14.03. +++ Mit den Füßen zuerst

Wahrscheinlich tut ihm die Hand weh, weil er gerade einen Rivalen niedergeschlagen hat: Tom Jones (Bild von www.twitter.com)
Wahrscheinlich tut ihm die Hand weh, weil er gerade einen Rivalen niedergeschlagen hat: Tom Jones (Bild von www.twitter.com)

Ich kann jetzt nicht behaupten, dass die meisten Songs auf Tom Jones‘ letztem Studioalbum SPIRIT IN THE ROOM von einer brillanten Stimmqualität des 74jährigen Sängers zeugen würden. Das Album stammt von 2012 und trägt die Ordnungszahl 40. Ja. Es ist sein vierzigstes Studioalbum. Da ist Brillanz auch nicht mehr das Nonplusultra. Man kann ja auch viel machen, technisch. Aber ehrlich, mich interessieren viel mehr die unperfekten Stellen. Zum Beispiel in dem sehr schönen TOWER OF SONG, dem ersten Titel des Albums. „I was born like this, I had no choice / I was born with the gift of a golden voice“, das singt er, und die Endsilben sind oft ziemlich leer, und die Intonation will nicht so recht klappen, und es passt perfekt, wenn er von den Verlusten singt und vom Abschied. Seine Version ist jedenfalls um Klassen besser als die Orignalversion von Leonard Cohen. Was sicher am erschreckenden, dudelnden Hintergrundgebimmel bei Cohen liegt, aber auch an der Tatsache, dass Jones weiß, wohin er mit dem Song will. Und genau: Dieser Drive, die Unerschrockenheit, auch bei bröckelnder technischer Verlässlichkeit einfach drauf los zu singen, das macht das Album wirklich wertvoll.

Solides altes Haus: Er hat den Blues (Bild von www.rollingstone.com)
Solides altes Haus: Er hat den Blues (Bild von www.rollingstone.com)

Manche von den musikalischen Experimenten, die in SPIRIT IN THE ROOM enthalten sind, gehen mir ziemlich auf die Nerven, zum Beispiel BAD AS ME – fast so anspruchsvoll wie „Café Oriental“. Und dann wieder so wunderschöne, melancholische Nummern dazwischen wie ALL BLUES HAIL MARY. Der Geist des Blues jedenfalls, den Jones hier durch den Raum wehen lässt, entspricht dem Titel des Albums wesentlich mehr, als der pseudo-Tom-Waitssche Anarchismus von BAD AS ME. Aber immer wieder TOWER OF SONG. Jones weicht übrigens ein kleines bisschen vom Originaltext ab: Bei Cohen heißt es noch „they tied me to the table right here in the Tower of Song“ – in der Coverversion wird daraus „they tied me to the stage“. Und genau das ist der Eindruck: Jones ist ein Bühnentier, das die Bühne nur mit den Füßen zuerst verlassen wird. Solange, bis sie ihn runtertragen, wird er weiter performen, selbst wenn ihn nur noch seine schiere Willenskraft weitertragen wird. Bitte, es ist noch nicht soweit, er hat auch musikalisch noch einiges zu bieten, aber was uns hier anweht, ist der Geist eines Bühnentiers.


Anwendungsgebiete: Heimweh

Einnahme: Album vorsichtig anstellen; achten Sie auf die Dosierung. Wenn man ohnehin emotional angekratzt ist, kann diese Musik auch paradox wirken, und dann haben Sie den Salat und heulen plötzlich, wo Sie sich eigentlich beruhigen wollten. 

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