14.06. +++ Ein anderer Wind

Ein beeindruckendes Projekt: Bei solchen Dimensionen kann man schon mal vergessen, dass es hier eigentlich um Umweltschutz geht... (Bild von www.daserste.de)
Ein beeindruckendes Projekt: Bei solchen Dimensionen kann man schon mal vergessen, dass es hier eigentlich um Umweltschutz geht… (Bild von www.daserste.de)

Verratene Ideale, korrumpierte Umweltschützer, kapitalistische Ökounternehmer – der heutige Bremer Tatort WER WIND ERNTET, SÄT STURM betreibt eine interessante Ausweitung der Grauzone bis weit in die Nordsee hinaus. Dabei gelingt ein zu 80% spannender Krimi, der sich freilich gegen Ende ein bisschen zu apokalyptisch gebärdet.

Eher in der humorfreien Zone daheim: Lürsen und Stedefreund (Sabine Postel und Oliver Mommsen, Bild von www.daserste.de)
Eher in der humorfreien Zone daheim: Lürsen und Stedefreund (Sabine Postel und Oliver Mommsen, Bild von www.daserste.de)

Macher von Tatort- und Polizeiruf-Episoden stehen immer wieder vor folgender Frage: „Soll unser Drehbuch – bei aller Blutigkeit – zum Schmunzeln sein?“ Die Redakteure des Bremer Tatorts haben sich – zumindest in der heutigen Folge – grundsätzlich dagegen entschieden. Anders als der zuweilen klamaukige Münsteraner Tatort, anders als die immerhin ironischen Kollegen aus Wien oder gar der gerade in Ruhestand gegangene Polizeimeister Krause aus Brandenburg weht an der Norseeküste ein anderer Wind. Hauptkommissarin Inga Lürsen und ihr Kollege Kommissar Stedefreund sind professionell humorfrei, und obwohl ich ein freund der platten Pointe bin, habe ich diese Ernsthaftigkeit in der gestrigen Episode sehr gemocht. Das Thema ist ja auch – zumindest wenn man prinzipiell für die Energiewende und eine ökologische Marktwirtschaft ist – nichts zum Lachen: Wie umweltschädlich sind eigentlich die riesigen Windparks, die zur Zeit in der Nordsee gebaut werden? Dass Schweinswale sehr unter den Bauarbeiten leiden, ist mittlerweile bekannt, aber sind die Parks auch noch „Vogelhäcksler“, wie im Tatort beschrieben? Sind das Kollateralschäden einer prinzipiell richtigen Entwicklung, oder hat dieses gigantische Projekt schon ganz zu Anfang seine Unschuld verloren?

Wenn sich Umweltverbände, Industrie und Finanzheuschrecken gemein machen, wird der Aktivist zum Terroristen - so die Botschaft von WER WIND ERNTET, SÄT STURM (Thomas Heinze, Lucas Prisor, Annika Blendl, Rafael Stachowiak; Bild von www.daserste.de)
Wenn sich Umweltverbände, Industrie und Finanzheuschrecken gemein machen, wird der Aktivist zum Terroristen – so die Botschaft von WER WIND ERNTET, SÄT STURM (Thomas Heinze, Lucas Prisor, Annika Blendl, Rafael Stachowiak; Bild von www.daserste.de)

Helmut Zierl darf als Umweltaktivist Henrick Paulsen zu Beginn des Tatorts eine Windkraftanlage hochklettern und per Kamera die Vogelleichen dokumentieren – eine Anklage, die den Unternehmer Overbeck (Thomas Heinze), in den Unterleib trifft, denn er hat ohnehin ein akutes Liquiditätsproblem. Als Paulsen verschwindet und ein anderer Mitarbeiter seiner Aktivistengruppe tot aufgefunden wird, liegt der Verdacht nahe, der Unternehmer hätte unliebsame Kritiker aus dem Weg geschafft. Pikant ist, dass Overbeck und Paulsen eine gemeinsame Vergangenheit im Umweltschutz haben, gemeinsam mit Katrin Lorenz, der Mutter von Paulsens Tochter. Diese ist als Geschäftsführerin von „Deutschlands größter Naturschutzorganisation“ so eng mit der Industrie (z.B. Overbeck), der Presse, aber auch dem Finanzgeschäft in Form eines Hedgefonds verbunden, dass ihr Engagement für den Umweltschutz bezweifelt werden darf.

Aktivist und Polizist rasseln aneinander (Bild von www.daserste.de)
Aktivist und Polizist rasseln aneinander (Bild von www.daserste.de)

Ohne mich im Metier genauer auszukennen, deutet für mich alles darauf hin, dass Drehbuchautor Wilfried Huismann einen sehr sorgfältigen Job gemacht und die Hintergründe bzw. Zusammenhänge zwischen den Partnern dieser neuen Industrie gut recherchiert hat. Die Schwierigkeit für ihn bestand nun darin, den Komplex innerhalb der Handlung einer so relativ konventionellen Krimigeschichte unterzubringen. Dass der Umweltaktivist Paulsen, wie sich am Ende herausstellt, seinen eigenen Mitstreiter (der ohnehin unheilbar durch Pflanzenschutzmittel geschädigt war) und anschließend sich selber für die Sache tötet, kommt dabei noch als relativ glaubhafter Geschichtsbaustein daher. Die Radikalisierung, die sein Ziehsohn Kilian Hardendorf (gespielt von Lucas Prisor) durchläuft, allerdings nur bedingt – immerhin tötet er um der Sache willen kaltblütig vier Menschen, sich selbst eingeschlossen. Möglich ist alles, aber ich bin ausgestiegen, als er mit seinem Rollkoffer zur Vorstandssitzungsgeiselnahme des Hedgefonds zuckelte.

Ein ausdrückliches Lob muss ich für die Schauspieler loswerden – sowohl Thomas Heinze als Overbeck, Annika Blendl als Katrin Lorenz und Lucas Prisor als Kilian statten ihre Gastrollen mit beeindruckender Präzision aus. Das Lob gilt also auch für den Regisseur Florian Baxmeyer, der gemeinsam mit dem Komponisten (Stefan Hansen – sehr guter Soundtrack) einen atmosphärischen und spannenden Tatort gestaltet haben.

Anwendungsgebiet: Lähmungserscheinungen, v.a. bei der Umsetzung der Energiewende.

Einnahme: Die Elektro(Schock)Therapie mit Ökostrom könnte dazu führen, sich nochmal Gedanken zu machen, worums eigentlich geht. Nicht um Geld, sondern um Nachhaltigkeit. Mehrfach müssen Sie sich den Tatort nicht angucken, aber wenn Sie ihn verpasst haben, holen Sies ruhig in der Mediathek nach.

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