15.01. +++ Belagerungswaffen

Hoffmannswaldau VERGÄNGLICHKEIT DER SCHÖNHEITOkay, mit meinem heutigen Kunstwerk gewinne ich wahrscheinlich keinen Originalitätswettbewerb, aber ich liebe dieses kleine Gedicht und ich will Ihnen sagen, wieso. Es geht um Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau VERGÄNGLICHKEIT DER SCHÖNHEIT. Öha, hör ichs da schallen, Barock? Ja, das ist ein Barocksonett, und zwar eins der besten, das auf deutsch geschrieben wurde. Liebesgedichte werden ja in der Regel geschrieben, um den geliebten Menschen endlich rumzukriegen – deshalb finden sie AUSSCHLIESSLICH in der Anfangsphase einer Beziehung statt, in der es noch nicht zum Geschlechtsverkehr gekommen ist. Wer später noch Gedichte schreibt, leidet an – naja irgendeiner Dichterkrankheit halt. So wie Krätze. Im Barock herrschte ja sehr intensiv Krieg in Deutschland, weshalb die Lebenserwartung kurz war – in vielen Fällen erinnert der Dichter die Geliebte gern daran, und zwar nach dem Motto: Wenn du schon mit mir schlafen willst, lass es uns lieber gleich tun, weil morgen sind wir vielleicht schon tot. Freund Hein lauert an jeder Straßenkreuzung der Barocklyrik. QuelleHoffmannswaldau lässt den Sensenmann mit schauriger Beherztheit gleich zu Beginn seines Sonetts ins Dekolleté der bedichteten Dame greifen, was ihr sicher eine ziemliche Gänsehaut verursacht hat. Und dann packt er die volle Ladung an literarischen Special Effects aus, um sie weiter einzuschüchtern: Jeder einzelne Körperteil wird verschrumpeln, vertrocknen, zerfallen; genüsslich zelebriert er die Demontage der Geliebten vom Scheitel bis zur Sohle. Und wahrscheinlich hat die Adressatin fest damit gerechnet, dass am Ende des Katalogs die Aufforderung steht, sich dem Dichter doch endlich zu erbarmen, und so den jetzt noch vorhandenen Hauttonus zu nutzen, weil es wär doch schade um die schöne Schönheit. Pustekuchen. Denn es handelt sich bei VERGÄNGLICHKEIT DER SCHÖNHEIT gar nicht um ein Werbungsgedicht, sondern es gehört zur von mir so genannten Gattung der Showdown-Gedichte, in denen der Dichter mit der Geliebten, die ihn immer wieder hingehalten hat, die er mit süßesten Worten umworben hat, der er den Nektar seiner Dichterseele tropfenweise aufs Papier geträufelt hat, ein für allemal endgültig und unumstößlich abrechnet. Was ihr natürlich nur recht geschieht, und außerdem stimmt es sie ja vielleicht um. Manche Dichter haben ja nach erfolglosen Belagerungen hinterher behauptet, das Scheitern sei Absicht gewesen, es sei sowieso nur um die Kunst gegangen und man habe die Angebetete mit den schönen Versen nur quälen wollen. Was ich keinen Moment lang glaube, aber es sich hinterher schön zu reden hilft erstens dem Selbstbild und ist zweitens vielleicht auch verkaufsfördernd. Und wenn das alles nicht hilft, dann halt ein schönes Showdown-Gedicht. Hoffmannswaldau droht der Geliebten am Ende gar nicht mehr, sondern stellt einfach fest, dass sie mit ihrem harten Diamantherz echt Pech gehabt hat, weil der kalte Stein in ihrer dann welken Brust als einziges von ihr übrig bleiben wird. Mal dir selbst aus, wie das im Alter sein wird, wenn du noch nicht mal die Erinnerung an eine kleine Jugendsünde mit mir hast. Echt ne ziemlich miese Tour von unserem Dichter, aber bei ihm kommen (Dreißigjähriger) Krieg und Liebe immerhin zeitlich zusammen, so dass wir ihm so Einiges nachsehen müssen. Ob er bei seiner Angebeteten noch Gehör gefunden hat, ist mir leider nicht bekannt.


Anwendungsgebiete: Schüttelfrost und Fußkälte*

Einnahme: Einen Tee aus Hoffmannswaldau-Gedichten machen, zehn Minuten ziehen lassen, dann einen Rum trinken und aus den Blättern die Zukunft lesen.

* Das Gedicht eines Zeitgenossen klärt uns über die schon zu seinen Lebzeiten bekannten heilsamen Wirkungen von Hoffmannswaldaus Gedichten auf:

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