13.03. +++ Handwerker(ab)rechnung

Mein lieber Schwan. Die Biester sind eigentlich an allem Schuld. (Bild von www.tier-fotos.eu)
Mein lieber Schwan. Die Biester sind eigentlich an allem Schuld. (Bild von www.tier-fotos.eu)

Es heißt ja, eine einzige altenglische Phrase habe Tolkien zur Kreation von Mittelerde gebracht, der Begriff „middengard“ = „Mittelerde“ kam jedenfalls darin vor. Auch wenn zur umfangreichen Ausgestaltung seiner Fantasy-Welt sicher noch ein bisschen mehr gehörte – die suggestive Kraft dieser formelhaften alten Literatur kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich habe heute das WÖLUNDLIED aus der älteren Edda gelesen, ein Heldenlied, das zwar nicht sehr lang ist (nur vierzig Strophen à meist vier Versen plus ein paar Zeilen Einleitung), aber OH BOY hat der Dichter da viel reingepackt. Die Einleitung, die der freundliche Herausgeber des Reclambändchens voranstellt, ist mehr als nötig, um solche Formulierungen wie „Mädchen von Süden     durch den Myrkwid flogen“ entschlüsseln zu können. Wieso flogen die Mädchen? Naja, weil sie „Schwanengewänder“ haben, mit denen sie sich entweder in die hübschen großen weißen Vögel verwandeln können, oder zumindest mit ihrer Hilfe wie Dädalus fliegen. Vielleicht sind sie auch Walküren. Der, die oder das Myrkwid ist übrigens – tamtaramta – Tolkiens „Mirkwood“, der „Dunkelwald“, in dem die ekligen Riesenspinnen und Boromir und seine Sippe wohnen.

Jedenfalls geht die Story folgendermaßen: Wieland ist einer von drei Söhnen des finnischen Königs, die drei Mädchen zur Frau nehmen, die gerade ihre Schwanengewänder abgelegt hatten. Aber wenig später legen sie sie wieder an und sind ausgeflogen, als die drei Brüder von der Jagd kommen. Seine beiden Brüder folgen ihnen, während allein Wieland in den Wolfstälern bleibt und Schmuck schmiedet, denn er ist handwerklich sehr geschickt. Diese Tatsache bekommt Nidud, der König von Schweden mit, der seine Leute erst zum Spähen schickt, später selber kommt und Wieland gefangen nimmt. Da Wieland eine ganze Menge Gold gehortet hat, fragt er ihn ziemlich fies, wie er das wohl von ihm gestohlen habe, während seine perfide Gattin sogar noch weiter geht und vorschlägt, dem Gefangenen die Kniesehnen zu durchtrennen, was daraufhin gemacht wird. Wieland wird auf einer kleinen Insel gefangen gehalten und muss da für Nidud schmieden, auf eigene Rechnung schmiedet er jedoch Rachepläne, die er ganz in Ruhe umsetzt. Erstens tötet er Niduds Söhne, die den Fehler begehen, sich allein in seine Werkstatt zu trauen, um die tollen Goldsachen zu sehen, die Onkel Wieland so geschmiedet hat, zweitens stellt er dann aus ihren Schädeln vergoldete Trinkschalen für Nidud her, aus ihren Augen Edelsteine (!) für dessen böse Frau und aus ihren Zähnen eine hübsche Kette für ihre Tochter. Als diese sich kurz darauf einen Ring von Wieland reparieren lassen will, tut er ihr K.O.-Tropfen ins Bier und vergewaltigt sie. Schließlich zieht er sich ein Federgewand an (so wie Dädalus, vielleicht auch aus der Erinnerung an das Modell seiner Frau gefertigt), erzählt Nidud, was er alles angestellt hat und fliegt dann davon.

Vorsicht: Die Erfinder von Superhelden-Gimmicks sitzen immer am längeren Hebel. (Bild von www.de.wikipedia.org)
Vorsicht: Die Erfinder von Superhelden-Gimmicks sitzen immer am längeren Hebel. (Bild von www.de.wikipedia.org)

Nun hat man Wölund natürlich übel mitgespielt, indem man ihn beraubt, verkrüppelt und versklavt hat, aber in seiner Rache geht er nochmal ein gepflegtes Stückchen weiter. Diese Maßlosigkeit qualifiziert ihn wahrscheinlich als „Helden“ der altnordischen Literatur – wobei es bei den Griechen ja auch nicht anders war. Gerade das Wegfliegen am Ende (und vorher natürlich der Kindsmord) erinnert mich sehr an Medea, und womöglich wurde die Sage auf ihrer Tour durch Europa (da gabs viele Stationen, von Deutschland über England und Norwegen bis nach Island, wo der Edda-Dichter die Saga um 1250 niederschrieb) tatsächlich vom griechisch-römischen Mythos beeinflusst. Aber anders als in den opulenten südlichen Mythen wird im kargen Norden äußerst knapp berichtet. Wahrscheinlich, weil es nur wenig Schafe gab, auf deren Haut man schreiben konnte. Naja, im Ernst waren das wohl eher die Geschichtsgerippe, die da notiert und im Vortrage ausgeschmückt wurden. Oder im Zweifelsfall konnte der ungebildete Nachwuchs nach dem Ende beim Barden nachfragen, wie das mit den Augen und den Edelsteinen gemeint war. Als Inspirationsquelle für heitere Geschichten des täglichen Miteinanders jedenfalls scheinen mir diese Eddasagen sehr geeignet. Da werde ich mir noch ein paar aneignen.


Anwendungsgebiete: Nervenzusammenbrüche im Zusammenhang mit Handwerkerrechnungen

Einnahme: Lesen Sie diese Sage, BEVOR Sie einen Handwerker beauftragen. (Das gilt für jeden Auftragnehmer. Aber für Handwerker besonders.) Bedenken Sie eines: Sie liefern sich ihm aus. Und es wird anders sein, als Sie sichs vorgestellt haben. Vielleicht wird ihr Problem gelöst, vielleicht zu einem wesentlich höheren Preis, und vielleicht keines von beiden. Denken Sie dran, dass dem Armen vielleicht seine Frau weggeflogen ist, bevor Sie einen Rechtsanwalt einschalten. Denn am Ende haben Sie vielleicht eine neue Trinkschale, aber keine Kinder mehr. 

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