14.01. +++ Zerfetztes Selfie

Max Slevogt SELBSTBILDNIS, 1908 (Lenbachhaus, München)
Max Slevogt SELBSTBILDNIS, 1908 (Lenbachhaus, München)

Ja, es ist Luxus, an einem stinknormalen Werktag im Januar einfach mal ins Museum zu gehen. Andererseits habe ich das prinzipiell verdient, zudem muss der Kunstgenuss erlitten werden, denn es ist mehr los als erwartet. Damit meine ich nicht die Schulklassen, die auch im Lenbachhaus unterwegs sind, meine Route aber zum Glück nicht kreuzen, sondern sich lautstark unterhaltende Ehepaare im fortgeschrittenen Alter. Von dieser Sorte gibt es überraschenderweise einige, und die scheinen ihren Spaß hier zu haben – keine Spur von Ehrfurcht vor der Kunst, keinen Audioguide am Ohr, sondern einen running Gag auf den Lippen, der darin besteht, alle Gemälde auf Tauglichkeit fürs eigene Wohnzimmer zu überprüfen. Ja verwechseln die jetzt Kunst mit dem Vorabendprogramm oder was? Ich gebe zu, ich bin von dem bisschen Kunstgeschichte, das ich studiert habe, verdorben; ich will mich nicht ablenken lassen, keine Führung und auch kein Gedränge, sondern mich im Tempel ganz der Aura des heiligen Objekts widmen. Was natürlich völliger Schwachsinn ist, aber so hat jeder seine Macken. Den allerdings schaue ich nicht an, sondern ich bleibe bei einem SELBSTBILDNIS von Max Slevogt hängen. Der Mann war vierzig, als er das Bild 1908 malte, wahrscheinlich ziemlich zügig mit Ölfarbe auf Karton, wenn ich es richtig sehe. Seine „impressionistische“ Pinselführung wirkt immer ziemlich grob, aber dieses Bild ist absichtlich unfertig, es franst nach unten aus, und vor allem der Hintergrund ist bemerkenswert: Eine dunkle Corona, fast wie ein Geist, ein alter Ego, umschließt seinen Kopf.

Max Slevogt SELBSTBILDNIS, 1908, Detail (Lenbachhaus, München)
Max Slevogt SELBSTBILDNIS, 1908, Detail (Lenbachhaus, München)

„Impressionistisch“ ist wirklich schwierig, wenn ich mir dieses Bild so ansehe. Ich verstehe schon, wo der Begriff herkommt, dass man die Wirklichkeit auch in gröberen Zügen wahrnehmen kann, in unechten Farben, aber der Effekt ist für meine Begriffe ungeheuer expressiv.Um nicht zu sagen explosiv; dieser Stil zersprengt die glatte Oberfläche der akademischen Kunst ein paar Jahrzehnte vorher; die so mühevoll erworbene klassizistische Feinmalerei wird mit diesen genialischen Statements van Goghs oder Monets in Stücke gehauen. Der Begriff „Impressionismus“, der Bezug auf den optischen Eindruck, der die Maler jetzt anders malen lässt, ist eine Ablenkung davon, dass diese Vorwegnahme der Moderne ein philosophischer Sturm ist. Maler nehmen ihre Welt nicht mehr als ganzes und logisch war, sondern als zerbrochen, widersprüchlich, fragmentiert, und genauso geht es den Schriftstellern und vielen anderen Künstlern ihrer Zeit. Diesen Verlust an Geschlossenheit, an Ganzheit, haben wir bis heute nicht verkraftet, es war ein Abschied für immer. Slevogt schaut aus seinem Selbstbildnis beinahe böse heraus; förmlich gekleidet (trägt der einen Smoking? warum?) aber schlichtweg unfertig; das Gesicht löst sich bei nahem Hinsehen in extreme Farbpartien mit brandroten Ohren und lodernden Haaren auf; umschattet ist der Kopf von etwas Ungreifbaren – seiner Seele, die sich von ihm entfernt hat? Der Maler hat keinen schmeichlerischen Blick auf sich selbst, er zeigt sein Gesicht als Kampfplatz, über das unsichtbare Mächte Krieg führen. Ich nehme an, die Ehepaare haben sich gegen Herrn Slevogt fürs Wohnzimmer entschieden, weil sie sich beim Fernsehen nicht böse anschauen lassen wollen. Ich würde seinen kritischen Blick gern öfter auf mir ruhen lassen – er reißt mich jedenfalls aus der Tempelruhe.


Anwendungsgebiet: Durchblutungsstörungen

Einnahme: Statt der klassischen Abreibung mit Brennnesseln oder Ameisengift die betroffenen Hautpartien einfach eine halbe Stunde lang dem brennenden Blick Slevogt aussetzen. Die Behandlung muss evtl. mit Unterbrechungen erfolgen, wenn die Hautpartie nicht in Gegenwart anderer Museumsbesucher entblößt werden kann. Für den Fall sollten Sie zwei Begleiter zum Schmiere stehen mitnehmen.

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