14.02. +++ Buckle your seatbelt, Dorothy

Ja, Schlangenlederjacken sind der Ausdruck von Individualität und Freiheit. In Cliché Country. (Bild von www.ifi.ie)
Ja, Schlangenlederjacken sind der Ausdruck von Individualität und Freiheit. In Cliché Country. (Bild von www.ifi.ie)

Naja, dachte ich, am Valentinstag darfs dann schon was Romantisches sein.

In dem wunderbaren Gedicht DONNA CLARA von Heinrich Heine gibt es die Zeilen „Kurze Worte, lange Küsse / Und die Herzen überflossen.“ Ich glaube, diese Zusammenfassung trifft auf WILD AT HEART von David Lynch zu. Das Roadmovie von 1990, das im Gegensatz zu seinen späteren Meisterwerken MULHOLLAND DRIVE und LOST HIGHWAY in extremer Weise in die Klischeekiste greift, lebt keinesfalls vom Dialog, nicht von der Story, schon eher von den Bildern, aber letztlich von der filmischen Komposition, und mit Sicherheit von der Musik. Der Rhythmus ist es, der den Zuschauer in den Film hinein saugt und ihn zu einem Gesamtkunstwerk macht. Da erleben wir gleich zu Beginn einen brutalen Totschlag – nicht die einzige Splatterszene im Film – gefolgt von einem Gefängnisaufenthalt für den armen Sailor, was jedoch nur den Sockel für die Erzählung der Beziehung zwischen ihm und Lula bildet. Die beiden lieben sich, und das ganz Außerordentliche an diesem Film ist, dass Lynch in der Lage ist, über eine lange Strecke hinweg das Glück dieser Liebe zu erzählen, in immer neuen Bildern, in Rückblenden und fantastischen Szenen, in denen dem mystischen Bezugswerk DER ZAUBERER VON OZ gehuldigt wird.

Warum muss ich bei dieser bösen, Lippenstiftbemalten Frau an SHINING denken? (Bild von http://moviemezzanine.com)
Warum muss ich bei dieser bösen, Lippenstiftbemalten Frau an SHINING denken? (Bild von http://moviemezzanine.com)

Denn mit Sicherheit ist dies ebenfalls ein Märchenfilm – jedenfalls sind sowohl die Guten als auch die Bösen in der Geschichte keine Figuren aus Fleisch und Blut, sondern Archetypen. Den Gegenpol zum Protagonistenpaar bildet die Mutter von Lula, die als böse Hexe immer wieder versucht, Sailor, der sie einst zurückwies, umbringen zu lassen. Dass sie im Verlaufe dieses Projekts, das freilich nicht gelingt, selbst große Verletzungen erleidet, macht sie komischerweise keineswegs zu einem gemischten Charakter; sie bleibt eine Märchenhexe. Der Rhythmus des Films ist nicht derjenige eines konventionellen Hollywoodfilms, die Dramaturgie, d.h. letztlich der Schnitt wirkt oft sprunghaft und willkürlich. Und doch folge ich bereitwillig jedem dieser Sprünge in die Vergangenheit oder die Welt der Hexen. Obwohl ich kein großer Wagner-Fan bin, fühle ich mich bei Werken, denen es gelingt, den Betrachter so in ihre eigene Sphäre zu ziehen, so auf ihr eigenes Tempo zu bringen, immer an dessen große Opern erinnert. Und – ja, eine weitere Parallele gibt es vielleicht noch: Sowohl Lynch als auch Wagner erklären nicht die Welt um uns herum, sondern ebenso wie ein Märchen geben sie uns komplexe Bilder mit auf den Weg, die eine tiefere (vielleicht auch höhere) Ebene unseres Bewusstseins ansprechen.

Große Kunst ist das, was in der klischeehaften „Stille zwischen den Tönen“ statt findet. Im Schweigen zwischen den Worten. Im Schwarz zwischen zwei Bildern. Sie manifestiert sich nicht im Stofflichen, sondern bleibt Ahnung, ein Sandkorn, um das sich unsere Gefühle ablagern können. Damit große Kunst statt finden kann, muss freilich um diese Leerstelle herum, ein äußerst künstlerischer Rahmen geschaffen werden. Und das können nur sehr wenige; David Lynch ist einer davon.


Anwendungsgebiete: Vorhofflimmern

Einnahme: Ganzen Film unabhängig von Mahlzeiten mit einem großen Glas Whisky runterspülen. Herzprobleme lösen sich innerhalb kürzester Zeit.

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