13.09. +++ Altlasten

Im falschen Film: Ein bisschen wie ungebetene Gäste stolpern Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) durch den ganzen Tatort. (Bild von www.daserste.de)
Im falschen Film: Ein bisschen wie ungebetene Gäste stolpern Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) durch den ganzen Tatort. (Bild von www.daserste.de)

Mja, da war viel Schönes dran. Es tut mir leid, wenn ich mit dieser Beschreibung die Gefühle der am heutigen Frankfurter Tatort HINTER DEM SPIEGEL beteiligten Künstler verletzen sollte, aber positiver krieg ichs nicht hin. Der zweite Fall des noch neuen Teams Janneke/Brix aus der hessischen Metropole ließ sich zwar deutlich „normaler“ an als die verkitschte erste Episode, aber auch diesmal hat der Funke leider nicht gezündet, es war eine ziemlich lahme Veranstaltung.

Immerhin hat sich die zuständige Redaktion des HR eine Art Fortführung des ersten Falles des neuen Teams ausgedacht, bei dem Kommissar Brix – bei Gefahr im Verzuge – eine Mörderin tötete. Nicht nur dieser Fall, der zu Beginn der Episode untersucht wird, auch einige Hypotheken aus Brix‘ Vergangenheit bei der Sitte, lassen ihn in diesem Film in einem schlechten licht erscheinen. Nein, sie SOLLEN ihn in einem schlechten licht erscheinen lassen, denn eigentlich glaub ich Wolfram Koch (Brix) von Anfang an nicht, dass er Dreck am Stecken hat. Zu verdächtig werden seine Ex-Kollegen Finger (Dominique Horwitz) und Preiß (Justus von Dohnányi) eingeführt, und dann erfährt das Publikum eh gleich, dass er unschuldig ist. Ja was denn nun? Will Drehbuchautor Erol Yesilkaya hier eine Ermittler-Täter-Manipulationsstory erzählen, oder geht es darum, dass Janneke ihrem Kollegen nicht vertrauen kann? Ganz offensichtlich glaubt er, dass er beides kann, aber das ist leider daneben gegangen. Zu schnell wird Brix fürs Publikum entlastet und zu schnell erhält auch Janneke immer wieder Beweise für seine Vertrauenswürdigkeit. Eine Spannung hat keine Chance aufzukommen. Es gibt sogar einen illustrativen Overkill von Informationen, die der Täter Preiß ausstreut, die aber überhaupt nicht bei Janneke ankommen, sondern nur zeigen, dass er gegen Brix intrigiert – das wissen wir aber längst (Stichwort Segelyacht). Der Mangel an Spannung geht also eins zu eins aufs Drehbuch zurück, aber das ist nicht das einzige Problem von HINTER DEM SPIEGEL.

Ein Blick spricht Bände: Wann wirds mal wieder richtig spannend?
Ein Blick spricht Bände: Wann wirds mal wieder richtig spannend?

Innerhalb der Entwicklung dieses Tatort-Teams ist diese zweite Folge ganz offensichtlich als Phase des „Zusammenraufens unter schwierigen Umständen“ geplant worden. Riefenstahl, der ziemlich arschige aber leider auch chargierende Chef aus Episode eins stellt sich hinter seine Leute und beugt sogar das Gesetz für sie, Brix dunkle Vergangenheit als bestechlicher Sittenbulle kommt ans Licht und Janneke muss in der Grauzone, die ihn umgibt, entscheiden, ob sie Fünfe gerade sein lässt, was sie natürlich tut, und am Ende schmeißen alle ihren emotionalen Müll in eine Autopresse und reiten in den Sonnenuntergang. Nur leider klappt das nicht. So sehr Brix hier einer krisenhaften Prüfung unterzogen wird, so wenig sind Janneke und Riefenstahl persönlich involviert. Wo haben sie Raum zu Zweifeln, fragen, Wut auf den Kollegen? Gerade Margarita Broich flattert so unbehelligt wie ein Kolibri durch diesen doch eigentlich sehr persönlichen Tatort, und wenn das gewollt ist, dann hätte die Dramaturgie ein paar Fußnoten einfügen sollen. Oder Untertitel. Roeland Wiesnekker kommt diesmal mit Riefenstahl besser weg als in der ersten Episode, aber dieser bezeichnende Moment, in dem er sich selber googelt, entlarvt ihn als Flitzpiepe, der nicht so richtig ernsthaft dabei ist.

Hätte Kommissarin Broich POLIZEIRUF geschaut, hätte sie gleich gewusst, dass J. v. D. der Täter ist...
Hätte Kommissarin Broich POLIZEIRUF geschaut, hätte sie gleich gewusst, dass J. v. D. der Täter ist…

Ich möchte noch auf ein letztes Problem kommen, das ich mit HINTER DEM SPIEGEL hatte. Der mordende Hauptkommissar Preiß wurde von Justus von Dohnányi gespielt, der im Juni im Münchner Polizeiruf als modellbauender Mörder zu sehen war (eine bessere Rolle übrigens). Ich gönne es dem Schauspieler prinzipiell sehr, dass er so bald wieder eine wichtige Gastrolle in der ARD bekommt, aber (ähnlich wie bei Antoine Monot jr. im letzten Luzerner Tatort) stellt sich ein Palimpsest-Effekt ein: In der Regel erfordern Tatorte einen extremen Realismus, und durch das einigermaßen schnelle Wiederauftauchen der Schauspieler im gleichen Format verwässert die Illusion. Gut, kann man sagen, recht so, aber das Ziel der Macher ist ja Immersion, das Eintauchen in die Story, das Entstehen von Spannung, und nicht der Bruch derselben durch Brechtsche Verfremdung. Diesem Ziel ist HINTER DEM SPIEGEL leider nicht nahe gekommen; und meine Vorfreude auf den nächsten Tatort aus Frankfurt hält sich in Grenzen.


Anwendungsgebiete: Festgefressene Traumata im Bodensatz der Psyche

Einnahme: Bei einer Psychotherapie im Hintergrund laufen lassen. Es wird nichts bringen, aber vielleicht schadet es auch nicht.

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