15.03. +++ Altlasten

Frauenduell Nr. 1: Die traumatisierte Kommissarin (Sabine Postel) und die überlegene Mutter (Gabriela Maria Schmeide), ausgetragen mit dem Florett (Bild von Jörg Landsberg, www.daserste.de)
Frauenduell Nr. 1: Die traumatisierte Kommissarin (Sabine Postel) und die überlegene Mutter (Gabriela Maria Schmeide), ausgetragen mit dem Florett (Bild von Jörg Landsberg, www.daserste.de)

An des Märzen Idus ist es nur passend, sich ein bisschen mit Mord zu beschäftigen, es sei allerdings gleich vorausgeschickt, dass der heutige Bremer Tatort DIE WIEDERKEHR aber auch nicht die Bohne mit der Ermordung des Julius Cäsar vor 2059 Jahren zu tun hatte. Und außerdem: Mord? Gut, es werden da zwei ältere Hippies ermordet, und zwei Menschen begehen Selbstmord, aber die zentrale Tat, um die sich der Film dreht, ist ein Unfall mit Todesfolge. Tragischerweise wird dieser Todesfall durch den fünfjährigen Bruder eines siebenjährigen Mädchens verursacht, und dieser traumatische Umstand ist der Motor, der die Handlung antreibt. Denn die Mutter will – wie alle Mütter – das Böse um jeden Preis von ihrem Kind abhalten, und erzeugt dadurch noch mehr Böses. Ein brillantes psychologisches Motiv, das für eine spannende Handlung sorgt (Buch von Matthias Tuchmann und Stefanie Veith; Drehbuchvorlage von Felice Götze und Sabine Radebold) und den souveränen Schauspielern eine großartige Spielvorlage bietet.

Selten stand ein Fall Sabine Postel aka Hauptkommissarin Inga Lürsen so gut wie dieser. Die Kommissarin muss es ertragen, vor zehn Jahren den Vater der damals vermisst gemeldeten Fiona in den Selbstmord getrieben zu haben, denn sie hatte ihn im Verhör verdächtigt, seine Tochter verschleppt oder womöglich sogar getötet zu haben, und sie hatte ihn auch relativ hart angefasst. Wir sprechen nicht über die CIA; das Verhalten, dass die Kommissarin damals an den Tag legte, hält einer Überprüfung zwar stand – aber der Zweifel nagt, zumal die Leiche der Kleinen nie gefunden wurde. Und nun, nach zehn Jahren, steht das Mädchen vermeintlich wieder vor der Tür. Die Mutter (glänzend: robust auf tönernen Füßen gespielt von Gabriela Maria Schmeide) damals ein langhaariges Naturwesen, heute eine igelgegelte (Ja, lesen Sie dieses Wort mal laut vor!), nimmt sie zunächst skeptisch, aber schließlich mit Befriedigung wieder auf. Und ohne dass sie es groß ausspielen würde (Dank an die Regie von Florian Baxmeyer!) bleibt ein Unbehagen angesichts ihres Verhaltens, bis schließlich so viele Zweifel an der Wiederkehr des Mädchens bestehen, dass mit der Hilfe der anderen Tochter (die sich als Adoptivkind herausstellt) das Kuckuckskind und die Komplizenmutter überführt werden können.

Frauenduell Nr. 2 zwischen den vermeintlichen Schwestern Fiona (Grob Swantje Kohlhof) und Kathrin (Amelie Kiefer), ausgetragen mit Glasscherben in Muffins (Foto Jörg Landsberg, von www.daserste.de)
Frauenduell Nr. 2 zwischen den vermeintlichen Schwestern Fiona (Grob Swantje Kohlhof) und Kathrin (Amelie Kiefer), ausgetragen mit Glasscherben in Muffins (Foto Jörg Landsberg, von www.daserste.de)

Ohne DNA-Test wäre der Fall wohl sehr schwierig zu lösen gewesen – andererseits sorgte ein instabiles Element dafür, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Denn Elena, so der eigentliche Name des Mädchens, das sich als Fiona ausgibt, ist weder von der Mutter engagiert worden, noch arbeitet sie als Einzeltäterin. Ihr Komplize (der die Hippies, bei denen sie sich vorher eingenistet hatte, umgebracht hat) und generell ein eher psychotisch getunter Verbrecher ist, gefährdet die angenommene Identität seiner Freundin. Obwohl ich Tilman Strauß (übrigens ein Absolvent der Ulmer Schauspielschule) seinen Borderline-Verbrecher, der nun freilich nicht viel Raum im Tatort hat, durchaus abgekauft habe, wäre es für die Handlung etwas schlüssiger gewesen, hätte er sich nicht so weit aus dem Fenster gelehnt. Möglich ist das natürlich alles, rein psychologisch, aber tut das Not? Wahrscheinlich brauchte die Dramaturgie noch ein bisschen Pep, und dafür gabs ihn. Ist ja schon auffällig, dass da vier Leute am Drehbuch arbeiten. Nicht, dass es ihm nicht gut getan hätte – besonders positiv hervorzuheben ist die Tatsache, dass so viel visuell erzählt wurde, zumal über die Verfassung der Mutter, der Kommissarin, der Töchter. Zu denen möchte ich noch ein Wort verlieren: Gro Swantje Kohlhof spielt die psychisch instabile Fiona/Elena wunderbar, aber angesichts des traumatisierten Charakters ist diese Figur in ihrer Extremität sicher klarer zu fassen als die andere Tochter, Kathrin. Hier ist Amelie Kiefer hervorzuheben, die die zwischen Hoffnung und Zweifel zerrissene ältere Schwester souverän diesen schmalen Grat entlang führt, um am Ende zum Sturz ihrer Adoptivmutter beizutragen. Ähm. Und da schließt sich dann doch wieder der Bogen zur Ermordung von Julius Cäsar, denn das Private ist ja doch immer politisch, und es soll mir keiner sagen, dass Brutus nicht doch immer irgendwie einen Minderwertigkeitskomplex mit sich herumgetragen hat, weil er eben „nur“ adoptiert war.


Anwendungsgebiete: Schlafstörungen

Einnahme: Schauen Sie sich den ruhig nochmal an, in der Mediathek, den Tatort. Er ist nicht so spannend, dass Sie nicht einschlafen würden, und er hält Sie vielleicht davon ab, sich zu viele Sorgen um das Wohl Ihrer Kinder zu machen. Das raubt Eltern ja oft den Schlaf. Aber ein paar negative Erfahrungen müssen Sie halt doch machen, sonst wirds alles immer nur noch schlimmer. Seufz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.