13.01. +++ Die Farben des Drecks

Tietäväinen, UNSICHTBARE HÄNDE
Tietäväinen, UNSICHTBARE HÄNDE

Der Name ist für mich so unaussprechlich, dass ich ihn gleich zu Anfang loswerden muss: Ville Tietäväinen ist Autor/Zeichner der Graphic Novel UNSICHTBARE HÄNDE, die mir heute in die sichtbaren Hände gefallen ist. Es geht um die so genannten „Illegalen“, durch deren Hände unter den Plastikplanen von Almería ein großer Teil der Obst- und Gemüseversorgung Europas geerntet wird. Der finnische Autor beginnt seine fiktive Geschichte, die zu grausam ist, um viel Erfundenes zu enthalten, bei einer kleinen Familie in Marokko. Als Rashid, der Vater, seinen ohnehin schlecht bezahlten Job verliert, ist der Zeitpunkt für ihn gekommen, um die riskante Reise nach Spanien anzutreten. Viele seiner Mitfahrer kommen auf dem Meer ums Leben, er selbst wird von der Polizei aufgegriffen, aber nach Almería gebracht, denn es ist Saison und Arbeitskräfte werden gebraucht. Er wird ausgebeutet, vergiftet, misshandelt, aber er trifft auch auf Solidarität unter den Rechtlosen. Am Ende der Saison inszeniert er seinen eigenen Tod (um die Schulden für die Überfahrt in der Heimat loszuwerden) und fährt mit einem Gemüselaster nach Barcelona, um dort mit Straßenhandel Geld zu verdienen. Immer tiefer rutscht er ab, wird ein ums andere Mal übers Ohr gehauen, glaubt, dass seine Frau ihn betrügt, verliert alles. Eine letzte Hoffnung scheint die „Arbeit“ als lebendige Statue in der Fußgängerzone zu sein, für die der gelernte Schneider sich ein krudes, abgerissenes Cape näht. Seine Frau hält es nicht länger ohne ihn aus und macht sich mit Hilfe ihres Arbeitgebers auf den Weg, um ihren Mann zu retten. Aber sie kommt zu spät: Rashid hat den Verstand verloren und stürzt sich von der Kolumbusstatue.

Prolog: Die Überfahrt
Prolog: Die Überfahrt

Als Prolog zeichnet Tietäväinen die alptraumhafte Überfahrt – als Nachtstück in düsterem Blau. Dem Schrecken auf dem Meer billigt er so noch eine monströse Schönheit zu; dann dreht er die Zeit zurück und beginnt die Leidensgeschichte seiner Hauptfigur in Ocker- und Beigetönen zu erzählen, die den Rest des Buches bestimmen. Die Farben des Drecks, in Marokko, in Südspanien, in Barcelona, in den der Held immer tiefer versinkt. Die Kreidetechnik, die der Zeichner verwendet, entspricht der Rauheit seiner Geschichte: Er erzählt von den Männerwelten der marokkanischen Gesellschaft mit ihren knebelnden Geschlechterrollen und ihrer repressiven Sexualität, die ihre Fortsetzung in sexueller Gewalt an jedem Punkt der Reise haben. Von atemberaubender Ausbeutung, die völlig gewissenlos Menschen in den Ruin treibt. Von religiösen Wahnvorstellungen, die vernünftige Männer in den Wahnsinn treiben. Es sind teilweise krude Dialoge, die er den Ausgebeuteten und ihren Peinigern in den Mund legt – letztlich sind sie wahrscheinlich lebensecht.

Am Ende: Ein tragischer Anti-Superheld
Am Ende: Ein tragischer Anti-Superheld

Das durchgehende Gefühl, während ich das Buch lese ist: „Jetzt muss es doch auch mal besser werden.“ Wird es aber nicht, nur so viel, um Rashid noch wuchtiger in den Dreck zu schleudern. Das ist kein Hollywoodfilm, sondern es ist ein lebensechtes Gemälde des Fundaments, auf dem der Wohlstand dieses Kontinents aufrecht erhalten wird. Das Knochenmehl der Afrikaner, die es selbst ständig bauen, ist eine Hauptzutat. Es hat heute Föhn, ich war den ganzen Tag nicht recht zu etwas zu gebrauchen; nach der Lektüre dieser Graphic Novel ist man wieder stocknüchtern.


Anwendungsgebiet: Wohlstandssymptome wie Völlegefühl, Gicht, allgemeine Unlust

Einnahme: Bei akuten Schüben einfach eine halbe Stunde mit dem Buch verbringen und mit seinem Protagonisten fühlen – und schon werden die eigenen Beschwerden auf eine sehr überschaubare Dimension zurecht gestutzt.

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