigenen Auge, oder in der eigenen Ehe zu sehen, fällt auch Staatsanwälten schwer. (Christian Tasche als von Prinz und Behrendt als Ballauf. Bild von www.daserste.de)

Der Erbe eines Putzfirmenimperiums wurde ermordet. Sein Vater, schwerkrank, hatte den unnützen Sohn längst abgeschoben und seine Hoffnungen in die attraktive Anwältin von Prinz gesetzt, die alles Geschäftliche und vor allem den Nachlass für den Firmeninhaber regelt, sich aber auch liebevoll um ihn kümmert, weshalb er ihr großzügige Zuwendungen macht. Hat sie den Sohn, der ihr vermeintlich in die Quere kommen könnte, ermordet? So wunderbar durchlässig psychotisch, so unterschwellig eiskalt, wie Jeanette Hain die Anwältin spielt, wäre es ihr zuzutrauen. Freilich ist sie zu intelligent dazu, und eigentlich auch zu mutig angesichts der Konfrontation mit den ermittelnden Beamten – aber die Indizien häufen sich. In einem zweiten Handlungsstrang geht es um die Putzfrau des Ermordeten, eine Ukrainerin, die illegal in Deutschland arbeitet – und, wie sich heraus stellt, an einer Scheinehe mit einem Deutschen interessiert ist. Eine Kollegin von ihr hat diese Strategie schon angewandt und ist mit ihrem Mann – einem ehemaligen Knacki – offenbar ziemlich glücklich. Viele Fragen drehen sich um die Putzfrauen – und tatsächlich stellt sich heraus, dass das Opfer die Frau des Knackis mit der Tatsache erpresst, dass sie in ihrem Heimatland bereits verheiratet war (was ein Abschiebungsgrund gewesen wäre). Der Knacki wollte die belastenden Fotos beim Opfer suchen, wurde aber überrascht und tötete ihn im Affekt.

Akademikerinnen arbeitet als Putzfrau - die Regel in Deutschland mangels Einwanderungsgesetz. (Juta Vagana als Irina. Bild von www.daserste.de)
Akademikerinnen arbeitet als Putzfrau – die Regel in Deutschland mangels Einwanderungsgesetz. (Juta Vagana als Irina. Bild von www.daserste.de)

Dass das ein ziemlich hanebüchener Tathergang ist, fiel mir beim Anschauen gar nicht so auf. Denn ehrlich gesagt war der Putzfrauen-Handlungsstrang angesichts der viel faszinierenderen von Prinzschen Ehe ein Nebenkriegsschauplatz. Dass sich die Anwältin und Ehefrau von Prinz angesichts der völligen Abwesenheit ihres Mannes in der gemeinsamen Beziehung in einer Dauerkrise befindet, wird durch ihren Sportfimmel und den Genuss der Beziehung zum Putzfirmenimperator sehr schön portraitiert. Der ihr ehelich verbundene Staatsanwalt hat aus seinem wolkigen Nirwana eine enorme Fallhöhe zurück zu legen, bis er registriert, dass es keinerlei gemeinsames Leben mit seiner Frau mehr gibt. Ein für alle Beteiligten sehr schmerzhafter Prozess der Ent-Täuschung, des Herausfallens aus der Schein-Ehe, und ich bin beinahe versucht zu sagen, dass ich mir gewünscht hätte, das Verbrechen hätte – aber aus emotionalen Gründen – diesem Handlungsstrang angehört. Dass klischeehaft der Knacki ein bisschen zu schnell zusticht, ist eine Schwäche des Drehbuchs (wie gesagt), aber mei, man kann nicht alles haben. Den Beweis jedenfalls, dass die Kriterien zur Strafverfolgung von Scheinehen in jedem zweiten bürgerlichen Haushalt Verbrechen erster Kajüte zum Vorschein bringen müssten, liefert dieser Tatort allemal.


Anwendungsgebiete: Gegenmittel zu überdosierten Lokalanästhetika.

Einnahme: Wenn Sie sich in Ihrer Beziehung gewohnheitsmäßig betäuben (zum Beispiel mit Sport oder Abnehmen oder was auch immer), dann schauen Sie lieber mal öfter solche Filme oder lesen Sie gute Romane. Das könnte zu Kommunikation führen.

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