15.02. +++ Schrottreife Familie

Blutschuld
Eine idyllische Wohnlage radiert kein Trauma aus: Martin Wuttke und Uwe Bohm in BLUTSCHULD (Bild von www.daserste.de)

Ich hätte es ihm wirklich gern geglaubt, dem jugendlichen Straftäter. Dass er eine Aussöhnung zu seinen Opfern sucht, und auch in seiner Familie Frieden stiften will. Dass letztlich das Gegenteil der Fall war, ist angesichts der schrottreifen Familienbande, die keinem beim Tod eines anderen Tränen in die Augen treiben, aber letztlich auch keine Überraschung – hier lag Einiges im Argen. Den Schlüssel sowohl zu den Verbrechen als auch zu den verkorksten Charakteren aller Mitglieder des Kosen-Clans, hat Drehbuchautor und Regisseur Stefan Kornatz in dem gewalttätigen Patriarchen gekonnt zu Anfang von BLUTSCHULD platziert; der Alte (seines Zeichens Besitzer eines Entsorgungsunternehmens) hatte nicht nur vor Jahren seine Tochter vergewaltigt, sondern auch seinen Sohn (mindestens emotional) missbraucht und die Tochter seines früheren Geschäftspartners Seitz (vermeintlich) überfahren, dazu behandelte er seinen ebenfalls in der Firma arbeitenden Schwiegersohn auch nicht gerade mit Glacéhandschuhen, so dass es ein gerüttelt Maß an Motiven für seine Ermordung gab. Nachdem freilich Tochter und Schwiegersohn dem Vater über den Acheron folgen mussten und der ehemalige Geschäftspartner ein hieb- und stichfestes Alibi hatte, blieb nur noch der scheinbar geläuterte Sohn übrig, was fast schon zu einfach schien – und da serviert uns Kornatz mit einer geschickten Volte noch ein Sahnehäubchen: Nach vollzogener Rache will der Sohn sich töten lassen, indem er dem Geschäftspartner erklärt, er sei schuld am Tod seiner Tochter, was gleichzeitig den Showdown auslöst (Keppler und Saalfeld können gerade noch verhindern, dass der Sohn tatsächlich erschlagen wird) und das Monster von Patriarchen menschlicher macht, denn der hatte damals für seinen Sohn den Kopf hingehalten.

BLUTSCHULD war wohl ihr vorletzte Tatort - schade: Simone Thomalla (Bild von www.daserste.de)
BLUTSCHULD war wohl ihr vorletzte Tatort – schade: Simone Thomalla (Bild von www.daserste.de)

Na klar: Bei einem Tatort steht und fällt alles mit der Qualität der Kommissare, und über Scarface Martin Wuttke und Pokerface Simone Thomalla lässt sich wirklich nichts Negatives sagen. Auch die weiteren Figuren, Uwe Bohm als Ex-Partner Christian Scheidt, Natalia Rudziewicz als Tochter Sofie Kosen oder Tino Hillebrand als Täter Patrick Kosen liefern allesamt bemerkenswerte schauspielerische Leistungen ab, aber – und ich versuche jetzt mal nicht hymnisch zu werden – die Qualität liegt bei diesem Tatort tatsächlich beim Autor und Regisseur. Denn über die Tatsache hinaus, dass er einen spannenden Krimi kreiert hat, hat er hier auch noch ein heikles Thema angeschnitten, und zwar indirekt und unaufdringlich: Können Täter und Opfer von Missbrauch, und im weiteren Sinne von Straftaten, noch miteinander leben? Zwar wird die „Läuterung“, die der Sohn als jugendlicher Straftäter im Gefängnis vorgeblich erfahren hat, nicht gezeigt, aber sein Therapeutensprech wird mehrmals thematisiert, und wie sich herausstellt, war es nur Tarnung für weitere Morde, auch wenn er wohl an irgendeine Art von Spiritualität glaubte, wie uns angezündete Kerzen versicherten. Freilich – Verdrängung und Abtrag der Schuld in barer Münze, wie die Tochter das betrieben hat, ist auch nicht zielführend, was sich am Konflikt mit ihrem Mann zeigt. (Hier wäre noch eine Szene zwischen den Eheleuten schön gewesen.) und das dritte Modell – die ewig schwärende Wunde, wie beim Ex-Partner kann natürlich auch kein wirkliches Weiterleben ermöglichen. Lautet das Fazit also, dass manche (Blut-)Schuld(en) sich niemals abtragen lassen? Die Kommissarin nimmts lakonisch und fragt sich, ob sie zu spät oder zu früh gekommen sind, indem sie den Tod des Täters verhindert haben. Ja, das ist nicht bahnbrechend, dass die Polizistin an der Gerechtigkeit ihrer Sache zweifelt. Aber ich nehms ihr ab.


Anwendungsgebiete: Schwere Bronchitis

Einnahme: Angucken, halt. Ok, der Tatort behebt die Bronchitis nicht, aber er lenkt super ab.

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