13.05. +++ Neuland

Vielleicht kommt er tatsächlich wie ein Freund auf einer Frühlingswiese vorbei: Der Tod, "Freund Hein"
Vielleicht kommt er tatsächlich wie ein Freund auf einer Frühlingswiese vorbei: Der Tod, „Freund Hein“

Eigentlich klingt er nach einer Gratwanderung, der Titel des neuen Theaterabends von Eva Ellerkamp und dem Heyoka-Theater, der heute Abend im Ulmer Podium zur Uraufführung gekommen ist: WALKING IN BETWEEN. Das ist leicht erklärlich, denn es geht um das Sterben, um den Tod, ums Überqueren der letzten Grenze ins „unentdeckte Land aus dem kein Wanderer zurückkehrt „. Das ist kein leichtes Thema, und das könnte dem Abend eine große Schwere verleihen, aber das Gegenteil ist der Fall, dem wunderbaren, bunten Ensemble gelingt ein Abend der nicht mit Wandern zu tun hat, sondern mit schweben.

Die "Geheimwaffen" des Stückprologs und ihre "Trostlose"
Die „Geheimwaffen“ des Stückprologs und ihre „Trostlose“

Nehmen wir zum Beispiel mal die Geheimwaffe Georg Metzenrath, mittlerweile zum dritten Mal in einer Ellerkamp-Inszenierung im Einsatz. Wie charmant, wie simpel und liebevoll er das Publikum abholt in diesen Abend, ist einfach unwiderstehlich. Der aus Rumänien stammende Schauspieler verteilt schon im Foyer „Trostlose für Trostlose“ und mit Unterstützung von Susanne Knapp demonstriert er dann eindrucksvoll auf der Bühne, wie man sich diesen Trost zu eigen macht: Entweder man verspeist das Trostlos einfach, oder man rührt es als Honig oder Marmelade in den Tee und trinkt den so entstandenen Zaubertrank. Klingt skurril? Exakt. Und heiter, und trotzdem tiefgehend. Und genauso wie dieser Prolog ist der ganze Abend.

Authentische Geschichten werden erzählt, von Peter (mit Unterstützung von Finn), der als Junge seinen Vater verlor; von Rosi, die sich als sechzehnjährige weigerte, an Krebs zu sterben; von Georg, der das Weinen bei der Beerdigung seiner Mutter durch einen Witz seines Onkels aushalten konnte. Und zu all diesen und vielen anderen persönliche Geschichten verdichtet sich der Abend durch die Bilder, die Eva Ellerkamp inszeniert – eine Strickleiter in höhere Regionen, ein Sarg, der eifrig zum Probeliegen benutzt wird, die Kutte des Sensenmanns, die bedrohlich in eine Familienidylle hineinragt. Unterstützt von der Musik, die vor allem von Maria Karamoutsiou am Flügel gestaltet wird, entsteht eine Atmosphäre auf der Bühne, die unwiderstehlich ins Publikum hineinweht, eine Atmosphäre der Lebensfreude, die ein achtsamer Umgang mit dem Tod und miteinander möglich macht.

Die Stärken jeder und jedes Ensemblemitglieds voll ausgespielt: Inklusion ist eine Begegnung auf Augenhöhe
Die Stärken jeder und jedes Ensemblemitglieds voll ausgespielt: Inklusion ist eine Begegnung auf Augenhöhe

Denn, und jetzt muss ich doch auf dieses Thema kommen, WALKING IN BETWEEN ist ein integratives Theaterprojekt; einige Teilnehmer gaben Handicaps, leiden an psychischen Krankheiten, sind im Alltag kein Teil der kapitalistischen Leistungsgesellschaft. In diesem Theaterensemble jedoch ist es allen Beteiligten gelungen – in mittlerweile langjähriger Arbeit – die besonderen Begabungen jedes Einzelnen zum Strahlen zu bringen. Man spürt von der ersten bis zur letzten Sekunde dieses Abends, von welchem Geist diese Gruppe getragen ist, nämlich dem eines achtsamen und offenen Umgangs miteinander, der eindrucksvoll zeigt, was Inklusion eigentlich heißt.

Das Theater Ulm, ebenso wie das Roxy Ulm, die beiden Aufführungsorte des Heyoka-Theater, sind gut beraten, mit dem gerade gegründeten gemeinnützigen Verein zusammen zu arbeiten, und mehr noch: Wären noch besser daran beraten, diese Arbeit auch in Form von echten Kooperationen etwa mit dem Schauspielensemble zu verbinden. Denn jeder der hundertzwanzig elektrisierten Zuschauer, die sich heute Abend nach dem Schlussakkord wie ein Mensch zu Standing Ovations von ihren Plätzen erhoben haben, hat gespürt: Dieses Theatererlebnis ist anders als alles andere, was Ulm sonst zu Gesicht bekommt. Es war kein Probeliegen, es war kein Grenzgang: Heute Abend hat das Heyoka Theater seine Flügel ausgebreitet und ist abgehoben, losgeflogen.


Anwendungsgebiete: Todesangst

Einnahme: Am Montag morgen macht die Theaterkasse wieder auf. Gehen Sie hin, kaufen Sie Tickets für sich und die Menschen, die sie lieben. Alle. Dann sehen Sie sich das Stück an und Sie werden mir zustimmen.

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